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Man mußte der Kälte ebenſogut Trotz bieten, als der Hitze, und durfte ſich weder vor Regen noch vor Sturm ſcheuen. Bedenkt man dann noch die ſchlimmen Wege durch Länder, in denen noch gar keine Straßen exiſtirten, ſowie die noch ſchlimmeren Uebergänge über Sümpfe und Bäche oder über Felſen und Gebirge, ſo wird man wohl zugeben müſſen, daß eine ſolche Pilgrimſchaft keine Luſtfahrt war. Allein ſie ſollte auch keine ſein, ſondern vielmehr ein Opfer, das
man dem Herrn brachte! Man wollte ja durch ſie zeigen,
daß man bereit wäre, ſelbſt über Dornen und haarſcharfe Steine hinwegzuſchreiten, um ſeine tief unterwürfige Gott⸗ ergebenheit zu beweiſen! Man wollte ja dem Erlöſer nach⸗ ahmen, der die größten Qualen für die Menſchheit ausge⸗ ſtanden, obwohl keine Sünde je in ihm gewohnt hatte! Das Bild auf S. 549 zeigt eine ſolche Pilgrimfamilie. Sie beſteht aus einem Manne, der uns gleich durch ſeinen
Pilgerſtab, ſeinen Pilgerhut, ſowie ſein Pilgerkleid auffällt; ferner aus einem noch ziemlich jungen Mädchen, wahrſchein⸗
lich ſeinem Töchterlein, das ſich an ihn geſchmiegt hat, und endlich aus zwei erwachſenen Frauen, deren eine ihrem Al⸗ ter und Benehmen nach die Mutter der andern zu ſein ſcheint. Drei dieſer Pilgrime, der Mann, das Töchterlein und die alte Mutter haben alle Mühſeligkeiten mit großer Ausdauer überſtanden, und ſie freuten ſich ohne Zweifel tiefinnerlichſt, als ſie endlich nach langer, langer Wande⸗ rung die Thürme der ewigen Stadt vor ſich blinken ſahen. Das Ziel ihrer großen Reiſe lag ja nun vor ihnen und
nach wenigen Schritten ſtanden ſie inmitten Roms! Aber
ſiehe da, das vierte Glied ihrer Geſellſchaft, die Tochter der alten Frau, ſah ſich nicht im Stande, den letzten Schritt zu thun. Im Angeſichte der ewigen Stadt, hart vor der Schwelle des erſten kirchlichen Heiligthums, deren Rom ſo viele Hunderte zählt, ſank ſie nieder, weil ihre wunden Füße ſie nicht weiter trugen! Füße waren krank, nein ihr ganzes Weſen und Sein erlag den übermenſchlichen Strapazen, welche ſie zu überſtehen gehabt, und wie ſie niederſank, ſchloſſen ſich die todtmüden Augen, wie zum ewigen Schlafe! Doch— Hülfe war nicht fern! Als die erſte, welche neben ihr niederkniete, um fie zu unterſtützen, müſſen wir natürlich ihre alte Mutter nennen, denn Mutterliebe verläugnet ſich nie; aber zu glei⸗ cher Zeit eilten auch aus dem Kloſter daneben zwei Mönche herbei, um ſofort werkthätig einzugreifen. Ihre Pflicht war es ja, der hülfebedürftigen Menſchheit bei jeder Ge⸗ legenheit beizuſpringen, wie viel mehr mußten ſie ſich ver⸗ pflichtet fühlen, ſich einer Pilgerin anzunehmen, die nach
Feierſtunden. 1865.
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Und nicht blos die
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Rom kam, um in deſſen Heiligthümern Vergebung der Sün⸗ den zu erflehen? So ließ ſich denn der Eine von ihnen zu den Füßen der ohnmächtigen Kranken nieder, löste die zerriſſenen Sandalen ab und legte einen kühlenden Verband um die geſchwollenen oder blutenden Theile; der Andere, der Kuttenträger, aber ſtellte ſich zu Häupten der Kranken und träufelte einen ſtärkenden Balſam auf ein Tuch, um ihr dieſes um die Stirne zu binden. Bei ſolcher Sorg⸗ falt und Liebe konnte es alſo nicht fehlen, daß die arme Pilgerin ſich wieder erholte, und ſicherlich war ſie in weni⸗ gen Tagen wieder hergeſtellt. Gott verläßt ja Keinen, der in ſeinem Dienſte begriffen iſt!
