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14 Feierſtunden. 1864.
Italia liberata.
Eine Epiſode aus dem Leben Louis Napoleons vom Jahr 1831.
Erſtes Kapitel. Das Begegniß auf dem Splügen.
Bücher, oder markirte einen Namen auf einer der Land⸗ karten.
Auf dieſe Art mochte der junge Mann ſchon mehrere Stunden lang beſchäftigt geweſen ſein, ohne daß er durch
Links vom Rheine, wie er aus dem Bodenſee heraus⸗irgend Jemanden oder auch nur durch ein Geräuſch unter⸗
kömmt, auf ziemlicher Höhe, liegt ein Schloß, von dem aus man einer prächtigen Fernſicht über einen großen Theil des Kantons Thurgau, zu welchem daſſelbe gehört, ſowie
über das Bodenſee⸗ und das Rheinthal mit ſeinen herrlichen Umgebungen und Gebirgen genießt. Noch herrlicher aber faſt, als dieſe Fernſicht, nehmen ſich die Garten⸗ und
Parkanlagen aus, welche an die Gebäulichkeiten anſtoßen, und es gibt in ihnen der Laubgänge, ſowie der Grotten
und Hütten eine Menge, welche an die Reize des Para⸗
dieſes erinnern. Dieſe prächtige Beſitzung nun heißt Arenenberg und kam vor jetzt etwa vierzig Jahren in den Beſitz der früheren Königin von Holland, Hortenſe Eugenie, einer geborenen Beauharnais, deren Mutter den mächtigen Kaiſer Napoleon von Frankreich ihren zwei⸗ ten Gatten nannte. Dort wohnte die Ex⸗Königin viele, viele Jahre lang, nachdem das napoleoniſche Regiment ge⸗ ſtürzt war, nur allein damit beſchäftigt, ihren dritten Sohn, Louis Napoleon Charles(der erſtgeborne Napoleon Louis Charles ſtarb ſchon anno 1807, und der zweit⸗ geborne Charles Louis Napoleon lebte bei ſeinem Vater, dem Exkönige Ludwig Bonaparte von Hol⸗ land von der Mutter getrennt in Florenz), den jetzigen Kaiſer Napoleon III. von Frankreich, zu erziehen, und wenn ſie je das Schloß auf kürzere oder längere Zeit verließ, ſo geſchah es ſicherlich nur im Intereſſe dieſes ihres Sohnes, auf den ſie große Hoffnungen baute.
Auch im Spätherbſt des Jahres 1830 befand ſich die königliche Frau mit dieſem ihrem Sohne Louis, damals einem Jünglinge von zwei⸗ bis dreiundzwanzig Jahren*), auf Arenenberg, und wir bitten nun den Leſer, uns eben⸗ falls dahin zu folgen. Wir begeben uns aber nicht in's Schloß ſelbſt, ſondern in den anſtoßenden Park, und zwar in eine der verborgenſten Lauben deſſelben, welche ſo mit Weinreben überwachſen war, daß man von außen gar nicht ſehen konnte, was darinnen vorging. In der Laube ſtand ein großer runder Tiſch, den Bücher und Landkarten aller Art bedeckten, und vor dieſen Karten und Büchern, gar emſig in denſelben ſtudirend, ſaß ein einzelner Mann, deſ⸗ ſen Geſichtszüge man kaum zu erkennen vermochte, da er ſich faſt gar nie Zeit nahm, auch nur einen Augenblick lang aufzuſehen. Doch konnte es einem aufmerkſamen Beobachter nicht entgehen, daß der eifrige Forſcher und Gelehrte trotz ſeiner bleichen Geſichtsfarbe und ſeines mage⸗ ren eingefallenen Wangen noch ſehr jung ſein müſſe, und insbeſondere fiel die faſt außerordentliche Intelligenz auf, welche auf ſeiner nachdenklichen Stirne thronte. Kein Laut kam über ſeine Lippen, obgleich ſich dieſelben oft wie con⸗ vulſiviſch bewegten, um ſo mehr aber hatten ſeine Hände zu thun, denn er machte ſich eine Menge von Notizen und unterſtrich bald da, bald dort eine Stelle in einem der
*) Louis Napoleon Charles, der jetzige Kaiſer der Franzoſen, wurde den 20. April 1808 zu Paris geboren.
