Teil eines Werkes 
Band 1
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meine, nes ſeilte

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Feierſtunden.

zuziehen, daß ich ihm einen finſtern, verweiſenden Blick zuwerfen mußte, der ihn noch mehr verwirrte.

Ich wollte ſagen, fuhr er fort,mein Wunſch iſt, daß Sie Beide, meine Herren, in dieſer engen Wohnung geſund bleiben. Es mag ein ſehr gutes Hotel ſein, nach Londoner Begriffen, ich zweifle nicht daran; aber ich ſelbſt möchte kein Schwein darin hal ten, wenn ich es fett machen wollte, um gutes Fleiſch zu eſſen.

Nachdem er den Vorzügen unſerer Wohnung dieſes ſchmeichel hafte Lob geſpendet und im Laufe des Geſprächs ſeine Abſicht an den Tag gelegt hatte, wir ihn ein, am Tiſche Platz zu nehmen, worauf Joe ſich im gan zen Zimmer nach einem paſſenden Ort umſchaute, um ſeinen Hut als wenn in der ganzen Natur nur ſehr wenige

michSie undmein Herr zu nennen, luden

dahin zu ſtellen, dazu geeignet geweſen wären, und ihn Ecke des Kaminſimſes deponirte, von der er ſpäter unzählige Male

endlich auf die äußerſte

herunter fiel.

Wünſchen Sie Thee oder Kaffee, Mr. Gargery? fragte Her bert, der Morgens beim Frühſtück immer den Vorſitz führte.

Ich danke Ihnen, mein Herr, verſetzte Joe, ſteif vom Kopf bis zu den Füßen,was Ihnen gefällig iſt.

Was meinen Sie zu Kaffee?

Danke Ihnen, erwiederte Joe, augenſcheinlich etwas niederge ſchlagen;da Sie ſo gütig ſind, Kaffee zu wählen, ſo will ich Ihnen nicht entgegen ſein. Aber finden Sie ihn nicht etwas erhitzend?

Gut, ſo wollen wir Thee nehmen, ſagte Herbert und ſchenkte ihm ein.

In dieſem Augenblicke fiel Joe's Hut vom Kaminſimſe herab. Er ſprang vom Stuhle empor, hob ihn auf und ſtellte ihn wieder auf den alten Platz, als wenn es ein Erforderniß der feinen Lebens art wäre, daß er nach wenigen Minuten wieder herunter fallen müſſe.

Wann ſind Sie nach der Stadt gekommen, Mr. Gargery? fragte Herbert. V

War es geſtern Nachmittag? verſetzte Joe, nachdem er hinter der Hand mehrere Male gehuſtet, als wenn er ſeit ſeiner Ankunft den Keuchhuſten bekommen hätte.Nein, doch ja, es war geſtern Nachmittag, ſagte er, mit einer Miene, in der eine Miſchung von Weisheit, Zuverſicht und ſtrenger Unparteilichkeit lag.

Haben Sie ſchon etwas von London geſehen?

Ja, mein Herr, antwortete Joe.Wopsle und ich, wir gin gen geraden Wegs nach der großen Niederlage von Stiefelwichſe. Aber wir fanden nicht, daß ſie den Abbildungen auf den rothen Zet teln, welche an den Ladenthüxen hängen, gleichkam; wahrſcheinlich, fügte er erklärend hinzu,weil ſie zu arch⸗ itektoniſch gezeichnet ſind.

Ich glaube, Joe würde dieſes Wort noch bedeutend verlängerte haben, wenn ſeine Aufmerkſamkeit nicht durch eine glückliche Fügung auf den Hut gelenkt worden wäre, welcher von Neuem herunter fiel. Derſelbe erforderte in der That eine fortwährende Aufmerkſamkeit und eine beſondere Schnelligkeit des Auges und der Hand. Joe trieb ein wunderbares Spiel mit ihm und zeigte dabei außerordent⸗ lich viel Geſchicklichkeit. Bald ſtürzte er auf ihn los und fing ihn gewandt, bald hielt er ſeinen Fall nur auf, ſchleuderte ihn wieder empor, gegen die Wand und nach verſchiedenen Richtungen im Zim mer umher, ehe es ihm gelang, ihn feſtzuhalten; und endlich ſchleu derte er ihn in den Spülnapf, wo ich ſo frei war, mich ſeiner zu

bemächtigen. Was Joe's Rockkragen und Hemdkragen betraf, ſo gewährten ſie in der That einen unerklärlichen Anblick, es waven unauflösliche Räthſel. Weßhalb muß ein Menſch ſich ſo ſchinden, um ſeinen An zug für vollendet halten zu können? Weßhalb muß er es als noth⸗ wendig erachten, ſich nur mit körperlichen Leiden denmn Gebrauche der Sonntagskleider zu unterziehen? Dann verfiel er in ſo unerklärliches Sinnen, hielt ſeine Gabel in der Mitte zwiſchen Teller und Mund,

erwähnen, was mir die gegenwärtige Ehre verſchafft hat.

