Erinnerungen. Illuſtrirte 9
„Aus dem engliſchen Stock iſt doch kein Wort herauszubringen,“ ſchmollte brummend der Kapitän; „ſchade um Zeit und Mühe, die ich an dem See hund verſchwendet habe! Wir wollen lieber eine Partie Billard machen, wem iſt s gefällig, meine Freunde, und wie hoch ſpielen wir?“
Mit dieſen Worten überließ er den ſtummen, ruhigen Mann fürder ungeſtört ſeiner gaſtronomi⸗ ſchen Beſchäftigung und trat mit ſeinen Begleitern an das Billard, welches, obwohl beſetzt, von den Spielern in der halben Partie ſogleich freigelaſſen wurde.
Indeſſen
hatte der Engländer ſein verzehrt, ſchob den Teller vor ſich hin, legte die Serviette zur Seite und ſtand vom Tiſche auf. Nun erſt ſah man ſeine ganze Geſtalt; er war ein hochgewachſener, mehr magerer als beleibter Mann, dem jedoch Muskelkraft und Sicherheit der Bewe gung nicht abzuſprechen war. Die ganze Erſchei⸗ nung des alten Herrn imponirte der ganzen Ge ſellſchaft. Nachdem er ſeine Halskrägen noch mehr emporgezogen und das Kinn in die ſeidene Kravatte verſenkt hatte, nahm er ſeinen Hut und Stock und ging, aber nicht gegen die Thüre, wie man ſeinem frühern räthſelhaften, der Feigheit auf ein Haar ähnlichen Benehmen nach zu ſchl ießen berechtigt ſein konnte, ſondern gemeſſenen Schrittes auf das Bil lard zu, tupfte dem Kapitän auf die Schulter und
Beeſſteak
ſagte in dem harten Deutſch der Söhne Albions: „Herr Kapitän, oder was Sie ſind, Sie haben mich ſehr unanſtändig behandelt, mich, den alten
Mann, den friedlichen Gaſt, der Niemanden Etwas in den Weg gelegt hatte. Ich muß Sie erſuchen, mir zu ſagen als Mann von EChre, ob Sie dieß aus Unüberlegtheit und kindiſchem Uebermuth gethan haben, oder ob Sie mich vorſätzllich beleidigen woll ten. Ich werde Ihre Antwort erwarten.“
Eine unmerkliche, vorübergehende Röthe, ſo
wie das Zucken um die Mundwinkel ließ errathen, daß Wlkoff dieſe Anſprache, wenn auch nicht und / 7
erwünſcht, ſo doch ganz unerwartet kam; doch faßte er ſich alsbald und indem er den Engländer mit ſeinen frechen Blicken maß, ſtieß er den Billard ſtock auf den Boden und erwiederte mit höhniſcher
Miene:„Das kann der Herr Engländer nehmen wie es Ihm beliebt, mir iſt es tout égal. Wie's
beliebt, ſo oder ſo!“
„Alſo,“ entgegnete der trockene Gentleman mit ſtrengem Blicke,„ſehe ich die mir angethane Un⸗ verſchämtheit für eine gefliſſentliche Beleidigung an! War es nicht ſo?“
„ Gewiß war es ſo, Herr und nicht anders, um ſo mehr, Freundſchaft erzeigen wollen, Beleidigung zu halten!“ „Gut denn,“ ſprach ruhig der Engländer wei „da werden Sie alſo als Mann auch einſe⸗ daß Sie mir Erklärung darüber ſchuldig ſind mir als Offizier von Ehre, der Sie ſein ſol⸗
John Bull, ſo als mir die es für eine abgeſehene
Sie
und
Blätter für Ernſt und Humor.
len, die gehörige und eklatante Genugthuung nicht verweigern dürfen!“
„Das werde ich nie,“ rief Wlkoff,„und um ſo weniger, da es mein innigſter Wunſch ge⸗ weſen, mich auch einmal mit einem Sohne Albions zu meſſen. Beſtimmen Sie ohne weiters wann, wie und wo ich Ihnen Satisfaktion geben ſoll; ich werde pünktlich erſcheinen; nur bitte ich Sie, Aicht zu vergeſſen, Ihre irdiſchen Angelagenhenton in Ord⸗ nung zu bringen— denn dem Kapitän Wlkoff hat noch Niemand ungeſtraft in die Augen geſe⸗ hen! Beiläuſig mache ich Ihnen noch bekannt, daß
Sie der Achtzehnte in meinem ſchwarzen Regiſter ſein werden, der Achtzehnte ſage ich, den ich ma foi! über den Styx zu expediren hoffe.1
Ruhigen Blickes, mit unveränderter Miene hatte der Engländer die lange und prahleriſche Tirade des Raufbolds angehört, und als dieſer geeudet, nickte er mit dem Kopfe, wobei ſein glat⸗ tes Kinn ganz in der Halsbinde ve rſchwand.
„Meine Herren,“ ſagte er dann,„da ich hier ganz unbekannt bin, ſo kann ich den gelegenſten Ort zu einer ſolchen Schlichtung unſerer Angele⸗ genheit, wobei die kleinſte Störung ſehr unange⸗ nehm wird, nicht ſelbſt beſtimmen und erſuche da⸗ her, mir den geeignetſten Platz anzugeben. Eben ſo bleibt die Stunde ſo wie die Wahl der Waffen Ihnen überlaſſen. Endlich, da ich hier auch keine Freunde habe, ſo wird einer der Herren die be ſondere Güte haben, mir am morgigen Tage zu ſekundiren!“
Als ſich nun die jungen Herren eine kleine Weile unter einander berathen hatten, wurden leiſe der Platz und die achte Morgenſtunde dem Eng⸗ länder beſtimmt, mit dem Beifügen, daß man ver⸗ ſchiedene Waffen zur beliebigen Auswahl mitbrin⸗ gen wolle. Auch der Sekundant des Fremden wurde erwählt und ſo Alles zur beiderſeitigen Zufrieden⸗ heit in Ordnung gebracht.
Nun erſt verneigte ſich der alte Herr mit Würde und nachdem er ſein„good night, meine Herren!“ geſagt, wandte er ſich zur Thüre und
begab ſich auf ſein Zimmer.
Das Erſtaunen und die Verwunderung der Anweſenden folgte ihm und die meiſten derſelben bedauerten ſchon den würdigen alten Herrn als einen todten Mann.
Wlkoff aber lachte laut auf, warf den Bil⸗ lardſtock in die nächſte Ecke und indem er ein über das andere Mal den fremden Gaſt eine ausgetrock⸗ nete Theerjacke, naunte, die er tüchtig auszuklopfen ſich ernſtlich vornehme, trank er ein Glas Tſchai nach dem andern, theils um ſeinen Aerger herun⸗ terzuſpülen, theils um ſich von dem unangenehmen Gefühle zu befreien, welches ihn in Folge des im⸗ ponirenden und gemeſſenen Auftretens des alten Mannes beſchlichen hatte.
So kam die Stunde des Nachhauſegehens und die Freunde trennten ſich ziemlich berauſcht und


