Heft 
(1859) 6 04
Seite
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180 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

gen ſei. Beide Mädchen ſeufzten zu wiederholten⸗

malen und neckten ſich dann gegenſeitig darüber. Dem dicken Poſtmeiſter, den Emilius voll Aengſt⸗ lichkeit und Bangen immer enger in den Winkel zwiſchen Bett und Mauer klemmte, wurde es in⸗ zwiſchen äußerſt unbehaglich, und ſein Schnaufen immer ſtärker. Emilius legte ihm vergebens die Hand auf den Mund; die beklemmte Lunge ver⸗ langte ihr Recht durch ein plötzliches lautes Stöh⸗ nen. Erſchreckt fahren die Mädchen zuſammen, und als ſie nun mit der Kerze in der Hand dem ver⸗ dächtigen Winkel näher tretend, der beiden weißen Geſtalten anſichtig werden, ſtoßen ſie ein entſetzli⸗ ches Hilfegeſchrei aus.

Eben hatte ſich auf dem Tanzboden Alles wieder dem jauchzenden Treiben hingegeben, als man plötzlich von draußen her einige Stimmen vernahm, die laut poſaunten:Schlagt ſie todt, die Stadtvögel!

Es entſtand ein furchtbarer Lärm, und Alles drängte ſich hinaus, um zu ſehen, was es denn gäbe. Gleichzeitig hatte ſich ein unberittener Bau⸗ ernkurier in die Stube gedrängt, dem Ortsober⸗ haupte Bericht erſtattend: daß man oben in der Schlafkammer der Mädchen zwei fremde Kerle ein⸗ gefangen, die allem Vermuthen nach des löblichen Bürgermeiſters leibliche Töchter zu entführen ge⸗ willt waren, da ſelbe in der Nähe eine Kutſche in Bereitſchaft hatten, um ſolches ſchleunigſt aus⸗ zuführen.

Sperrt ſie ein in's Loch! befahl der ſorgen⸗ volle Bürgermeiſter;hier iſt der Schlüſſel, und laßt mich am hohen Kirmeßtage ungeſchoren.

Da trat der alte Poſtklaus, der ſich perſönlich überzeugt, wer die Gäſte draußen waren, herein, und die geballte Fauſt an des Bürgermeiſters Tiſch ſtemmend, fragte er in einem ziemlich dreiſten Tone: Ihr werdet doch nicht meinen Neffen in's Loch ſetzen laſſen wollen?

Gilt mir gleich! und wer ſich unterſteht, mir zu widerſprechen, der folgt nach, war des Erzürn⸗ ten Antwort.

Das wollen wir ſehen! rief der beleidigte Klaus hinauseilend.

Allein des Bürgermeiſters Wort galt. Die nicht mehr nüchternen, mit allen Waffen, die der Augenblick bot, armirten Bauern exekutirten hier eine Art Lynchjuſtiz, und der Herr Poſtmeiſter ſammt Emilius wurden dahin befördert, wo ſchon Mancher mit mehr oder weniger Schuld geſchmachtet.

Die Thüre klappte zu, und lärmend ſtrömte das Volk, das ſich das Müthchen gekühlt hatte, ins Schänkzimmer, und nachdem der Rapport des Ge⸗ ſchehenen abgeſtattet worden, ging's wieder hei⸗ dideldum!

Daran iſt die dumme Entenjagd ſchuld, die ſukzeſſiv uns alle Stadien des Malheurs durch⸗ machen läßt, ſprach der Poſtmeiſter, mit einem ngebraunten Streichhölzchen die ſchöne Gegend

ſeines Aſyl's betrachtend.Ein Hundeloch iſt das zum größten Glück leer blos für uns ge⸗ macht; aber nicht einmal eine ſogenannte Pritſche keine Bank, kein Stuhl iſt zu finden Ar⸗ muth ſcheint hier noch mehr zu Hauſe als ander⸗ wärts! Sehen Sie, wie weit die Entenjagd, wo⸗ hin die Liebe führt!

Emilius aber ſummte ſtill vor ſich den hübſchen Vers ausAnnchen von Tharau:

Kerker, Verfolgung, Betrübniß und Pein

Soll unſerer Liebe Verknotigung ſein.

Was wird der Tag erſt bringen? fuhr der Poſtmeiſter ſeinerſeits fort.Dieſe Schmach; aber eine ſchreckliche Satisfaktion werde ich verlangen! Uns einzuſperren ohne Verhör, ohne uns Gelegen⸗ heit zu geben unſere Unſchuld zu beweiſen.

Bitte, Herr Poſtmeiſter, reißen Sie die Wun⸗ den nicht noch weiter auf; entgegnete Emilius, Sie wiſſen nicht, welche Qual ich ohnedieß zu leiden habe; es hat mich ſogar eine freche Hand geſchlagen.

Meiner Treu'! rief der Poſtmeiſter,ich verſpüre jetzt auch ſo was! Wenn ich das erforſche und nur einen einzigen blauen Fleck auf meinem Leibe finde, ſo ſuche ich um eine Schwadron Hu⸗ ſaren an, und laſſe die ſämmtliche Dorfgeſellſchaft, Tantchen Juſtine und die beiden Mädchen aus⸗ genommen, über die Klinge...

Das Nahen eiliger Männertritte unterbrach den poſtmeiſterlichen Ausſpruch.

Hören Sie nichts, Sie Ritter von der trau⸗ rigen Geſtalt? Licht licht wird's ich ſehe es durch alle Ritzen. Hilfe, Rettung naht! O kom⸗ men Sie, kommen Sie, Oreſtes an Pylades' Bruſt, auf daß man ſehe, wie innig unſere Freund⸗ ſchaft ſelbſt vor dem Hochgericht iſt!

Da drehte ſich ein Schlüſſel in dem roſtigen Schloſſe der Thür, und hereintritt der Haus⸗ knecht mit den geputten Kleidern und einige Zeit darauf der Bürgermeiſter ſelbſt, geführt von ſeiner Frau und den zitternden zwei Töchterchen, und im Nachhange: Tante Juſtine, ihr Mann und ſämmtliche Frauen, die wir von Juſtinens Na⸗ menstag her kennen.

Folgen Sie mir nach, meine Herren, war die kurze Anrede des Bürgermeiſters, und den ge⸗ richtlichen Zug eröffnend ſchritt er ſeiner Amts⸗ ſtube zu.

Kaum daſelbſt angelangt, wollte der von Wein und Zorn aufgeregte Poſtmeiſter nach dem Säbel greifen, der als eine alte Trophäe aus den Fran⸗ zoſenkriegen zwiſchen zwei verroſteten Sattelpi⸗ ſtolen am Nagel Ruhe gefunden; welche Eigen⸗ mächtigkeit jedoch dem Herrn Peter von der ihn umringenden Freundſchaft verweigert wurde.

Meine Herren, ſprach pathetiſch, eine wür⸗ dige Amtsmiene entfaltend, der Bürgermeiſter,ſind Sie Ehrenmänner?

Wer daran zweifelt, der lade die zwei Pi⸗