Jahrgang 
2 (1855)
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Mädchenbriefe.

aber daß Tobias mit ſolchem Intereſſe ſeine Vorleſungen daraus hört und die alten Bilder beſteht, das ſcheint mir faſt Heuchelei. Tobias zeichnet daneben eine Karte von dem Gut und iſt mit Leib und Seele in dieſe Arbeit vertieft. Und in all dieſem proſaiſchen Treiben deine arme Fanny allein,

Allein, wie in dem Sarg die Leiche,

Allein, wie in des Blau's Bereiche

Die dunkle Wolke ſturmbeſchwert

Am heitern Tag vorüberfährt.

Allein mit ihren ſtillen Thränen, ihren ſüßen Erinnerungen, unter Larven die einzig fühlende Bruſt.

Das klingt freilich zu hart, iſt aber auch nicht ſo ſchlimm gemeint.

Mit Tobias bin ich noch ernſtlich geſpannt; ich hätte ihm vielleicht das bittere Unrecht verziehen, das er mir kürzlich zugefügt, mich ſelbſt⸗ ſüchtig zu nennen, deren höchſter Wunſch, eine glückliche Zukunft, nur darum iſt, weil ich die Mutter beglücken möchte! Aber verkannt zu werden iſt ja Erdenloos.

Ich habe ſchon vergeben, Des Friedens Schatten ſchweben, Wo ſanft ein Herz voll Liebe ruht.

Aber er läßt nicht nach, mich zu kränken. Kürzlich war Beſuch vom Städtchen da: eine Frau Verwaltungsaktuarin und ihre Schweſter, die Frau Amtspflegerin und ihre Tochter, du kannſt dir nichts Langweili⸗ geres denken. Ich flüchtete mich in meine geliebte Laube mit einem italie⸗ niſchen Buch; o dieſe ſüßen Laute! Da ſtand auf einmal der Vetter Tobias vor mir,es iſt Beſuch oben, Bäschen, ſagte er in einem rechten Schulmeiſterton.Ich weiß es, erwiderte ich gleichgültig.Man weiß, daß Sie da ſind, ſagte er wieder,es fällt doch auf, wenn Sie allein im Gar⸗ ten ſitzen.Ich halte nicht für nöthig, ſagte ich ziemlich gereizt,meine Zeit in einer Geſellſchaft zuzubringen, in der ich nicht verſtanden werde, wo ich weder Genuß, noch Veredlung ſuchen darf. Ich konnte ihm freilich nicht ſagen, daß die Frauen oben und ſelbſt die Mädchen von kleinen Kin⸗ dern, Windeln und was ſonſt geſprochen hatten, was ein feinfühlendes Weſen doch in etwas genirt.

Wiſſen Sie das gewiß? fing er wieder an,Mathilde, die Schwe⸗ ſter der einen Frau, hat ihre alten Eltern Jahrelang mit Treue gepflegt und mit ihrer Hände Arbeit erhalten, Sophie, die Tochter der Amtspflegerin,