Heft 
(1859) 7 05
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Erinnerungen. bedrohend, bald wieder bis in die geheimſten Winkel der Boudoirs übergehend und die delikateſten Ge heimniſſe der damaligen Modedamen preisgebend.

Wir wollen den verſchiedenen Wendungen deeſer weingeiſtreichen Konverſation durchaus nicht folgen, ſondern eröffnen dem geneigten Leſer in Kürze, daß Wlkoff an dieſem Morgen einen hoffnungsreichen jungen Mann, den zwanzigjährigen Arthur Glad ſtone, den einſtigen Erben eines immenſen Ver⸗ mögens, das ſich ſein Onkel im Dienſte der oſtin diſchen Kompagnie erworben, durch einen ſeiner Lieblingsſtöße in einem Duell erſtochen, und dieß, weil die Geliebte des jungen Engländers dem rohen Raufbolde den zebii eten Jüngling vorgezogen hatte.

Der Speiſeſalon hatte ſich indeſſen mit Gäſten gefüllt, und die von dem bereits in aller Haſt ge noſſenen Getränke aufgeregte Geſellſchaft der jungen Leute verlangte nach Veränderung und friſcher Luft. Wo ſpeiſen wir beute* rief Milkowsky.

Ich gehe nach Bagatelle! ſagte Wlkoff, wer hält mit?

Wir Alle! rief's im einſtimmigen Chor, wir Alle gehen nach Bagatelle, vielleicht machen wir in der Ujazdeiwer Allee die Eroberung irgend einer alten, reichen Erbin, die in dem halbentblät terten Laubengange über den Herbſt ihres Lebens nachdenkt.

Lärmend und tobend, wie ſie gekommen, ent fernte ſich die Geſellſchaft, begleitet von den nicken den und ſich bückenden Kellnern des Hotels.

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Wer von Warſchau nach Praga geht, über ſchreitet nunmehr ſtatt der bis zum Jahre 1831 beſtandenen Schiffbrücke eine konſtante in hohen und kühnen Bögen ſich wölbende Brücke. Praga iſt ein Name, der in der Geſchichte Polens mit un auslöſchlichen Lettern ſtehen wird. Schon in dem Jahre 1794 wurde ſie von den Ruſſen unter Su⸗ warow gänzlich eingeäſchert, und bei dieſer Ge legenheit verlor ſie über 5000 ihrer Einwohner. Noch nicht hergeſtellt, kamen in dem Jahre 1831. die Drangſale des Freiheitskrieges über die ſchwer geprüfte Stadt.

Zur Zeit unſerer Erzählung erhoben ſich wohl ſchon wieder ſchöne und geräumige Neubauten aus dem Schutte, die Mehrzahl der Gebäude zeugte aber noch immer von dem Schrecken und der Wuth des Bürgerkrieges. Um ſo anmuthiger und lieblicher lachte dem Auge in einer der verlornen Seiten⸗ gaſſen Praga's ein kleines, ebenerdiges Häuschen, vor deſſen mit Weinreben umrankten Fenſtern ein kleines von niedern Staketen umrahmtes, mit Dah lien und Herbſtaſtern gefülltes Gärtchen dem neu gierigen Vorübergehenden den Blick in das Innere der Zimmer wehrte.

Ein Fenſter übereilenden

Soayrs War 98 den Vor

Auchlendend

Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

weiße Vorhänge verhüllten es zur Hälfte und ließen theilweiſe einen eleganten Käfig ſehen, in dem ein munterer Hänfling hin und her ſprang.

Kamelien und zwei vollauf blühende Monat⸗ roſenſtöcke ſtanden auf dem Fenſterbrette, und hinter dieſen doch wir benützen das Recht des Schrift ſtellers, ſelbſt in das trauliche Stübchen einzutreten. Friſch weht uns die Reinlichkeit dieſes kleinen Rau⸗ mes an. An der Hauptwand dem Fenſter gegen⸗ über beſindet ſich ein Kaſten, auf dem zwei blanke Leuchter mit Wachskerzen auf kunſtvoll geſtickten Unterlagen ſtehen; daneben auf jeder Seite prangt ein friſches Blumenbouquet. An der Wand hängt ein Porträt, welches einen der polniſchen Heerführer in Lebensgröße darſtellt. Ueber dem Bilde iſt ein welker Immortellenkranz angebracht.

In einer Ecke ſeitwärts ſteht ein weiß über zogener Toilettetiſch mit allerlei Nippſachen. Ein Bett, einige Seſſel und ein Kleiderſchrank, auf dem die Büſte des Kosziusko ſteht, vollenden das ganze Ameublement. An dem Nähtiſchchen im Fenſter ſitzt die Herrin der beſcheidenen Wohnung. Dunkel braunes Haar umrahmt die hohe, edel geformte Stirne. Die lange, griechiſche Naſe, der feine Teint, die ſchwellenden nelkenrothen Lippen, ſo wie die zarten ſchmalen und weißen Hände, dann der etwas vorgeſtreckte wunderhübſche kleine Fuß in dem win zigen Schlafſchuh laſſen trotz der faſt ärmlichen Umgebung erkennen, daß das Mädchen den beſſern Ständen angehöre.

In dieſem Augenblicke beſchäftigt ſie ſich mit einer feinen Stickerei; doch wie emſig ſie auch ihre Nadel führt, ſo iſt doch leicht zu erkennen, daß ſie nicht mit dem ganzen Geiſte bei der Arbeit ver weile, denn von Zeit zu Zeit hebt ſie das dunkle Auge unter den langen ſchwarzen Wimpern und blickt zum Fenſter hinaus, von da zur Thüre, und wenn es ſich wieder zur Arbeit ſenkt, entringt ſich ein Seufzer der gepreßten Bruſt.

Da ließen ſich Schritte vor der nehmen, es klopfte.Ahl er iſt's, rief ſie und ſprang auf, um dem Geliebten, dem ſo ſchmerzlich Erſehnten entgegenzueilen. Doch ſtatt ſeiner ſtürzte ein alter Diener mit blaſſer, verſtörter Miene in's Zimmer.Fräulein, gutes Fräulein! Arthur! mein junger Herr! Weiter konnte er nicht, ſondern ſank auf den nächſten Seſſel, das ſchmerzentſtellte Geſicht in den Händen bergend.

Schnelll William! rief das Miädchen, was iſt's, was iſt vorgegangen? Iſt Arthur vielleicht mit dem Pferde geſtürzt? Ich habe ihn immer gewarnt, nicht ſo tollkühn zu reiten.

William verneinte es.

Alſo vielleicht ein Streit? drängte das Mäd chen von der höchſten Angſt gefoltert,ſprich Wil⸗ liam! ich bin auf das Aergſte gefaßt! Iſt Arthur vielleicht mit Wlkoff zuſammengekommen? Sprich, Du tödteſt mich durch Dein Schweigen!

Wlkoff, ja Wlkoff! rief der alte

Thüre ver⸗ er kommt!

Diener,