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bis das Auge die fernen Berge der Ronda erreicht, die man für Wolken halten könnte, wenn hier im Frühjahre jemals Wolken am Himmel ſtänden. Links, am Fuße von la Giralda, gewahrt man Sevilla, deſſen Anblick, an ſich ſchon ſo großartig, durch die feierliche Ruhe der Umgebung noch mehr gehoben wird.
„Singe nicht, Fornarina!“ rief der Cavalier aus der Tiefe ſeines Lehnſeſſels hervor.„Du weißt, die Aerzte haben es dir verboten.“
„Gibſt du denn etwas darauf, was die Aerzte ſagen?“ erwiederte die Dame mit italieniſchem Accente.
Der Cavalier nannte ſich Obriſt Titan, allein Nie⸗ mand hatte das Diplom ſeines Ranges geſehen, welches ſelbſt bei der Schatzkammer nicht bekannt war, da er keine Beſoldung bezog.
Es iſt nicht zu unſerer Kenntniß gelangt, welcher Mittel ſich die hohen Herrſchaften bedient hatten, um die Erlaubniß zu erlangen, das Schloß an Stelle des bisher dort reſidirenden Ungeziefers beziehen zu dürfen. Es küm⸗ mert uns auch nicht; gewiß aber iſt, daß die reine Luft und die vortrefflichen Mineralwaſſer von Gelves der Dame Fornarina außerordentlich gut bekamen, wenn man nach dem Fortſchritt ihres Geſanges, dem Schall ihres Lachens und ihrem gellenden Geſchrei im Streite mit dem wichtigen Obriſt urtheilen durfte.
Die Bewohner von Andaluſien haben die angeborene Gabe, Perſonen, namentlich die eines höheren Ranges als ihres eigenen, ziemlich richtig abzuſchätzen. Kaum hatten deshalb die Gäſte einige Tage im Schloſſe gewohnt, als ſich die Weiber bereits in die Lippen zu beißen und die Männer zu lachen begannen.
„Es ſcheint,“ ſagte einer derſelben,„als wenn ſie gern die Rolle großer Herrſchaften ſpielen möchten.“
„Dieſer Don Orlando, mit dem großen Schnurr⸗ bart,“ fügte eine Frau hinzn,„hat ein Geſicht wie ein Ketzer, das mich immer an die Henkersknechte in den Paſ⸗ ſionsſpielen erinnert. Ich begreife nicht, wie Simon Verde erlauben kann, daß ſeine Tochter ſich den ganzen Tag bei ihnen aufhält.“
„Ja, für Simon Verde ſind das vortreffliche Men⸗ ſchen,“ bemerkte ein Anderex;„er denkt nie an etwas Böſes.“ 2
„Weil ſein eigenes Herz ſo rein iſt wie der Morgen⸗ wind,“ ſagte dieran.
„Das iſt r,“ verſetzte der Mann;„allein in die⸗— ſer verderbten Wält darf man nicht ſo arglos ſein.“
In der That ſtieg Simon, in ſeiner Eigenſchaft als Bote von Sevilla, jeden Tag hinauf zu dem Obriſt Titan, um ihm die Delikateſſen zu bringen, welche in Gelves nicht zu haben waren.
„Es iſt hier im ganzen Dorfe nichts zu bekommen,“ ſagte der Obriſt zu ihm,„Du mußt mir Alles von Se⸗ villa bringen, Kleiner.“
Außerdem hatte Simon das Geſchäft, die ſehr leb— hafte Correſpondenz des Obriſten mit einem im höchſten Grade anmaßenden und aufgeblaſenen jungen Manne aus⸗ zutauſchen, welcher ſich Kapitän Bull nannte, allen Par⸗ teien gedient hatte, die ganze Welt kennen wollte, Karten und Weiberröcke leidenſchaftlich liebte, und ſpäter ſeine Laufbahn damit endete, daß er ſich den Piraten anſchloß, welche einen Angriff auf die Inſel Cuba zu machen ver⸗ ſuchten.
