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deuilleton.
Prager Sprechſtübchen.
Obwohl noch der Faſching herrſcht, der luſtige Macht⸗ haber, nach deſſen Pfeife die ganze civiliſirte Welt tanzt, ſo wollen wir doch in unſerem kleinen Sprechſtübchen mit allem Ernſte über einen Gegenſtand plaudern, der zwar ſchon in der mannigfachſten Weiſe und an den ver⸗ ſchiedenſten Orten behandelt wurde, aber bis jetzt immer noch nicht genug erſchöpft ſcheint,— über Nichts. Schil⸗ ler hat dem Nichts ein„durchbohrendes Gefühl“ zugeſchrieben; daher mag es kommen, daß eine leere Taſche und ein Loch in der Taſche ſynonyme Ausdrücke ſind. Wie am Ausgange des Mittelalters ein Held ſteht, der nach der„leeren Taſche“ benannt wird, ſo ſtehen am Ende des Faſchings wohl auch manche Hel⸗ den da, welche derſelben Bezeichnung nicht unwerth wären. Doch auch die, deren Geld und Geldeswerth. ſich auf ein Nichts reduzirt, können ſich mit dem Wort⸗ laute des Satzes tröſten, daß heutzutage Nichts über Geld geht.
Ein Kenner des menſchlichen Herzens hat einmal behauptet, es müßte für Viele ein beſonderes Vergnü⸗ gen ſein, in einem brennenden Tanzſaale, ſo lange man noch vor Flamme und Rauch ſicher wäre, zu tanzen. Der heurige Faſching ſpricht ganz für die Wahrheit dieſer ſonderbaren Bemerkung, denn während man bereits an allen Ecken und Enden kriegeriſchen Rauch aufſtei⸗ gen ſieht und das Emporſchlagen der Flamme fürchtet, ergibt man ſich mit aller Lebhaftigkeit den Freuden des Karnevals.
Dem Tanze ſteht alles nach. Auf der Sofieninſel weichen ihm zeitweilig ſelbſt die himmliſchen Sphären, die Herr Hofmann derzeit vorführt, und die Gaſtronomie ſchlägt die Aſtronomie aus dem Felde.— Der Faſching befördert wie kaum eine andere Zeit die Cirkulation des Blutes, des Geldes, ja auch die Cirkulation in den
Erinnerungen. 1859.
Straßen. Wie iſt es jetzt oft in den Nachtſtunden lebendig in den Gaſſen der Stadt! Zu anderer Zeit merkt man nur vor zehn Uhr, der Sperrſtunde, eine lebhaftere Strö⸗ mung des Publikums; dann wird es ruhig und ſtill, bis um Mitternacht, wo die öffentlichen Lokale geſchloſ⸗ ſen werden, die letzten Mohikaner ausdauernder Geſel⸗ ligkeit mit hallenden Schritten ihre Wohnungen ſuchen.
Wie mächtig auch unſere Metropole bei Tageslicht den Beſchauer feſſelt, ſo iſt ihr Anblick in einer Voll⸗ mondnacht doch von weit größerer Wirkung. Wer zu ſolcher Zeit einen Gang über die ſteinerne Brücke macht, der wird, falls er Herz und Augen offen hat, von ma⸗ giſchem Zauber umſponnen und er lernt begreifen, daß man ſich in dieſe Stadt, um einen ſeltſamen aber ganz bezeichnenden Ausdruck zu gebrauchen— verlieben kaun. Es gibt Leute in Prag, die, obgleich ſie hier ohne Freunde und Bekannte leben, ſich doch nicht von dieſem Orte ohne das ſchmerzlichſte Heimweh trennen können.
Es gab eine Zeit, wo Prag in jeder poetiſchen Schil⸗ derung ſtereotyp„die Königswitwe“ genannt wurde. Zieht man eine Parallele zwiſchen den Städten und den Frauen, ſo könnte man die Landſtädtchen den jungen Mädchen vergleichen; beide werden meiſt dann erſt Stoff des Geſpräches, wenn ſie— in Feuer gerathen. Fabrik⸗ ſtädte gleichen den Emancipirten; ſie machen ſich durch viel Geräuſch bemerkbar und rauchen ſtark. Handels⸗ ſtädte repräſentiren die reifere weibliche Jugend; ſie ſuchen Verbindungen. Hiſtoriſch merkwürdige Orte erin⸗ nern an die alten Jungfern; es bleibt bei den erſteren immer dieſelbe Jahreszahl, bei den letzteren dieſelbe Zahl der Jahre ſtehen. Univerſitätsſtädte ſind Blau⸗ ſtrümpfe, Badeorte verlockende Quellnymphen; Berg⸗ ſtädte endlich gleichen zum zweitenmale verheirateten Frauen— ſie behaupten, ihr Beſtes ruhe unter der Erde.


