Jahrgang 
2 (1855)
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6 Maädchenbriefe.

Seines Mundes Lächeln, Seiner Augen Gewalt.

O, das iſt ſchmerzlich, und weißt Du, daß er jetzt ſchon zweimal mit mir geſprochen, und ich einmal mit ihm! in der letzten Singſtunde, wo ich wagte, ihm zu ſagen, daß ich austrete, und um ſeinen Rath über Muſtkalien bat.

O, er wußte nicht, warum meine Stimme zitterte, er war der Lehrer, ich die Schülerin; es iſt wohl beſſer, wenn ich gehe, ich werde ihn ja nie mehr ſehen.

Wandle, wandle deine Bahnen, Hoher Stern der Herrlichkeit!

Ach, ich habe wohl einmal geträumt, geträumt, wenn ich es will nicht aus der Feder, wenn ich Sein wäre! welch ſelige Zukunft wäre das! Ich weiß wohl, er iſt arm, wie ich, aber das iſt ja eben ſo gött⸗ lich, da kann man ſich ſolche Opfer bringen, er hat Talente, und ich, o, wie hätte ich arbeiten wollen! ich hätte Stunden gegeben den ganzen Tag, und die Nächte durch hätte ich gearbeitet, für Ihn! Die Mutter hätten wir zu uns genommen und auf den Händen getragen, und für alle Mühe hätte mich ein Lächeln von ſeinen Lippen(weißt Du noch, dieſen wunderbar fein geſchnittenen Mund zwiſchen dem ſchwarzen Bart) reich, o wie reich belohnt.

Es ſollte nicht ſein.

Was iſt's, wenn er im Leben Von mir gewendet geht?

Ich will ihm gern vergeben, Daß er mich nicht verſteht.

Du kehrſt bald in die Reſidenz zurück, theure Julie, in der Singſtunde denke auch an Deine

entſagende Fanny.

Bitte, ſchicke mir den Thomas a Kempis, und dein breites blaues Band zur Guitarre, kannſt mein roſafarbenes dafür nehmen; ich denke doch Hut⸗ und Lautenband ſollten gleich ſein.

Den nächſten Brief von Stauffenberg aus, welch romantiſcher Name! Ich kann mir Großonkels alterthümliches Schlößchen ganz vorſtellen, ich werde wohl ein Erkerſtübchen bewohnen, da wird's freilich ein bischen ſchauerlich ſein.