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Erinnerungen. IJlluſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
ich ihm geſtatten, nur dieſes nicht! Der Condottiere Sforza büße im Kerker ſeine Theilnahme am Bunde der Barone gegen mich!— Doch, Katha⸗ rina, wie kommt es, daß jetzt Dein Bruder ſich Sforza's annimmt? Sie waren ja Gegner und Pandolfello hat ihn durch die Anzeige ſeiner aufrühriſchen That dem Kerker überliefert. Sind das Umtriebe von ihm, ſo möchte ich ihm freund⸗ lichſt rathen, ſich in nichts zu mengen, denn trotz meiner Gunſt könnte er ſich leicht ſein Verderben bereiten.“
Die Königin ging einige Male erregt durch das Gemach, dann blieb ſie wieder vor Katha⸗ rina ſtehen und ergriff ihre Hand.
„Ich wollte Dir nicht wehe thun, liebes Mäd⸗ chen, ich weiß, ihr Beide hanget voll Liebe an mir, und ein treues Herz iſt mir koſtbar in dieſer Zeit, wo viele Dränger mich umſtehen. Doch ſage mir, warum wählte Dich Dein Bruder zur Fürſpreche⸗ rin, warum bekümmerſt Du Dich um Sforza?“
Johanna blickte Katharina ſtreng in’'s Antlitz, das ein volles Roth übergoß.
„Rede frei— doch Dein Verſtummen iſt mir beredter!— Du liebſt Sforza! Darum wollt ihr ſeine Freiheit, die er benutzt, um gegen mich mit den Baronen zu handeln und auch euch mir zu entfremden! Allüberall ſeh' ich nur Eigennutz und Verrath. Hinweg von mir und vergiß die thörichte Liebe, ſonſt wehe Dir!“
Die erzürnte Königin wandte ſich ab, Ka⸗ tharina ſtürzte zu ihren Füßen.
„Eure Majeſtät, ſtoßt nicht die Bittende von Euch! Auch in Eurer Bruſt ſchlägt ein liebendes, warmes Herz, das meine Schmerzen kennt und das Wehe zurückgewieſenen Flehens fühlt!“
„Thörichtes Mädchen, wie magſt Du den ſchon bejahrten Mann lieben, deſſen Herz zu ehern iſt, als daß ſanfte Gefühle es erfüllen könnten? Der Reiz des Ruhmes, Sforza's Macht und ſntattliche Haltung, das ſind wohl die Magnete, die Dein Herz anziehen und Deinen Bruder beſtimmen, dieſe Verbindung zu fördern. Doch keine eurer Bitten öffnet Sforza's Kerker!“
Johanna trat an's Fenſter und blickte hin⸗ aus in den Hof des Caſtel nuovo. Ihr Herz war mächtig erſchüttert durch das Bekenntniß Ka⸗ tharina's; hatte ſie ja ſelbſt den berühmten Kriegsführer geliebt und war deſſen kaltes Weſen gegen ſie mit ein Beweggrund zu ſeiner Gefangen⸗ nahme geweſen.
Da öffnete ſich die Thüre des Gemaches und Pandolfello Alopo, ein ſchöner junger Mann, trat ein. Ihm, dem Günſtlinge und Großkämmerer der Königin, war ſtets der Zutritt zu ihr offen. Heute zeigte ſich ſein ſonſt heiteres Antlitz umdü⸗ ſtert. Einen traurigen Blick auf ſeine ſtill weinende Schweſter werfend trat er vor die ſinnende Köni⸗ gin hin. 1 „Pandolfello,“ ſprach dieſe düſter aufbii⸗
ckend,„Du wagſt es mir wieder zu nahen, nach⸗ dem Du Deine unkluge Bitte erneuert und mir neuen Schmerz, neuen Zorn bereitet haſt?“
„Eure Majeſtät, was ich gethan, war nur ein Beweis meiner Treue und Ergebenheit.“
„Deiner Treue? Nennſt Du es Treue, wenn Du meinen Feinden zu meinem Verderben neue Macht mit der Freiheit geben willſt?“
„Meine Treue wollte Euch einen verläßlichen, mächtigen Diener ſchaffen. Wird Sforza frei durch Eure Gnade, was könnte ihn mehr bewegen, Euch zu dienen? Doch zwingt man Euch, ſeinen Kerker zu öffnen, ſo muß er auf die Seite ſeiner Freunde und— Curer Feinde treten!“
„Meiner Feinde! Hab' ich denn keine Macht mehr, ſie niederzuſchlagen und zu walten, wie es Neapels Königin ziemt? Droht denn Gefahr, daß Du zitterſt?“
„Meine Sorge für Euer Wohl ahnt, ſieht ſie. Verkehrte Maßregeln haben wir ergriffen, um den Adel zu beugen. Ihr tratet den Einen nieder, zehn erheben ſich kühner gegen Euch.“
„Und gegen Dich?“
„Bin ich denn ihnen nicht verhaßt, da Eure Huld mir lächelt? Und will der Adel gegen Euch handeln, ſo iſt es gewiß ſein erſter Plan, mich zu ſtürzen. Durch Sforza's Gefangennahme hofften wir den Bund der Barone zu ſprengen, und ver⸗ mehrten nur ihre Unzufriedenheit. Nun ſammelt ſie Julius Cäſar, deſſen heftiger, kühner, ehrgeizi⸗ ger Sinn Grund zu gerechten Befürchtungen gibt.“
„O dieſer Cäſar, mein böſer Stern, wird noch mein Verderben. Steigt er, ſo muß ich fal⸗ len, denn ſeine Herrſchſucht kennt keine Grenzen!“
„Die Heere Sforza's ſind empört über die ihrem Führer geſchehene Schmach, ſie wollen mit Gewalt ihn befreien. In der Stadt Aquila lodert offene Empörung, die der Herzog von Seſſa mit dem Grafen von Fondi ſchürt, die Grafen von Gerace, Troja, Julius Cäſar von Capua rüſten ſich in Eurer Nähe zu gleichem Werke, daß der Befreite ihren Bund verſtärke. Kommt ihnen zuvor, hört auf mein Wort und Ihr werdet über ſie triumphiren können!“
Pandolfello trat zu ſeiner Schweſter zu⸗ rück, nach einigem Bedenken wendete ſich Johanna zu ihm.. „Laß mir noch einige Zeit zur Ueberlegung, denn jeder Entſchluß iſt folgenſchwer.— Doch was ſoll der Lärm in meinem Vorſaale? Will man denn auch da mir nicht mehr Ruhe gönnen? Sieh' nach, Pandolfello, wer der verwegene Stö⸗ ver iſt.“
Nach einer Weile kam Alopo zurück.
„Eure Majeſtät, die Grafen ſind's, die drin⸗ gend um Gewährung einer Unterredung mit Euch anſuchen!“
„Was ſoll mir ihr Rath!“ rief Johanna, indem ihre Augen flammten,„was beſtürmen ſie


