Jahrgang 
2 (1855)
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Von Ottilie Wildermuth. 7

3. Stauffenberg.

So wäre ich alſo hier, meine Liebe, ich komme ſpäter zum Schreiben als ich geglaubt; es iſt alles ſo viel anders, wie ich mir vorgeſtellt, aber doch nett, und ländlich, gewiß ganz ländlich. Ich bin letzten Freitag angekommen, Onkels Gefährt hat mich auf der Poſt abgeholt, eine etwas ſonderbare Kutſche, ſie iſt grün angemalt und hat keine Thürchen zum Oeff⸗ nen, man muß oben hineinſteigen, ein alter Knecht in einem grauen Mantel kutſchirte, die Pferde ſind angezogen wie Ackergäule, es iſt alles recht nett; aber ich war eigentlich doch froh, daß mich niemand aus der Stadt geſehen hat. Eben wollte ich mich dem biedern Alten mit ein paar freundlichen Worten nähern, da fing er an auf eine ganz rohe Weiſe zu fluchen über mein vieles Gepäck, zu dem außer dem früher beſchriebenen nur noch das Notenkiſtchen und das Guitarrenfutteral gekommen war; wenn mir's nicht Spaß gemacht hätte, als er bei der Guitarre ſagte:dui Geig⸗ kah des Jungferle uf d'Schoß nemma, ſo hätte mich dieſe Rohheit recht gekränkt, obwohl er's nur für ſich brummte. Er brachte alles unter, ging aber ſo rückſichtslos mit den Sachen um, daß ich immer in Todesangſt war, da bei jedem Stoß auf dem ſteinigen Weg alles zuſammenholperte und rumpelte.

Wir kamen endlich an; ach Julie! das Schloß iſt ganz anders, als ich mir gedacht, es iſt gar kein Schloß, und iſt nicht alt, und hat keinen Erker und ſteht auf keiner Höhe, es iſt nur ein Haus, lang und gerade mit vielen Fenſtern, einige Schnörkel über dem Portal und blecherne Delphine an den Waſſerrinnen ſind der einzige Schmuck. Und dann ſteht es mitten im freien Ackerfeld, ringsum nichts als Aecker und ein Gemüſegarten, nur auf der Rückſeite ſieht man auf den grünen Wald. Ach, Liebſte, in ſo lang⸗ weiligen Räumen kann ſich nichts ereignet haben!

Großonkel und Tante empfingen mich unter der Hausthüre recht freundlich, ich war froh, daß ich den Onkel ſchon kannte, denn die Groß⸗ tante ſieht etwas trocken aus, ſte iſt eine ältliche Frau und wird nie ſchön geweſen ſein; ſehr einfach gekleidet, aber ſo gar friſch und ſauber, alles wie ganz neu, und doch bemerkte ich ſpäter, daß ihr graues Kleid vielfach ausgebeſſert iſt.

Ich glaubte, der Onkel wolle ſich krank lachen über mein Gepäck; als ich vollends noch den geſtickten Feldſtuhl, den mir die Mädchen für meine ländlichen Spaziergänge zum Abſchiedsgeſchenk gegeben, die Farbenſchachtel