Tagen befand ich mich Abends in der Schenke, Pip,

wieder höflich wurde,

Pip,

zu Miß H.

1864. 283 ließ ſeine Augen auf ſo ſeltſame Weiſe umherwandern, huſtete ſo ſonderbar, ſaß ſo weit vom Tiſche entfernt, und ließ mehr Speiſen fallen, als er genoß, wobei er ſich den Anſchein gab, es nicht zu bemerken, daß ich herzlich froh war, als Herbert uns verließ, um nach der City zu gehen.

Ich beſaß weder Verſtand noch Herz genug, um einzuſehen, daß alles dieſes nur meine eigene Schuld war, und daß Joe natürlicher und ungezwungener gegen mich geweſen ſein würde, wenn ich weni ger gezwungen gegen ihn geweſen wäre. Ich ärgerte mich über ihn, und während deſſen ſammelte er feurige Kohlen auf mein Haupt.

Da wir jetzt beide allein ſind, mein Herr begann Joe.

Joe, unterbrach ich ihn verdrießlich,wie kannſt du mich Sie und mein Herr nennen?

Joe vichtete einen Blick auf mich, in dem ein leiſer Vorwurf lag. So unbeſchreiblich lächerlich auch ſein Halstuch und ſein Kra⸗ gen waren, ſo konnte ich mir doch nicht verhehlen, daß dieſer Blick

eine gewiſſe Würde an ſich trug.

Da wir jetzt beide allein ſind, begann er wieder,und da icht⸗ weder die Abſicht habe, noch im Stande bin, länger zu bleiben, ſo will ich jetzt damit ſchließen, oder vielmehr beginnen, das zu Denn wäͤre es nicht mein einziger Wunſch geweſen, ſein, ſagte er mit der ihm eigenen Miene, wenn er Etwas klar auseinan⸗

Ihnen nützlich zu

verſetzen wollte,ſo würde ich nicht die Ehre gehabt haben, in der

Wohnung und Geſellſchaft von vornehmen Herrn zu ſpeiſen. Es war mir ſo zuwider, dieſe Miene noch einmal zu ſehen, daß ich gegen dieſe Ausdrucksweiſe nichts einwendete.

Nun, die Sache verhält ſich ſo, fuhr er fort.Vor einigen

(ſobald bei ihm das warme Gefühl erwachte, nannte er mich Pip, und wenn er als plötzlich bemerkte er,

nannte er mich mein Herr),

Pumblechook angefahren kam. Derſelbe Pumblechook, einen Seitenweg in ſeiner Rede verfolgend,der mir zuweilen die Haare zu Berge ſtehen ließ, indem er im ganzen Orte verbreitete, daß er es ſei, welcher der Gefährte Ihrer Iugend geweſen und von Ihnen als Buſenfreund angeſehen werde.

Unſinn, das warſt du, Joe.

Ich glaube es auch, Pip, verſetzte Joe, den Kopf etwas in die Höhe werfend,obgleich es jetzt wenig mehr zu ſagen hat. Nun, prahleriſchen Weſen, kam in der⸗ Schenke zu mir, wiſſen mein Herr, eine Pfeife und ein Maaß Bier erquicken einen Mann, der ſchwer arbeiten muß, und und ſagte: ‚Joſeph, Miß Havisham

dieſer Menſch, mit ſeinem

Sie,

ſind nicht zu berauſchend, wünſcht mit Euch zu ſprechen.

Miß Havisham, Joe?

Sie wünſcht, waren Pumblechooks Worte, ‚mit Euch zu ſpre chen, verſetzte Joe, und ließ ſeine Augen über die Decke des Zim mers rollen.

Wirklich, Joe? Bitte, fahre fort.

Am folgenden Tage, mein Herr, ſagte er darauf, indem er mich aublickte, als wenn ich weit entfernt von ihm wäre,machte ich mich ſauber, und ging zu Miß H.

Zu wem, Joe? Zu Miß Havisham?

Wie ich ſage, mein Herr, erwiederte Joe mit einer ſo wichti⸗ gen Miene, als wenn er im Begriffe wäre, ſein Teſtament zu machen, ,oder Miß Havisham. Was ſie mir dann ſagte, war Folgendes: ‚Mr. Gargery, Sie ſtehen mit Mr. Pip in Briefwechſele (Daaich wirklich einen Brief von Ihnen empfangen hatte, ſo konnter ich ‚Jas antworten.)Wollen Sie ſo gut ſein, fuhr ſie ſort, zihm mitzutheilen, daß Eſtella heimgekommen ſei und ſich freuen würde, ihn zu ſehen?*

Ich fühlte mein Geſicht glühen, als ich Joe aublickte. Es mag ſein, daß eine entferntere Urſache dieſes Erröthens in dem Bewußt

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