—— ———
Mann ſtark, am Morgen des 10. Auguſt 1792 im Hofe der Tuillerien, als der König Ludwig XVI. gegen 6 Uhr früh die Poſten beſuchte. Die Haltung des Königs war ruhig und würdevoll. Er ſprach kein Wort, aber ſeine Blicke ſchienen zu ſagen: Das alſo ſind die Einzigen, die mir treu geblieben; Euch vertraue ich das Schickſal meines Hauſes in dieſen Tagen der Noth an.
Und wahrlich, es waren Tage der Noth; denn immer
rößere Fortſchritte machte die Revolution, immer zügel⸗ den wunde ü Volk. Alle Achtung vor König und Obrigkeit war verſchwunden, rohe Gewaltherrſchaft und Sittenloſigkeit an die Stelle des Rechts und der Geſetze getreten. Robespierre und die Cirkel der Jakobiner terrori⸗ ſirten den Nationalconvent, der Pöbel fröhnte ſeinen Leiden⸗ ſchaften unter der Maske der Freiheit und das Schaffot hielt reiche Ernte unter Männern und Weibern, jung und alt, hoch und nieder.— Nach einer Stunde, als ſich der König kaum in ſeine Zimmer zurückgezogen hatte, zog der erſte Volkshaufe aus den Vorſtädten auf den Carrouſſelplatz. Er ſtellte ſich im Halbkreiſe auf, ſo daß der ganze Platz eingeſchloſſen war und richtete ſeine Geſchütze gegen das Schloß. Unterdeſſen wurde den Schweizern ein Beſchluß des Departements vor⸗ geleſen, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben. Die National⸗ garde, beſtehend aus 2000 Mann, welcher mit den Schwei⸗ zern die Bewachung der Tuillerien anvertraut war, ſchien einen Augenblick Muth zu faſſen, allein die Kanoniere weigerten ſich ſogar, ihre Stücke zu laden, während die Schweizer, um dieſes Corps nicht noch mehr zu erbittern, verſäumten, ſich ihrer Geſchütze zu bemächtigten. Einen Augenblick nachher begab ſich der König in die geſetzgebende Verſammlung. Jetzt näherten ſich Santerre's Heerhaufen den Thoren der drei Höfe, welche die Tuillerien von dem Carrouſſelplatz und den angrenzenden Straßen trennten. Als der Feldmarſchall de Mailly, Befehlshaber im Schloſſe, ſich mit ſeinen Schweizern allein ſah, befahl er ihnen, in die Zimmer hinauf zu ſteigen, indem er ſechs Kanonen zurückließ. Sie beſetzten die Treppen und Kreuzſtöcke.— Die Porte Royale wurde bald geſprengt. Mit Ungeſtüm drang die Colonne ein und führte ihre Kanonen auf. Die zuerſt Eingedrungenen ſtiegen mit gezücktem Säbel unter Geheul bis zum erſten Poſten bei der Kapelle hinauf und forderten die Schweizer auf, die Waffen niederzulegen. „Die Schweizer geben ihre Waffen nur mit dem Leven aus der Hand!“ war die Antwort. Umſonſt verſuchte man ihre Treue durch Verſprechungen und Drohungen wankend zu machen. Bald wurden mehrere durch Flinten⸗ ſchüſſe aus dem Vorhofe verwundet; auf dieſes Zeichen gaben die Artillerie und die Musketiere im Hofe Feuer. Lebhaft wurde es von den Schweizern erwiedert und der Kampf wurde allgemein. Von der Treppe und den Kreuz⸗ ſtöcken herab ſtrömte ein Feuermeer; nicht minder furcht⸗ bar war das Feuer von Seite der Angreifenden. Doch konnten ſie ungeachtet ihrer überlegenen Anzahl und ihrer Artillerie der Kaltblütigkeit der Schweizer und ihren wohl gezielten Schüſſen gegenüber nicht Stand halten. Die Entſchloſſenſten wurden getödtet, die Hitze der andern ließ nach; in eiliger Flucht erreichten ſie ihre Gefährten im Hofe, verfolgt von dem Feuer aus den Kreuzſtöcken und von ihren Gegnern, die ſie vor ſich hertrieben. In kurzer Zeit war der Hof gereinigt. Eine kleine, von den Haupt⸗ leuten Dürler und Pfyffer zuſammengeraffte Colonne be⸗ mächtigte ſich von neuem der Porte Royale, von wo ſie ein Kreuzfeuer über den mit Menſchen angefüllten Platz
—
.
