Feierſtun
298
mit dem Geſchick, das uns grauſam trennt und nur das Glück des geiſtigen Verkehrs läßt, unter dem ſie keinen Abbruch leidet, da ſie nie in ſolchem mit mir ſtand. Was ich ihr von Anfang an gewidmet, bleibt ihr, und ſie wird wie bisher davon befriedigt ſein.— Kann ich meine Augen verſchließen für den herrlichen Prachtbau, der außen tadel⸗ los, im Innern alles Reiche und Große umſchließt, und meinen Geiſt in dem kleinen Häuschen feſſeln laſſen, das nett und friedlich, aber nur für die materiellen Bedürfniſſe geſchaffen iſt? Das wird Hedwig nicht wollen; ſie wird mir den Anker, an dem ſich meine Thatkraft und die Luſt zum Schaffen feſthält, nicht rauben, ſie wird mir geſtatten, den Verkehr mit ihr fortzuſetzen wie bisher.
Heinrich ſah ſo flehend in ihre Augen, daß ſie die ihrigen zu ihm aufſchlug mit einem tiefen Blick, bei deſſen Ausdruck Heinrichs Herz höher ſchlug, und leiſen innigen Tons ſagte:„Wenn es Sie froh macht, dann ſoll es ſo ſein, Ihr Glück iſt ja mein höchſter Wunſch. Vielleicht ſollte ich es nicht zugeſtehen, was Sie in mein erzen geleſen, aber ich vermag ſo wenig mich den(. uchen Anderer anzuſchmiegen, und würde es für eine Sünde am Heiligſten gehalten haben, wenn ich das, was mein ganzes Sein mit Schmerz und Wonne erfüllt, abläugnen wollte. Eines jedoch glaube ich iſt unſere Pflicht, nämlich nie mehr von dem ſprechen, was uns jetzt und wohl für immer er⸗ füllt; wir müſſen einander werth bleiben.“——
„Ja du reines ſüßes Weib, das wollen und werden wir, die Gewißheit unſerer Liebe bleibt lebendig in uns, wenn uns auch weder Wort noch Blick daran erinnern.“
„Kommen Sie jetzt zu Klara,“ ſagte Hedwig, und bückte ſich, um friſche Beeren in das Körbchen zu pflücken, wobei ihr Heinrich behülflich war. Bei der großen Menge der vorhandenen Früchte nahm dies nur wenige Minuten hinweg, und ſtumm gingen Beide dem Haus zu, wo Klara's freundliches Lächeln ihnen von dem Fenſter des Zimmers aus, in dem Heinrich den erſten Schlummer Hed⸗ wigs im„Kapitel“ bewachte, entgegenwinkte. Heinrich theilte ihr, wie den alten Frauen mit, daß er ſchleunig ab⸗ reiſen werde, und bat ſie, wenn ſie das raſche Reiſen an⸗ griffe, hier zu bleiben, um ihm mit aller Bequemlichkeit nachzukommen.„Nein Heinrich, nimm mich nur
r, ich kann nicht froh ſein, wenn du fern von mir aitda mir ſcheint die Luft leichter, wenn ich ſie in deiner Nähe athme. Du entbehrſt ja ohnedies genug, da du dich von der ſchönen und geiſtvollen Freundin trennſt, welche dich in Allem ſo richtig verſteht, und dir ſo viel Anregung bietet; du ſollſt alſo nicht auch noch die Gattin an deiner Seite vermiſſen, die doch ſonſt nichts thun kann, als dein Haus⸗ weſen traulich und behaglich zu machen, und dich über Al⸗ les lieb zu haben,“ ſagte Klara, und lehnte ſich an Hein⸗ rich, der ſie mit einem Arm umfaßte und antwortete: „Du gutes treues Weib, ich will ſicher nie deine Liebe und dein Herz unterſchätzen.“
„Das dürfen Sie auch nicht,“ ſprach Hedwig, und faßte beide Hände Klara's, die ſie mit innigem Blick ihrer wunderbaren Augen anſchaute;„denn Sie, theure Klara, haben mir durch Ihr freundliches Walten eine unſchätzbare Lehre gegeben: Sie habenmir gezeigt, daß die häus⸗ lichen Tugenden, das ordnende Wirken und die Schöpfung eines behaglichen Hausweſens uner⸗ läßlich für ein Weib ſind, wenn nicht in ihrem Leben die größte Lücke entſtehen ſoll. Bisher, bei der oft geräuſchvollen Geſchäftigkeit meiner beiden lieben
den. 1865.
