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Erinnerungen. Illuſtrirte Es war mir nämlich ein ſonderliches Vergnügen geweſen, die Bilder in den großen Gebetbüchern meiner Mutter zu betrachten und die böſen Juden, die ich darauf in der Nähe des Heilandes fand, mit ſtrafender Hand in effigie zur Verantwortung zu ziehen. Nun hatte ich aber bei meinem ſum mariſchen Verfahren, wie ich nachträglich bemerkte, auch hin und wieder einen Apoſtel mit ergriffen und gar ſchnöde behandelt, ein Vergehen, das ich mit dielen Thränen büßte. Wie oft habo ich ſpäter bei mancher Gelegenheit an dieſe Apoſtel gedacht!
Mancher Leſer wird vielleicht bei dieſem Zuge boshafter Intoleranz an meiner natürlichen Gut müthigkeit irre werden. Ich ſelber bin geneigt, es zu werden, wenn ich mir manche Wünſche und Handlungen aus meiner Knabenzeit in’s Gedächt niß rufe. So habe ich mehr als eiumal, wenn mir die Schulſtunden zu lang währten, oder wenn ich einer drohenden Schulſtrafe gern entgangen wäre, gar ſehnlich gewünſcht, es möchte irgendwo in der Nähe ein Feuer ausbrechen, oder der Herr Lehrer bettlägerig werden, oder ſeine Frau noch ſchnell ein Kind bekommen. Dergleichen alſo war ich zu wünſchen fähig; von der Heimtücke in mei nem thatſächlichen Gebahren nur ein Pröbchen. Gegen meinen Schulnachbar war ich in der feind lichſten Stimmung, weil er nie meinen Familien namen„Strimpel“ nannte, ohne daß er einen ehrenrührigen Reim ich glaube es war ein Vogelname— daran geſchloſſen hätte. Wenn es den jungen Göthe verdroß, daß Herder ſeinen Namen mit den Gothen und gar mit dem Kothe in Ver bindung brachte, ſo hatte wohl auch ich das Recht, über die Verunglimpfung meines Namens entrü ſtet zu ſein; aber ich hätte mich doch nicht auf ſo raffinirte Weiſe rächen ſollen, wie ich es that. Als mein Nachbar einſt an der Tafel ſtand, bemäch tigte ich mich heimlich ſeines Leſebuches, hob mit angefeuchtetem Fingerknöchel einzelne Buchſtaben aus dem Texte und ſetzte ſie an ungehöriger Stelle in der Weiſe ein, daß der Sinn der Sätze nicht gerade in der erbaulichſten Weiſe verändert wurde. Las nun der gute Junge ſpäter, wenn er auſge rufen wurde, mit unſchuldigem Vertrauen ſeine Zeilen ab, ſo kam ein ſtrafendes Ungewitter in ſchrecklicher Weiſe über ihn, da der Lehrer keine Ahnung von den hinzugetretenen Druckfehlern hatte. Namentlich fand ſich dieſer bei der Stelle:„Gräſer, Thiere und Steine zeigen, was du vermagſt“, in ſeiner eigenen Perſon angegriffen, als mein Nach bar in Folge meiner Eniendationen ſolchergeſtalt ſich hören ließ:„Gläſer, Biere und Weine zeigen, was du vermagſt.“
Von allen Büchern, die ich im Knabenalter las, hat mich keines ſo lebhaft beſchäftigt, wie die Geſchichte von einem indiſchen Königsſohne, welcher, ohne daß er ſeine Abſtammung kannte, fern vom Hofe von armen Leuten erzogen wurde, um bis zu ſeiner Großjährigkeit allen Einflüſſen der Schmei
Blätter für Ernſt und Humor.
chelei fern zu bleiben. So gut nun dieſe Methode bei dieſem Prinzen in Betreff ſeiner Beſcheidenheit an⸗ ſchlug, ebenſo verkehrt wirkte die Kenntniß derſelben auf mein jugendlich Gemüth. War es nicht mög lich, daß auch ich ein ſolcher Königsſohn und der einſt zur Regierung eines großen Reiches berufen ſei? Je mehr ich darüber nachdachte, deſto mehr Wahrſcheinlichkeit erhielt die Sache; denn hieß ich nicht auch Melchior gleich einem der drei Könige aus dem Morgenlande? Bald kam es ſo weit, daß ich von nichts anderem mehr träumte, als von meinem großen Reiche, von meinen Schlöſſern, Kutſchen und Gärten. Leider muß ich auch beken nen, daß ich mich in meiner Phantaſie weit weni ger mit dem Glücke meiner Unterthanen, als mit den Freuden der Tafel beſchäftigte, die nach mei⸗ nem Plane alle Tage ſelbſt die Kirmeß überbieten ſollten.
Bald wußte ich auch, wer dereinſt neben mir auf dem Throne ſitzen würde. Ich liebte. Dem großen Dante nicht unähnlich wurde ich ſchon in dem zarteſten Alter von dieſem mächtigen Gefühle ergriffen. Unſerem Hauſe gegenüber lag, nur durch eine Mauer und einen Garten getrennt, eine Spi ritusfabrik. Der Beſitzer derſelben, eie ſonderlicher Kauz, auf den wir ſpäter noch zu reden kommen, hatte frühzeitig ſeine Frau verloren und deßhalb ſein einzig Töchterlein ſeinen weiblichen Verwandten in der Stadt zur Erziehung gegeben. Allein das liebe Kind ſiechte in der Stadt hin und wurde darum wieder auf das Land gebracht, um ſich hier zu erholen. Das Mädchen mochte damals eilf Jahre zählen. Es war ſo zart, lieb und wunder mild, daß mir ſelbſt jetzt nach ſo vielen Jahren bei der Erinnerung ganz warm und weich um mein altes Herz wird. Ich habe das Engelskind nie geſprochen, ja mich demſelben, ſo lange es lebte, nie nähern können, und dennoch war ich be ſtändig bei ihm. Am Giebel unſeres Hauſes war ein Taubenſchlag angebracht. In dieſen kroch ich in jeder freien Stunde und richtete durch eine Lucke desſelben ein altes Fernrohr, das mir ein Pathe geſchenkt hatte, nach dem Garten der Fabrik, in welchem das liebe blaſſe Weſen den größeren Theil des Tages zubrachte. Kein Aſtronom kann aufmerlſamer von ſeiner Warte aus die Himmels erſcheinungen beobachten, als ich von meinem Tau benſchlage aus jede Bewegung des theuren Kindes
verfolgte. Traf es ſich zufällig, daß ſich die tief blauen Aeugelein desſelben nach dem Giebel unſe⸗ res Hauſes wandten, ſo fuhr ich hinter meinem Glaſe erſchreckt zuſammen und fühlte, wie mir alles Blut in das Geſicht ſtieg.
Ich habe ſpäter, wie der Leſer im Verlaufe meiner Biografie erfahren wird, noch oft geliebt, aber ich meine, in ſo hohen Regionen ſchwebte ich dabei nie mehr. Nichts läßt ſich mit der Sehn⸗ ſucht vergleichen, die ich empfand, als ich im An⸗
fange des Herbſtes durch mehrere Tage des Mäd⸗


