Heft 
(1859) 12 12
Seite
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374 Erinnerungen.

Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

ner gebe; man kann in Ungarn Zigeuner mit ſchö⸗

nen blonden Haaren und lichten Augen bei tief ſchieden.

goldbrauner Hautfarbe und vollkommen reinem Zi⸗ geunertypus ſehen. Die Mädchen beſitzen oft ſehr viel Liebreiz, doch verblühen ſie raſch.

Die Bekleidung der Zigeuner iſt ſehr verſchie⸗

den. In Ortſchaften, wo ſie feſten Aufenthalt haben,

kleiden ſie ſich wie das dortige Landvolk, doch hän⸗ gen ſie auch da gar gerne noch einen rothen Fetzen um, da ſie dieſe Farbe überaus lieben. Namentlich ſind aber bei den herumziehenden Banden viel bunte und rothe Stoffe zu ſehen, die häufig zu Kopfbe⸗ deckung, Gurt, Schürze und Schärpe verwendet werden. Von maleriſchem, wirklich überaus inter⸗ eſſantem Ausſehen ſind blos die herumziehenden Zigeuner, deren Kleidung in hohem Grade originell iſt, da ſie bei der Wahl derſelben ganz ihrem eige⸗ nen Geſchmacke folgen. Wie beliebt bei ihnen die rothe Farbe iſt, geht ſchon aus dem Umſtande her⸗ vor, daßroth ihnen ſo viel alslieb und werth bedeutet. Dem Reiſenden z. B., welchen ſie an⸗ betteln, rufen ſie ſchmeichelnd zu: dervene panàèbku (rothes Herrchen). Bis zu 10 Jahren laſſen ſie ihre Kinder nackt gehen, und binden ihnen höchſtens zur Erwärmung einen Strick um den Leib. Auch die Erwachſenen trifft man oft bis zur Hüfte bloß, ganz abgeſehen von den unwillkürlichen Blößen, welche die meiſt verwahrloſte und zerlumpte Klei⸗ dung läßt.

Daß die Zigeuner bei dieſem ihrem Naturzu⸗ ſtande frühzeitig abgehärtet werden, läßt ſich begrei⸗ fen. Sie halten im Freien ſelbſt bei ſtrenger Kälte aus; ich habe ſie bei 21 Grad Kälte im Walde übernachtend gefunden. Sie zünden dann ein Feuer an und indem ſich Weiber, Kinder, Männer bunt untereinander um dasſelbe lagern, wenden ſie bald die eine, bald die andere Seite der Gluth zu. Trotz ihrer Lebensweiſe voll Entbehrung und Unordnung werden ſie ſelten krank und oft über 100 Jahre alt.

Ihre Nahrung bildet alles, was ſich nur eben verdauen läßt. Sie ſcheuen ſich eben ſo wenig vor dem Fleiſche der Ratten, Mäuſe und Füchſe, wie vor dem Fleiſche umgeſtandener Thiere, die ſie in ihrer poetiſchen Sprachevon Gott geſchlachtete nennen. Viehſeuchen machen ihnen Feſtzeiten, und drum ſtanden die Zigeuner bei dem ungariſchen Landvolke oft im Verdachte, durch böſe Künſte Krank⸗ heiten unter das Vieh gebracht zu haben. Zu den Delikateſſen zählen ſie Zwiebeln und Knoblauch, und als Reizmittel lieben ſie den Tabak, den Män⸗ ner und. Weiber kauen, und leidenſchaftlich geiſtige Getränke.

In Mähren, Schleſien und Nordungarn be⸗ meiſter bemächtigen ſich gern des Schlüſſels zum

gegnet man Haufen von 6 8 Zigeunern, aber auch Banden von 50 60. Die Letzteren haben Pferde, auf welchen die Weiber und Kinder ſitzen, manchmal auch kleine Wagen. In Siebenbürgen ſind ſie ſeßhaft(Neubauern), und ihre nomadiſche Wildheit iſt zum großen Theil geſchwunden.

Die Beſchäftigung der Zigeuner iſt ſehr ver⸗ Sie ſind Schmiede und Keſſelflicker, und man rühmt ihnen nach, daß ſie mit ganz unvoll⸗ kommenen Werkzeugen gute Arbeit zu machen ver⸗ ſtehen, ſie treiben Thierkuren und Pferdehandel. Sie laſſen ſich überhaupt zu allem brauchen, was ſich mit ihrem vagabundirenden Leben vereinigen läßt. In Ungarn ſind ſie Abdecker und nöthigenfalls auch Henker. Sie gehen in gleicher Weiſe dem Feldbauer wie dem Jäger zur Hand und zeigen ſich zu allem recht anſtellig, nur daß ſie dabei nicht lange aus⸗ halten. Die Behendigkeit und Gelenkigkeit ihrer Glieder zeigen ſie als Seiltänzer, ihren Sinn für Kunſt als Muſiker.(Vergl.die Zigeuner im Juli⸗ hefte 1858 der Erinnerungen.) Die Haupterwerbs⸗ quelle der unſtäten Zigeuner beſteht in Wahrſagen und Betrug. Man wirft ihnen auch Kinderdiebſtahl vor, in Ungarn beſchuldigte man ſie vor einem halben Jahrhundert noch ſogan der Menſchenfreſſerei. Wenn ſich in den mähriſchen Dörfern Zigeuner zeigen, werden im Nu ſämmtliche Hausthüren geſchloſſen und Kinder, welche vor der Hütte ſpielen, eiligſt geradezu hineingeworfen.

Eine eigentliche Religion haben die Zigeuner nicht; ſie bekennen ſich meiſt zu dem Kultus des Landes, in welchem ſie ſich herumtreiben. Ihre Ehen werden leicht geſchloſſen. Blutsverwandtſchaft bildet bei denſelben kein Hinderniß.

Der räthſelhafte Brief.

Ein Schwank.

(Schluß.)

jer Brief glich einerſeits der Pandorabüchſe,

denn es ſchien als ob alles Unheil der Welt

daraus hervorgehen ſollte, und andererſeits

dem Oelkrüglein der Witwe zu Sarepta,

ſein Inhalt war immer wieder friſch und neu, ſo oft ihn Jemand zur Hand nahm.

Auch in den Händen des Hausmeiſters, der bei Herrn Flocke das Amt des Stubenmädchens und des Wichſiers zugleich inne hatte, nahm der Brief eine neue drohende Miene an.

Haben Sie, Herr Hausmeiſter, heute früh beim Aufräumen nicht meine Brille gefunden? hatte Herr Flocke den Eintretenden angeredet und als der Letztere es verneinte, ihn erſucht, den Brief ihm vorzuleſen. Der Hausmeeiſter, nicht wenig durch dieſen Beweis von Vertrauen erfreut alle Haus⸗

Herzen ihrer Wohnparteien wendete ſich, nachdem er den Brief erſt ſtumm für ſich geleſen, dann mit befremdeter Miene zu dem vergebens aufhorchenden Flocke:Hm, hm, Sie haben alſo geſtern Händel gehabt, Herr Flocke?