Feierſtunden. 1864. 307
ſehe die Schweizer beſiegt und getödtet werden konnten.
unterhielt. Einen Augenblick ſchienen die Schweizer Mei⸗ ſter des Kampfplatzes zu ſein, denn paniſcher Schrecken hatte ob der großen Tapferkeit des Schweizerregiments die Maſſe ergriffen und ſehr viele Bürger ergriffen die Flucht.
Mittlerweile ſchlug man ſich in andern Höfen, wie in der Cour Royale und von dem Garten der Tulllerien her; von der Terraſſe der Feuillans aus regnete es Flinten⸗ und Kanonenkugeln auf die Vertheidiger des Schloſſes. Die Letzteren trieben die Angreifenden auf allen Seiten zurück, indem ſie vornämlich die Marſeillaner, die die Spitze der Angriffscolonnen bildeten, zu Boden ſtreckten. Obgleich es den Schweizern in dieſem entſcheidenden Augen⸗ blicke an Munition zu fehlen begann, wichen ſie doch nicht einen Zoll breit und beſchloſſen, ihr Leben ſo theuer als möglich zu verkaufen. Im Rücken durch eine Colonne, die eben in den Garten eingedrungen war, bedroht, lehn⸗ ten ſich 80 von ihnen an die große Treppe und vertheidig⸗ ten ſie gegen Tauſende von Feinden, von denen 400 fielen,
Einem Glarner von außerordentlicher Leibeskraft, Fri⸗ dolin Hefti, riß eine Kanonenkugel den Schenkel weg. Seine Waffenbrüder eilten ihm zu Hülfe. In dieſem Augenblick ward Sammlung geſchlagen. Hefti rief:„Hört ihr’'s? Thut eure Pflicht und laßt mich ſterben.“
Dieſer Kampf dauerte zwanzig Minuten, bis der ſtets zunehmende Andrang der Volksmaſſen jeden Widerſtand er⸗ drückte. Jetzt ſuchte jedes ſchweizeriſche Peloton einen Aus⸗ weg. Eine Compagnie zog ſich nach der Straße de l'Echelle hin und ward dort gänzlich aufgerieben. Eine Abtheilung von etwa 300 Mann ſuchte nach den elyſeiſchen Feldern durchzudringen, trennte ſich aber bald wegen Verſchiedenheit der Meinungen in mehrere Pelotons, wovon ſich einige in Privathäuſer retteten, andere kämpfend den Tod fanden.
Unterdeſſen hatte eine andere Abtheilung eine günſtige Stellung auf der Seite des Gartens eingenommen. Herr von Salis hatte ſich mitten in einem Gewehrfeuer, das ihn 30 Mann koſtete, dreier Kanonen bemächtigt. In dieſem Augenblicke ſtürzte der Feldmarſchall d'Hervilly ohne Hut und athemlos herbei und befahl den Schweizern, ſich nach der geſetzgebenden Verſammlung zum Könige zu be⸗ geben. Raſch durcheilten ſie den Garten unter einem Kugelregen, der ihnen viele Leute koſtete. Kaum hatten 150 Soldaten und 8 bis 10 Offiziere den Sitzungsſaal der geſetzgebenden Verſammlung erreicht, als man ihnen von allen Seiten zuſchrie:„Legt die Waffen nieder, ihr Henker!“ Sie wieſen dieſe Aufforderung mit Verachtung zurück. Bald aber erhielten ſie einen eigenhändigen Befehl des Königs, augenblicklich die Waffen niederzulegen und in ihre Kaſernen zurückzukehren. Dies war ein Donnerſchlag für ſie.
Man ſah dieſe Tapferen Thränen der Wuth ver⸗ gießen. Aber es blieb ihnen nichts übrig, als zu gehorchen, obſchon ſie hiedurch ihren Feinden preisgegeben waren. Nach der Entwaffnung wurden die Soldaten in die Kirche der Feuillanten, die Offiziere in das Zimmer der Saalinſpek⸗ toren geführt und unterwegs durch das Geſchrei des Volkes verfolgt. Der Pöbel verlangte Opfer. Sechzig nach dem Gebäude der Feuillanten gebrachte Schweizer und noch an⸗ dere verdankten ihre Rettung dem Schutze der National⸗ verſammlung und ſogar einzelner Marſeillaner. Nichts⸗ deſtoweniger vollendete das Gemetzel, was Musketen und Artillerie begonnen hatten. Hunderte von Schweizern waren im Gefechte gefallen. Einige wurden erwürgt, als ſie das Schloß verließen, andere, die ſich in deſſen ungeheuren
39*