Mütterchen hier, die mir wo möglich die Hände unterbrei⸗ ten möchten, damit ich mich an kein Steinchen ſtoße, habe ich mich gern von allen häuslichen Verrichtungen zurückge⸗ zogen. Ihr ſtilles Walten, meine theure Klara, die ſinnige Aufmerkſamkeit, mit der Sie den Wünſchen Ihrer Umge⸗ bung zuvorkommen, und Ihre ganze herzige Art zu ſein, die es Jedem in Ihrer Nähe wohl werden läßt, hatten mir zum erſten Male die häuslichen Pflichten des Weibes in ihrer anmuthigſten Geſtalt vorgeführt, und die hohe Be⸗ deutung derſelben klar gemacht; deßhalb habe ich Ihnen mehr zu danken, als Sie ſelbſt glauben.“ Heinrich thaten dieſe Worte Hedwigs, die, wie Alles, was ſie that und ſprach, der Ausfluß ihres innerſten Weſens waren, unend⸗ lich wohl. Klara wollte beſcheiden dieſe Anerkennung ab⸗ lehnen und hob ihre geiſtige Unbedeutenheit gegen Hedwig hervor, dieſe verſicherte ihr jedoch in warm überzeugenden Worten, für wie lückenhaft ſie ihre einſeitige Ausbildung erkannt habe, und durch Klara's liebliches Vorbild ange⸗ regt, jetzt erſt darnach ſtreben werde, in dem, was das Weib als ſolches ziert, dieſem nachzuſtreben.
Einſamer als je war es nach einigen Tagen wieder im alten Hauſe; die jugendliche Beſitzerin deſſelben zehrte nur von den hellen Streiflichtern, die Heinrichs Genie in ihr Leben warf, von den Berichten über ſeine ſchöpferiſche Thätigkeit, an welcher kleinlicher Neid wohl mancherlei zu mäkeln fand, die aber von den wahren Kunſtverſtändigen, vor Allem von Fürſt Alfred in ihrer hohen künſtleriſchen Bedeutung anerkannt wurde. Sie fühlte ſich gehoben in dem Bewußtſein, durch den ſchriftlichen Gedankenaustauſch mit dem Geliebten Theil an deſſen Wirken zu haben, und ſtrebte mit all' der ihr innewohnenden Energie in der,Aus⸗ führung deſſen, was ſie für Recht erkannte, darnach, ſich auch die häuslichen Tugenden anzueignen, welche ſie mit richtigem Blick als nothwendig erkannte. Sie war ſich ſelbſt ein Tempel, dem Geliebten geweiht, und erſchien ſich ſtets zu unvollkommen, um ſeiner Liebe ganz würdig zu ſein.— Wer vermöchte wohl über die unabweisbaren Ge⸗ fühle der Beiden, welche ſie rein im Herzen trugen, und ſich an ihnen aufrankten, den Stab zu brechen?——
Wie über Nacht aus der Erde geſchoſſen, war wenig Wochen nach Heinrichs Abreiſe das Gerücht im Städtchen verbreitet, die ſchöne Baroneß v. Stötterfeld habe ein Lie⸗ besverhältniß mit dem verheiratheten Jugendfreund ange⸗ knüpft, den ſie ſelbſt als Gattin gewählt haben würde, wenn ſie nicht zu adelsſtolz wäre und durch eine Meſal⸗ liance der Rechte an ihr Haus wie Vermögen verluſtig ginge. Die Wenigen, welche Klara kannten, wieſen dergleichen Vermuthungen empört zurück, Viele, von denen die ſo gern jedem Makel Glauben ſchenken, mit dem eine hervorragende Perſönlichkeit in den Schmutz der Gemeinheit herabgezogen und ihnen näher gebracht wird, trugen das Gerücht weiter, und knüpften Betrachtungen über die Sittenloſigkeit, welche bei vornehmen Perſonen herrſcht, daran. Die Betheiligten wurden jedoch von den bösartigen Abſichten des Erfinders dieſer Anklagen nicht berührt, denn ſie blieben ihnen unbe⸗ kannt; ebenſo gewannen ſie nicht weiteren Boden, da ſie zu geringe Anhaltspunkte boten. Leonhard Kruſel hatte alſo nur die Genugthuung, Hedwig und Heinrich bei ſei⸗ nen Geſinnungsgenoſſen, an deren Urtheil ſo wenig liegt, herabgeſetzt zu ſehen. 8


