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„dergleichen Dinge paſſen ſich für den armen Simon nicht; weshalb ſollte er ſich einmiſchen?“
„Weil er wahrſcheinlich ſeine Rechnung dabei findet,“ war die Antwort des boshaften Alcalde;„ich habe ihn ein⸗ mal dabei ertappt und traue ihm deshalb nicht mehr. Er war im Einverſtändniß mit jenen Leuten, und wer Oel mißt, macht ſich die Hände fett.“ 1
Wer am meiſten Unruhe empfand, war Julian. Agueda
hatte ihm nicht verhehlen können, daß der Kapitän im Hauſe
ihres Vaters verſteckt worden ſei, aber wohl gehütet hatter
ſie ſich, ihm zu ſagen, wie ſehr ſie bisher der Gegenſtand
ſeiner Verfolgungen geweſen war.
Julian beſaß einen treuen, ergebenen Freund in dem Schenkwirth Joachim, welcher früher ein Diener des Al⸗ calde geweſen war und für den jungen Mann eine innige Anhänglichkeit bewahrte.
„Joachim,“ ſagte Julian eines Tages zu ihm,„willſt du für mich thun, was ich von dir verlangen werde?“
„Soll ich mich köpflings in den Fluß ſtürzen?“ fragte Joachim und machte zwei lange Schritte in der Richtung nach dem Guadalquivir.
„Nein, darum handelt es ſich nicht.“
„Nun, um was denn? Bitte, ſage es mir!“
„Ich frage dich nur, um deiner gewiß zu ſein und dich ſpäter bereit zu finden, ſobald es nöthig iſt.“
Inzwiſchen litt Agueda dreifach. Sie ſah die Unruhe und Beſorgniß ihres Vaters, hatte die Eiferſucht des Ge⸗ liebten zu ertragen, und mußte, wenn ſie dem Kapitän ſeine Nahrung brachte, die widerlichen Ausbrüche ſeiner Leiden⸗ ſchaft anhören, welche durch die Einſamkeit und Unthätig⸗ keit des Mannes noch geſteigert worden war.
Der Kapitän ſchrieb alle Tage Briefe und empfing darauf Antworten. Als er eines Abends das letzte der eingegangenen Schreiben las, ſagte er:
„Simon Verde, es wird mir ſoeben angezeigt, daß ich morgen meine Begnadigung erhalten werde.“
„Gott ſei gelobt!“ rief der brave Simon erfreut.
„Aber der Brief wird durch mehrere Hände gehen, ehe er zu mir gelangt, und Ihr, Simon, müſſet deshalb bei dem Wirthshauſe ſo lange warten, bis er gebracht wird. Wahrſcheinlich wird er erſt nach der Stunde des Abendgebets eintreffen.“
„Ich will mit dem größten Vergnügen warten,“ ver⸗ ſetzte Simon, welcher mit Freude den Augenblick nahen ſah, der ihn von einer immer drückender werdenden Unruhe be⸗ freien ſollte.
„Inzwiſchen müßt Ihr mir feierlich geloben, gegen Niemand darüber zu ſprechen, bis ich weit von hier ent⸗ fernt ſein werde; denn es iſt mir zur Pflicht gemacht worden.“
„Meine Zunge ſoll ſtumm ſein!“ verſetzte Simon.
Am folgenden Tage wartete er vergeblich bis zur be⸗ zeichneten Stunde; Niemand kam und brachte den verſpro⸗ chenen Gnadenbrief. Verdrießlich trat er den Rückweg nach Gelves an. Der Weg wurde ihm lang, theils wegen der erlittenen Täuſchung, theils wegen der tiefen Dunkelheit der Nacht.
„Etwas günſtig iſt uns dennoch das Schickſal,“ dachte Simon;„der Alcalde iſt immer auf der Lauer und ſchleicht fortwährend umher, aber ſeine Bemühungen müſſen vergeb⸗ lich ſein. Ich will den Muth nicht verlieren! Wenn die Begnadigung heute nicht gekommen iſt, ſo wird ſie hoffent⸗ lich morgen kommen.“
Unter ſolchen Bemühungen erreichte er ſein Haus;
ſallein ehe er eintrat, vernahm ſein Ohr die Stimme der Mutter, welche weinend rief:
„„Mein Sohn! mein Sohn! er iſt entflohen!“
„Still, Mutter, um Gottes willen, ſtill!“ erwiederte Simon.„Wenn er entflohen iſt, ſo ſei der Herr geprieſen!“
„Ja, aber— aber— ach! Sohn meiner Seele—“
Ihr Schluchzen, worin ſich das zweier Nachbarinnen miſchte, verhinderte ſie, weiter zu ſprechen.