brochen worden wäre; da raſchelte es plötzlich im Gebüſche und wie aus der Erde emporgewachſen ſtand mit Einem Male ein Fremdling vor ihm, der ihn unverwandten Blickes anſtarrte. Der Eingedrungene trug das Kleid eines Bettel⸗ mönchs, am Leibe eine lange braune Kutte, die durch einen Strick zuſammengehalten wurde, auf dem Kopfe eine Ka⸗ putze ſtatt eines Hutes, an den Füßen Sandalen ſtatt Strümpfen und Schuhen, in der Hand einen ſchweren, mit Eiſen beſchlagenen Stock— und war augenſcheinlich ein ſchon älterer(obwohl immer noch äußerſt kräftig ausſehen⸗ der) Mann, der ſich durch einen langen grauen Bart und merkwürdig kluge Augen auszeichnete. Den Prieſter konnte man unmöglich in ihm verkennen und ſeine Erſcheinung hatte alſo an und für ſich durchaus nichts Schreckhaftes, allein überraſchen mußte jedenfalls ſein plötzliches Auf⸗ treten, und mancher ſonſt ganz herzhafte Mann würde ſicher⸗ lich darob ſtark zuſammengefahren ſein. Nicht ſo der Jüng⸗ ling an dem runden Tiſche, denn keine Muskel ſeines Geſichtes zuckte und ſeine Wangen blieben ſo marmorkalt, wie wenn ſie gar nicht fähig wären, je von Blut über⸗ goſſen zu werden..
„Was wünſchen Sie?“ fragte er äußerſt ruhig in fran⸗
zzöſiſcher Sprache, als der Andere fortfuhr, ihn ſtillſchwei⸗
gend anzuſtarren.„Was wünſchen Sie,“ wiederholte er darauf etwas lebhafter und mit ſtärkerer Betonung,„und vor Allem wie kommen Sie hier herein, da ich doch Befehl gegeben habe, keinen Menſchen zu mir zu laſſen?“
„Ich komme,“ erwiederte der Mönch nach einer Pauſe in italieniſcher Sprache mit leiſer, obwohl voller und kla⸗ rer Stimme,„ich komme aus einem Walde, in welchem viele Wölfe hauſen; das unterdrückte Lamm aber ſchreit nach einem Jäger, der es ſchütze und vertheidige.“ 3
„Ha!“ rief der junge Mann, wie elektriſirt aufſprin⸗ gend, indem zugleich ſeine Augen Blitze ſchoſſen. Doch plötzlich bezwang er ſich gewaltſam, und den nächſten Augen⸗ blick ſaß er wieder ſo ruhig marmorkalt da, wie zuvor.
„Sie ſprechen eine Sprache, mein Pater,“ murmelte er,
jetzt ſich ebenfalls des italieniſchen Idioms bedienend, „welche für gewöhnliche Sterbliche ein Räthſel iſt. Alſo nochmals, was wollen Sie, und vor Allem, wer ſind Sie und woher kommen Sie?“
„Rom iſt die Mutter der Nationen und Italien iſt mein Vaterland,“ entgegnete der Andere, dem Jünglinge einen feſten Blick zuwerfend.
„Beim Himmel,“ murmelte nun der Letztere,„es iſt Einer der Eingeweihten, und ich habe Unrecht, ihm noch länger mit Mißtrauen zu begegnen.“
Mit dieſen Worten ſtand er abermals auf und näherte ſich dem Mönche, indem er ihm zugleich die Hand entge⸗ genſtreckte. Doch dieſer wich einen Schritt zurück und holte aus einer verborgenen Taſche ſeiner Kutte ein ſorgfältig zuſammengeſchnürtes Paketchen hervor, das er ſofort dem Andern überreichte.„Leſen Sie, mein Prinz,“ ſagte er,
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