Jahrgang 
1 (1855)
Einzelbild herunterladen

Von F. W. Hackländer. 477

folgen zu können; auch mochte er ſich keine Blöße geben, that als verſtehe er mich vollkommen und überſetzte demgemäß den Andern meine Reden auf's allerbefriedigendſte. Dabei war ich ehrlich genug, ihnen Ausſicht auf viel Blei und wenig Silber zu geben. Recht froh war ich indeſſen, als der her⸗ anraſſelnde Eilwagen mein Exa men unterbrach; doch hatte der TitelBerg⸗ meiſter ſo viel genützt, daß ein junger Spanier, der vorn in der Berline ſaß, auf die Imperiale befördert wurde, vielleicht wider alles Recht, denn er ſträubte ſich anfangs, ich dagegen von dem Poſtmeiſter auf die höflichſte Art erſucht wurde, ſeinen Platz einzunehmen. Horſchelt bekam einen Eckplatz im Innern, und ſo rollten wir wohlgemuth in die Nacht hinaus, abwärts dem ſchönen Andaluſien zu.

Gegen zehn Uhr kamen wir nach la Carolina, dem Hauptort der Colonien, von denen ich oben geſprochen. Leider war es zu dunkel, um eine Anſicht dieſes Ortes, der faſt ganz von Deutſchen gegründet wurde, zu ge⸗ winnen. Daß er aber durchaus keinen ſpaniſchen Charakter hat, bemerkte ich ſchon im Hereinfahren, denn die breite Straße war vortrefflich unter⸗ halten. Hauptſächlich waren es Schwaben, die la Carolina bevölkerten; doch iſt im Laufe der Zeit die deutſche Sprache gänzlich verloren gegangen. Rochau erzählt in ſeinemReiſeleben, als er la Carolina im Jahre 1845 beſuchte, er kam am Tage durch die Stadt und hatte Zeit, ſich umzu⸗ ſchauen, habe er lange vergeblich nach irgend jemand geforſcht, der noch deutſch ſpräche.Endlich, ſo erzählt er,fand ich eine achtzigjährige Frau, altersſchwach und ſehr ſchwerhörig, die mich, als ich mich ihr als Lands⸗ mann vorſtellte, mit wahrer Herzlichkeit bei der Hand nahm und neben ſich auf einen Stuhl niederzog. Die gute Alte redete ihre Mutterſprache in der That ganz deutlich, aber ſie mußte oft lange nach dem Ausdruck ſuchen. Es iſt ſo lange her, ſagte ſie zu mir,daß ich nichts anders mehr ſprechen höre als ſpaniſch. Sie ſehen, ich bin ſehr alt, ich bin mehr als ſechszig, ich bin mehr als ſiebzig warten Sie, ich bin jetztvier Thaler alt. Ich errieth, was ſie ſagen wollte. Das Wort achtzig war ihr entfallen, und ſie fand zu ſeiner Bezeichnung nichts näher liegendes als den Gedanken: ſo viel Jahre als vier Thaler Realen haben, den ſie nicht in die gehörige Form zu bringen wußte. Ihr Mann, der bald darauf eintrat, um zehn Jahre jünger, ſprach ebenſo gut, und er verſtand mich beſſer als ſeine Frau, welche über die Reinheit meines Dialektes die unverholenſten Zweifel laut werden ließ. Die beiden alten Leute waren gleichfalls in der Colonie geboren, und