„Was? was?“ fragte Simon, von einer beängſtigen⸗ den Ahnung ergriffen.
„Er hat Agueda entführt!“
„Heilige Jungfrau!— Herr mein Gott!— Barm⸗ herzigkeit!“ rief der verzweifelnde Vater.„Von wo hat er ſie mitgenommen? Wann iſt er entflohen? Welchen Weg haben ſie eingeſchlagen? Sprechet, antwortet ſchnell!“
— 1220, mein Sohn, Niemand hat ſie geſehen und ge⸗ ört!“
Simon warf ſeinen Hut auf die Erde und raufte ſich das Haar.
„Meine Tochter!“ rief er.„Kind meines Herzens! Dein Vater kann dich nicht beſchützen! Du rufſt mich, und ich komme nicht zu deiner Hülfe! Mein Gott, wenn doch die Vögel mir ihre Flügel, der Luchs ſeine Augen und die wilden Thiere ihre Klauen leihen könnten! wefsſſhe ein
Pferd! meine Büchſe!— Nachbaren! Freunde!“ ſchrie er, auf die Straße eilend,—„Juan, Antonio, Nicolas, hel⸗ fet mir, eine Schändlichkeit der ſchwärzeſten Art zu verhin⸗ dern! Wenn ihr Chriſten ſeid, ſo leihet einem unglück⸗ lichen Vater euren Beiſtand, dem man das Kind aus dem Hauſe geſtohlen und das Herz aus der Bruſt geriſſen hat!“
Die Nachbaren kamen und umringten den verzweifeln⸗ den Mann. Ihre ehrlichen Geſichter drückten den Unwil⸗ len aus, welchen ſie empfanden, und ſelbſt die Weiber hörte man Verwünſchungen ausſtoßen. Pferde und Büchſen wur⸗ den herbeigeholt, und Mehrere ſchickten ſich mit der unter
ligkeit an, Simon Verde zu begleiten und ihm Beiſtand zu leiſten, als plötzlich der Schall von Pferdehufen hörbar wurde.—
„Das ſind Truppen! Es ſind vielleicht die Bürger⸗ garden! Gott führt ſie zur rechten Zeit her!“ riefen Alle.
Die Weiber liefen nach der Thür, brachten Lichter und erhellten eine Scene, welche ein allgemeines Freudengeſchrei erweckte. Agueda lag in den Armen ihres Vaters. Noch zu Pferde ſitzend und über dieſe heilige Gruppe gebeugt, gewahrte man Julian, und hinter ihm Joachim, welcher ſich den Schweiß abtrocknete.(Siehe Bild auf S. 313.)
„Vater,“ flüſterte Agueda letzterem in das Ohr,„Ju⸗ lian hat mich gerettet!“
„Julian!“ rief Simon Verde,„du haſt mich verlo⸗ ren und haſt mich wieder gewonnen. Ich küſſe die Erde, die dein Fuß betritt, und will dein Sklave ſein, ſo lange in meinen Adern Blut fließt, das dir bis zum letzten Tro⸗ pfen gehört!“
Es würde uns unmöglich ſein, das zu ſchildern, was ſich zugetragen hatte, wenn wir der etwas verworrenen und oft unterbrochenen Erzählung folgen wollten, welche Agueda lieferte, während ſie der Reihe nach aus den Armen ihres Vaters in die der Großmutter und endlich in die Arme der Nachbarinnen überging. Es ſei deshalb mit kürzeren Wor⸗ ten geſchildert.
Als die Nacht angebrochen war, ſagte der Kapitän zu Agueda, daß ſeine Freunde kommen würden, um ihn zu holen, und bat, indem er ihr eine kleine ſilberne Pfeife
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