Simons gutmüthige, heitere Phyſiognomie gefiel der Dame Fornarina, welche ſich gern mit ihm unterhielt und
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Feierſtunden. 1864.
den Schilderungen ſeines Lebens und Treibens aufmerkſam zuhörte.. „Freund Simon,“ ſagte ſie eines Abends zu ihm, als
er die Aufträge für den folgenden Tag holte,„wie viel
verdienet Ihr täglich?“—
„Ich habe keinen gewiſſen Verdienſt,“ erwiederte er, „aber durchſchnittlich gerechnet mache ich mir täglich zwei bis drei Realen.“
„Zwei bis drei Realen? Nicht mehr?“ rief Fornarina erſtaunt.„Armer Vater Simon, welche elßnde Exiſtenz! Ihr müßt ja beinahe verhungern, braver Mann!“
„Nichts weniger, Sennora; ich lebe zufrieden, Gott ſei Dank!“
„Mit zwei bis drei Realen?“
„Ja, mit zwei bis drei Realen, die mir nie fehlen.“ „Aber das reicht doch nicht aus, um Eure Bedürf⸗ zu beſtreiten?“
„Vollkommen, und ch zu manchen anderen Dingen.“ „Zu welchen? o bin neugierig!“ „Sehet, Senno a, mit dieſen zwei bis drei Realen genüge ich meinen Verpflichtungen, zahle eine Schuld ab, leihe auf Zinſen aus, und lege noch bei Seite.“
„Ihr wollt Euch einen Spaß mit mir machen! Wire wäre das möglich?“
„Ew. Gnaden mögen ſelbſt urtheilen. Ich erhalte mich und mein Haus, das ſind meine Verpflichtungen; ich ernähre meine Mutter und trage dadurch eine Schuld ab; ich erziehe meine Tochter und leihe dadurch aus, denn ſie
niſſe
wird es mir einſt, wenn ich alt din und nicht mehr arbei⸗ n⸗
ten kann, erſtatten, und endlich lege ich bei Seite, denn nie verſagt meine Hand dem Armen ein Almoſen, wäre es auch nur ein Theil des Brodes, das ich eſſe.“
Fornarina ſchwieg einige Augenblicke ſinnend, und ſich dann an den Obriſt wendend, ſagte ſie:
„Er ſpricht wahr und gut. Wie manches große Ein⸗ kommen wird verſchwendet, ohne damit zu bewirken, was dieſer Mann mit drei Realen zu leiſten vermag.“
„Du biſt eine Phantaſtin,“ erwiederte der Obriſt, in ein lautes Gelächter ausbrechend;„ſchreibe ein idylliſches Gedicht darüber, ſetze es ſtung der Amints und Mirtils; aber mich laſſe mit dieſen Albernheiten in Frieden.“
„Du biſt kein Menſch, du biſt nichts als eine Ka⸗ none!“ verſetzte Fornarina zornig.
„Ja, ein Vierundzwanzigpfünder,“ fügte Simon in
Gedanken hinzu.
„Höre, diva donna,“ rief der Obriſt, dem dieſe Ver⸗ gleichung ſchmeichelte, mit einem Lächeln,„du weißt, daß mir Alles an dir gefällt,— der Hirtenſtab ſowohl wie
die Königskrone,— du biſt immer reizend und liebens⸗
würdig!“
„Mag ſein,“ dir hat dieſelbe Wirkung bei mir; mente, welche nach Tabak riechen,. der einen ewigen Moſchusgeruch an Simon wendend, fragte ſie:
h dein Schnurrbart,
Tages, eine Tochter, diene. Wenn Ew. Gnaden ſie ſähen, würdet Ihr daſſelbe ſagen.“
„Ja, ich will ſie ſehen!“ rief Fornarina lebhaft.
„Kann ſie nähen?“
in Muſik und ſinge es zur Trö⸗
entgegnete die Dame,„aber nichts an weber deine Compli⸗
verbreitet;“ und ſich dann „Ihr habt eine Tochter?“ „Ja, Sennora, eine Tochter wie die Blumen des deren Vater ich kaum zu ſein ver⸗


