Heft 
(1859) 11 11
Seite
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322 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

ſchneidiger Dolch, mit Griff vom Horn eines Sech⸗ zehnenders, dann eine blitzende Solingerklinge an rei⸗ chem Gehenk und ein ſammtnes Barett von ſchwung⸗ vollen, weißen Federn überwallt die Ehrluſt der wehrhaften Jugend zum Wagniß ſpornend.

Endlich waren ſeltſamer Weiſe! auf aus⸗ drückliches Gebot des Stadtvogtes und Heermei⸗ ſters Kornelius Ottweiler, zwei Innungen be⸗ vorzugt der Schneider und Schmiede. Eine mächtige Zuſchneideſchere von beſtem Stahl, trefflichſten Gefüges und ſcharfgeſchliffen, hing am Gipfelſproß neben einer Zange, am Eiſenhaken befeſtigt als höchſter Preis!

Das war denn Jedermann gar wunderlich und die Alten, das Weſen und Thun des ſtrengen und feſten Herrn Stadtvogtes kennend, zerbrachen ſich den Kopf, den eigentlichen Zweck dieſer Werk⸗ zeuge am Baum herauszufinden; die loſe Jugend aber, leichteren Sinn's und vermeinend, eitel Kurz⸗ weil und Narrethei ſtecke hinter dem Ganzen, hatte ein artiges, mit Maſchen verziertes Bocksbärt⸗ lein den Ringen des Scherengriffs angefügt und der Zange zu Erhöhung des Preiſes, eine taube Nußuwiſchen die Eiſenkiefer geſchoben.

Ki Grab! rief jetzt Kluger der junge Schreiner, da er eben eine Erdſcholle aus dem, ſich unter zehn Spitz- und Rodhauen erweiternden Loch, worin der Baum gepfählt werden ſollte, auf⸗ geworfen. Neugierig folgten Aller Augen dem aber⸗ mals niedergleitenden Arm des Rufers ein zweiter Schaufelgriff und ein brauner, geſpal⸗ tener Menſchenſchädel rollte über den Erdaufwurf des Grubenrandes....

Auf das Gelärm der Werkmeiſter war lang⸗ ſamen Schrittes der alte, wettergebräunte Rotten⸗ meiſter des Stadtheerbann's Kaspar Beſchorner herzugetreten und nun mit bewölktem Blick in die Grube ſtarrend, nahm er ſeine Sturmhaube ab und ſprach gewichtigen Ernſtes, feierlich:

Wir ſtehen auf den Reſten unſerer Väterl... Zum Schirm des bedrohten Heimat⸗ herdes, gegen den übermüthigen Lutz von Mödlitz waren ſie ausgezogen zu tauſend Mann, den räu⸗ beriſchen Habicht in ſeinem Horſt zu fahnden und ſeine Zwingburg zu brechen. Verrätherei eines, vom Erbfeind erkauften Pfadweiſers, der durch den da⸗ mals unwegſamen Wald den Zug auf kürzeſter und ſicherſter Fährte führen ſollte, lockte ſie in eine ver⸗ lorne Thalenge und gab ſie, wie eine umhegte Herde dem Schlachtmeſſer der gleich Wetterbächen vorbrechenden und Alles niederwerfenden Eiſenmän⸗ ner preis. Da fielen denn Alle in ihr Blut und nur Einem blieb ſo viel Kraft und Athem, ſich Nachts, da der Feind die Wahlſtatt verlaſſen, bis zur Stadtmauer heimzuſchleppen und dem Thorwart die Hiobskunde zu bringen. Da war kein Dach in Hof, unter dem nicht Weheklagen und Jammer der armen, ihres Nährers und Schützers beraubten

vor den übrigen Gilden bedacht: die

Witwen und Waiſen zum Himmel ſchrie. Der rit⸗ terliche Wüthrich verweigerteé in ſeines Herzens Ver⸗ härtung den Flehenden ſogar, daß ſie die theuren Leichname vom Blutfeld holen und in des Fried⸗ hofes geweihte Erde betten durften. Drei Tage lang mäſtete Geier und Krähe ſich an den Unbe⸗ grabenen und als der in der Juliusſonne faulende Ueberreſt weithin über's Gebirge die Luft verpeſtete, ließ der Gewaltherr ſelben in eine weite und tiefe I Grube ohne Sang und Segen gleich Aeſern un⸗ vernünftiger Thiere werfen. Dreißig Jahre in harter Botmäßigkeit ſchmachtete das ſeiner Mannen be⸗ raubte Städtlein! Als wir endlich erwachſen den kühnen und ſtarken Kornelius Ottweiler als Führer an der Spitze, uns gegen den Zwing⸗ herrſcher empörend, die Freiheit unſeres Weichbildes nach hartem Kampf erſtritten, ſtellten wir wohl Nachgrabungen nach den theuren Ueberreſten an, doch da Niemand von uns die Stelle, wo ſie ver⸗ ſenkt worden, wußte, jedes Merkzeichen abſichtlich von der Hand des Barbaren ſpurlos hinweggetilgt war, blieb all unſer Suchen ohne Erfolg. Heute, wo mir bauen und ſchaffen am Werk der Freude, gibt uns der Zufall eine ſchwere Mahnung für ein ernſteres Thun. Noch trotzen die Zinnen der Raubveſte und der ‚blutige Wolf' dort in der Höhle, hat ſeiner grimmigen Natur gegen den Städtler ſich nicht begeben.

Feuer und Schwert! begann Glutſchlak⸗ ker, der junge breitſchultrige, um Kopfeslänge alle Umſtehenden überragende Waffenſchmied, indem er die ſchwere, ſtählerne Spithhaue klirrend in den Boden ſtieß,lieber wollte ich mit dem Werkzeug da von der gleißenden Haube des ritterlichen Wür⸗ gers die Federn ſtäuben machen, als hier die Acker⸗ krume! lieber ihm ſelbſt und ſeinen Mordkameraden ein Bett tief und breit in der Erde machen, als hier dem Holze zu eitler Kurzweil und der Jun⸗ gen Erluſtigung! Noch ſchreit das Blut meiner fünfzig Kampfgeſellen vom zweiten Herbſt um Rache noch mäſten ſich die Lotterer von uns wackerer Werkleute Mark und Blut, reißen den Preis und Gewinn unſers ſchweren Tagewerkes mit gieriger Kralle uns vor der Naſe weg! Und wir? ſtehen da durch eines Einzigen Willen gebunden, ſchirm⸗ und widerſtandslos, wie Schulbuben unterm Ru⸗ thenſtreich und ein wildes Lächeln hob die Spiteen ſeines ſtruppigen Bartesrichten Mai⸗ bäume auf!

Wenn die Saat reif, dann komme der Schnitter zur Mahd! entgegnete der alte Rotten⸗ meiſter bedeutungsvoll.Habt ihr eure vorſchnelle, dem rechten Zeitpunkt und günſtiger Lage der Dinge vorgreifende Heftigkeit nicht ſchon genugſam und empfindlichſt gebüßt? Wollt ihr wieder wie blind⸗ wüthige Hirſche ſelbſt in die Netze des Erbfeindes laufen? Hättet ihr vordem der Mahnung des Heermeiſters gefolgt und hinter Wall und Mauer die Uebermacht der Feinde erwartet, ſo dürften