Teil eines Werkes 
Band 1
Seite
223
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Feierſtunden. 1864.

Nachdem alles dieſes beſprochen und ſo weit ausgeführt worden war, daß ich meine Studien mit Eifer hatte beginnen können, kam mir der Gedanke, daß, wenn ich das Zimmer im Hotel Barnard beibehalten könnte, meine Lebensweiſe manche angenehme Abwechslung haben würde, während meine Manieren durch den Umgang mit Her⸗ bert zugleich gewinnen müßten. Mr. Pocket hatte gegen dieſen Plan⸗ nichts einzuwenden, aber machte mich aufmerkſam darauf, daß ich ehe ein Schritt zu ſeiner Ausführung geſchehen könne, die Genehmi⸗ gung meines Vormundes einzuholen habe. Ich ſah deutlich, daß er dieſe Bedingung lediglich deßhalb ſtellte, weil durch die Ausführung dieſes Planes ſeinem Sohne Herbert manche Koſten erſpart würden, und begab mich deßhalb ſogleich nach Little Britain, um Mr. Jag gers meine Wünſche vorzutragen.

Wenn ich das Mobiliar kaufen könnte, welches jetzt für mich gemiethet iſt, ſagte ich,und noch einige andere kleine Dinge, ſo würde ich dort ganz gut eingerichtet ſein.

Recht ſo! verſetzte Mr. Jaggers mit einem kurzen Lachen. Ich habe ja vorher geſagt, daß Sie Fortſchritte machen würden. Nun, wie viel brauchen Sie denn?

Ich erwiederte, daß ich es nicht wüßte.

Ach, was! entgegnete Mr. Jaggers.Wie viel? Pfund?

Oh, bei Weitem nicht ſo viel!

Fünf Pfund? fragte Mr. Jaggers.

Das war ein ſo großer Unterſchied, daß ich ganz verwirrt er⸗ wiederte:Nein, mehr als das.

Fünfßzig

Mehr als das, wie? verſetzte Mr. Jaggers, indem er, die Hände in den Taſchen haltend, den Kopf auf die Seite geneigt, und die Blicke auf die hinter mir befindliche Wand gerichtet, meiner Ant⸗ wort wartete.Wie viel mehr?

Es iſt ſchwer, eine Summe zu beſtimmen, ſagte ich zaudernd.

Nun, wir wollen es verſuchen! fuhr Mr. Jaggers fort. Zweimal fünf, iſt das genug? Oder dreimal fünf? Oder vier⸗ mal fünf? Wird das genügen?

Ich erwiederte, daß das meiner Anſicht nach vollkommen genug ſein würde..

Viermal fünf wird vollkommen genug ſein? wiederholte er, die Stirne runzelnd.Nun, was machen Sie aus viermal fünf?

Was ich daraus mache?

Ja, wie viel?

Ich glaube, Sie machen auch zwanzig Pfund daraus, bemerkte ich lächelnd.

O, was ich daraus mache, iſt gleichgültig, mein Freund, ver ſetzte Mr. Jaggers, indem er den Kopf mit einer ſchlauen, verneinen⸗ den Miene in die Höhe warf.Ich will wiſſen, was Sie daraus machen.

Zwanzig Pfund, natürlich.

Wemmick! rief Mr. Jaggers,die Thür der Schreibſtube öff nend,laſſen Sie ſich von Mr. Pip eine ſchriftliche Anweiſung geben, und zahlen Sie ihm zwanzig Pfund aus.

Dieſe eigenthümliche Art, Geſchäfte zu betreiben, machte auch einen eigenthümlichen Eindruck auf mich, und zwar keinen von ange⸗ nehmer Art. Mr. Jaggers lachte nie; aber er trug große, blanke, knarrende Stiefeln, und wenn er ſich, eine Antwort erwartend, mit geſenktem Kopfe und gerunzelter Stirne auf ihnen hin und her wiegte, ließ er ſie zuweilen ſo laut knarren, daß es faſt klang, als wenn die Stiefeln auf eine trockene, argwöhniſche Weiſe lachten. Da er in die⸗ ſem Augenblicke gerade hinaus ging, ſo ſagte ich zu Wemmick, der immer aufgereimt und geſprächig war, daß ich kaum wiſſe, was ich aus Mr. Jaggers Benehmen machen ſolle.

Sagen Sie ihm das, und er wird es als ein Kompliment an⸗ nehmen, erwiederte Wemmick;es iſt auch gar nicht ſeine Abſicht,

daß Sie wiſſen ſollen, was daraus zu machen ſei. Oh! fügte er

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hinzu, als ich ihn erſtaunt anblickte,das hat keine perſönliche Be⸗ ziehung; es iſt geſchäftsmäßig, nur geſchäftsmäßig.