Auf dieſe Art wurde es früher mit den Pilgerfahrten gehalten, und kein Menſch wird läugnen, daß ſie damals ſchon deßwegen ein verdienſtliches Werk waren, weil ſie den Menſchen zur Demuth und Selbſtaufopferung, ſowie zur Kenntniß der eigenen Sündhaftigkeit und zum Gelöbniß der Beſſerung hinführten. Später jedoch arteten die Wallfahr⸗ ten vollſtändig aus und wurden zum Geſpött aller recht⸗ ſchaffenen, ehrbaren und verſtändigen Menſchen. nämlich mehrten ſich durch die in's Maſſenhafte gehende Heiligſprechungen die Wallfahrtsorte in's Unendliche, indem faſt jede Kirche, ſowie ohnehin jedes Kloſter, jede Abtei und jeder Biſchofsſitz des Nutzens halber, welchen die ein⸗ kehrenden Pilgrime brachten, ſein eigenes wunderthätiges Marien⸗ oder Heiligenbild haben wollte, ſondern man er⸗ klärte auch prieſterlicher Seits, daß ſchon das Pilgern„an ſich“ Sündenvergebung erwirke, ohne daß eine moraliſche Beſſerung und eine Erweckung des Glaubens dabei noth⸗ wendig ſei. Hiedurch wurden eine ungeheure Menge von Menſchen zum Wallfahren und Opfern veranlaßt, aber die meiſten derſelben waren keineswegs demüthige, gottergebene Menſchen, ſondern vielmehr unbußfertige Sünder aller Art, welche auf dieſe Art ſchnell aller Sündenſtrafen los wer⸗ den wollten, ohne nöthig zu haben, vorher oder nachher Buße zu thun. Ja nicht wenige Müßiggänger und Lum⸗ pen, ſowie eine Menge von Weibern aus jener bekannten Klaſſe, welche man„die Fahrenden“ nennt, geſellten ſich zu ihnen, und dieſe Wallfahrer beiderlei Geſchlechts führ⸗ ten ein ſo luſtiges, leichtſinniges oder gar liederliches Leben mit einander, daß die Pilgrimſchaft förmlich in Verruf kam. So artet oft die ſchönſte und heiligſte Sitte aus; deßwegen müſſen wir uns aber um ſo mehr hüten, auf die„ur⸗ ſprünglichen“ Pilgrime auch nur den leiſeſten Schatten wer⸗ fen zu laſſen, denn zwiſchen Sonſt und Jetzt iſt ein him⸗ melweiter Unterſchied! Th. Gr.
Aus eines Rurfürſten Haushalt.
Von Thaddäus Lau.
Bei Sivershauſen auf der Lüneburger Heide, in der Schlacht wider ſeinen Schwurbruder, den wilden Mark⸗ grafen Albrecht von Brandenburg⸗Culmbach, hatte Kurfürſt Moriz von Sachſen, der Begründer der Kurwürde in der Albertiniſchen Linie, ſein ruhmvolles und thatenreiches Leben geendigt. Die Sage wollte wiſſen, daß der Kurfürſt in jener Schlacht gefallen, weil ihm kurz zuvor durch den Hof⸗ junker Schönburg von Glauchau das„Mazzaloth“ entwandt worden. Mit dieſem Talisman und Schutzgeiſt des ſäch⸗ ſiſchen Hauſes— Meſſhalotte heißt hebräiſch ein Zauber⸗ ſpruch— hatte es nach der Erklärung, welche ein gewiſſer Elias Geißler in einem Buche gibt, das im Jahre 1725 erſchien, die folgende Bewandtniß.„Churfürſt Erneſtus,
als er mit ſeinem Bruder Alberto noch gemeinſchaftlich re⸗ gierte, ſchlief einſt, nahe am Ofen ſitzend, im Kloſter Zelle bei Noſſen; da träumte ihm, es komme Eine ſeiner Vor⸗ fahrin und ſpräche zu ihm: ‚da haſt du es wieder, was ſo lange deiner Familie entwendet geweſen, ſo lange es ferner dabei bleibet, wird es wohl ſtehen. Habe Acht!' Da ſie nur von fern ein zuſammengewickeltes Tuch ihm zuwarf, traf ſie den dazwiſchen ſtehenden Ofen und es fiel in's Feuer, ſie aber verſchwand. Erneſtus erwachte und ſahe, daß wirklich der Ofen entzwei und ein dergleichen Tuch im Feuer lag, griff hinein und errettete es aus den Flammen. Da er ſolches in Verwirrung entwickelte, fand er inliegend in einer Umhüllung das Mazzaloth.“ Wie geſagt, behaup⸗
Nicht nur