Wemmick ſtand an ſeinem Pulte und genoß ſein Frühſtück, das heißt, er kaute einen harten Zwieback, von dem er kleine Stücke abbrach und in ſeinen ſchmalen Mund ſteckte, wie wenn er Briefe in einen Poſtkaſten ſchöbe.

Es kommt mir immer ſo vor, als ob er eine Menſcheufalle auf⸗ geſtellt hätte, und ſie beobachtete. Mit einem Male macht es ſchnapp! und man iſt gefangen!

Ohne zu erwähnen, daß Menſchenfallen nicht zu den Annehm lichkeiten des Lebens gehören, ſagte ich nur, es ſcheine mir, daß er ſehr geſchickt ſei.

Tief, wie Auſtralien, verſetzte Wemmick, indem er mit ſeiner Feder auf den Fußboden der Schreibſtube deutete, um zu verſtehen zu geben, daß Auſtralien zum Zwecke ſeiner Redefigur als auf der entgegengeſetzten Seite des Erdballs liegend betrachtet werden müſſe. Wenn es noch etwas Tieferes gäbe, fügte er, die Feder wieder auf das Papier bringend, hinzu,ſo würde er auch das ſein.

Alſo hat er wohl ein gutes Geſchäft? ſagte ich, und Wemmick antwortete:Ka pi tal!

Dann fragte ich, ob viele Schreiber beſchäftigt würden, worauf er erwiederte:

Wir halten keine große Zahl, denn es gibt nur einen Jaggers, und die Clienten wollen keinen Stellvertreter für ihn haben. Wir ſind nur unſerer vier. Wünſchen Sie ſie vielleicht kennen zu lernen? Sie ſind ja, ſo zu ſagen, einer von uns.

Ich nahm das Anerbieten an. Nachdem Mr. Wemmick den Reſt des Zwiebacks in ſeinen Briefkaſten geſchoben und mir das Geld aus einer eiſernen Kiſte gezahlt hatte, deren Schlüſſel er irgendwo auf ſeinem Rücken trug und wie einen Zopf unter dem Rockkragen her⸗ vorzog, ſtiegen wir die Treppe hinauf. Das Haus war dunkel und unſauber, und die ſchmutzigen Schultern, die ihre Merkmale in Mr. Jaggers Zimmer zurückgelaſſen hatten, ſchienen ſich auch Jahre lang auf der Treppe hinauf und hinunter geſchoben zu haben. Im Vor⸗ derzimmer des erſten Stockwerks war ein Schreiber, der wie ein Mittelding zwiſchen einem Bierwirthe und einem Rattenfänger aus⸗ ſah, ein dicker, bleicher, aufgedunſener Mann, mit mehreren Leuten von dürftigem Aeußern ſehr eifrig beſchäftigt, die er ebenſo unhöflich behandelte, wie hier ein Jeder behandelt zu werden ſchien, der dazu beitrug, Mr. Jaggers Geldkiſten zu füllen.

Er ſammelt Beweiſe für ein Verfahren in der Bailey, ſagte Mr. Wemmick, als wir das Zimmer wieder verlaſſen hatten.

In dem über dem letzteren belegenen Gemache des zweiten Stock⸗ werks fanden wir einen Schreiber, welcher einem kleinen Dachshunde nicht unähnlich war, mit lang herunter hängendem Haare, der mit einem Manne auf ähnliche Weiſe beſchäftigt war, der ſehr ſchwache Augen zu haben ſchien. Mr. Wemmick ſchilderte mir den Letzteren als einen Schmelzer, bei dem der Tiegel fortwährend thätig war, der Alles ſchmolz, was ihm gebracht wurde, und der ſich in einer ſo weißglühenden Hitze befand, als wenn er ſeine Kunſt an ſich ſelbſt verſucht hätte. In einem hinteren Zimmer befand ſich ein hochſchul⸗ teriger Mann, der an Geſichtsſchmerzen litt und ſich deßhalb den Kopf mit einem ſchmutzigen Stück Flanell verbunden hatte, und deſ⸗ ſen ſchwarze Kleider ſo ausſahen, als wenn ſie gewichst worden wä⸗ ren. Er ſaß über ſeine Arbeit gebeugt und machte Abſchriften von denjenigen Vermerken, welche die beiden Anderen für Mr. Jaggers Gebrauch geſammelt hatten.

Das war das ganze Perſonal. Als wir die Treppe wieder hinab ſtiegen, führte mich Wemmick in das Zimmer meines Vormundes und ſagte:

Dies haben Sie ſchon geſehen.

Bitte, erwiederte ich, als die zwei widrigen Büſten mit den verzerrten Geſichtern mir wieder in das Auge fielen,weſſen Bild⸗ niſſe ſind dieſe?

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