Heft 
(1859) 6 04
Seite
176
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176 Erinnerungen.

der Arbeit, dann iſt es die traurigſte Art desſel⸗

ben, nämlich der Müßiggang der Armuth; entſteht er durch Ueberflüſſigkeit der Arbeit, dann iſt es die beſte Art desſelben, der Müßiggang der Rei⸗ chen, das dolce far niente. Der Hang zum Mü⸗ ßiggang, das heißt zu einer Thätigkeit ohne Mühe, kann alſo ebenſo löblich als ſträflich ſein, je nach den Bedingungen, unter welchen er entſteht. Henry Maghew, der Verfaſſer des ausgezeichneten Wer⸗ kes:London Labour and the London Poor theilt die Menſchen erſtens in ſolche, welche nicht zu arbeiten brauchen, zweitens in ſolche, die nicht arbeiten können, drittens in ſolche, die nicht arbei⸗ ten wollen, und viertens in ſolche, die arbeiten wollen. Nach dieſem Syſteme gruppiren ſich auch die Müßiggänger in ſolche, die es ſein dürfen, die es ſein müſſen, die es nicht ſein dür⸗ fen und ſolche, die es nicht ſein können.

Ebenſo wenig aber, als es einen abſoluten Müßig⸗

gang in dem Sinne von Unthätigkeit geben kann,

eben ſo wenig kann es einen Menſchen geben, der nie müßig geweſen. Müßiggang in dem Sinne von Thätigkeit ohne Mühe iſt ebenſo eine Bedingung der Exiſtenz wie die Arbeit. Dieſer Müßiggang, der Allen gemein iſt, beſteht in der müheloſen, den Bedürfniſſen des Körpers gewidmeten Thätigkeit, welche, wenn wir den Schlaf hinzurechnen, mehr als ein Drittel jedes Menſchenlebens in Anſpruch nimmt. Dieſer Müßiggang iſt aber wie das Brach⸗ liegen ein produktiver, weil durch ihn die Möglich⸗ keit der Arbeit bedingt iſt. Dieſen Müßiggang müſſen wir auch bei jenen Menſchen finden, die wir nach unſerer Abtheilung in die letzte Klaſſe derjenigen eingereiht, die nicht müßiggehen können, weil ihr Lebensunterhalt von der Arbeit abhängt. Dieſe Klaſſe iſt die größte. Sie bildet den Kern jeder Bevölkerung, den Mittelſtand. Ihr gegenüber ſteht die Klaſſe derjenigen, die müßiggehen müſſen. Dieſer fällt die Menge der Armen altheim, die keine Arbeit finden, oder durch Gebrechen und Krank⸗ heit keine annehmen können. Der Müßiggang die⸗ ſer iſt der unverſchuldete und der durch ihn entſtehende Ausfall des Erwerbes muß durch die Wohlthätigkeitsanſtalten erſetzt werden.

Nun kommen wir zu den zwei übrigen Klaſ⸗ ſen, die wieder einen Gegenſatz zu einander bilden. Die Klaſſe derjenigen, die nicht arbeiten wollen, umfaßt das Heer der der Geſellſchaft gefährlichen Individuen. Ihr Müßiggang iſt ein ſträflicher, gegen den die Macht des Staates einſchreiten muß, weil durch ihn eine doppelte Beraubung des Scha⸗ tzes entſteht, den jeder Staat in der National⸗ arbeit beſitzt; durch ſträflichen Müßiggang werden dem Staate nicht nur Arbeitskräfte, welche pro⸗ duktiv wirken könnten, entzogen, ſondern es fallen ihm auch die dieſer Klaſſe Angehörigen zur Laſt. Sie haben ſich hier inſolvent erklärt, der Staat muß ſie alſo in Arbeits⸗ und Korrektionshäuſern zwingen, ihre Schuld zu bezahlen. Dieſe Schuld

Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

beſteht in dem Maße der Arbeit, mit welchem jeder Bürger den Staat für das, was er ihm gewährt, bezahlen muß; dennArbeit, ſagt Adam Smith, iſt der urſprüngliche Preis, das Originalkaufgeld, womit Alles bezahlt wird. Nicht mit Silber und Gold, das ja auch erſt erarbeitet werden mußte, ſondern mit Arbeit iſt aller Reichthum der Welt zuerſt erkauft worden.

Anders verhält es ſich mit der vierten Klaſſe derjenigen Müßiggänger, die es ſein dürfen. Das ſind die Männer des dolce far niente. Sie be⸗ dürfen für ihre eigene Ernährung der Arbeit nicht, denn ihr Reichthum erlaubt es ihnen, Andere für ſie arbeiten zu laſſen. Dem Staate zahlen ſie den Werth ihrer Arbeit ſtatt dieſer ſelbſt und der Staat hat allen Grund mit dieſem Tauſche zufrieden zu ſein, da auch ihr Müßiggang produktiv iſt, indem er Andern Erwerbsquellen öffnet. Freilich läßt ſich dem far niente nur dann das Wort reden, wenn 2s auch dolce iſt. Nur aus dem Streben, die der Arbeit entzogene Zeit möglichſt angenehm aus⸗ zufüllen, entſpringt ein produktiver Müßiggang und nur ſo lange dieſes Streben die Grenze des dolce nicht überſchreitet, wird das far niente die⸗ ſer einen Klaſſe eine wohlthätige Rückwirkung auf die drei andern ausüben. Von den Bedürfniſſen derjenigen, die nicht zu arbeiten brauchen, hängt die Beſchäftigung derjenigen ab, die arbeiten müſ⸗ ſen. Aber nur ſo lange iſt die Abhängigkeit eine wünſchenswerthe, als die Bedürfniſſe nicht gewiſſe Schranken überſchreiten, was gewöhnlich da ein tritt, wo ſich die Lebensweiſe nach Ständen unter⸗ ſcheidet und dieſe mit einander um ſich künſtlich auferlegte Bedürfniſſe zu wetteifern beginnen, wobei der günſtige Einfluß, den Luxus und Modewechſel, welche die Hebel des dolce far niente ſind und auf welche wir vielleicht nächſtens zu ſprechen kom⸗ men auszuüben berufen ſind, wieder paraliſirt wird durch den Umſtand, daß viele Arbeitskräfte durch die Produktion des Ueberflüſſigen der Produktion des Nützlichen entzogen werden. Alles Unproduktive iſt Ballaſt der Schöpfung, der jeden Aufſchwung hemmt und vermieden werden muß, um dieſen zu fördern. Das Maß der Unprodukti⸗ vität iſt auch das Maß des Elends; die phyſiſche und geiſtige Produktivität iſt der Adel des menſch⸗ lichen Geiſtes, der, ob mittelbar oder unmittelbar, doch immer ſchaffend iſt. Nichts, was produktiv iſt, kann deßhalb ganz verwerflich ſein. Wir haben gezeigt, daß auch dieſer Müßiggang produktiv ſein kann; darum wollen wir im Gegenſatze zu Vielem auch das Nichtsthun nicht verwerfen. Das Nichtsthun zu einem ſüßen zu geſtalten, iſt freilich nur Men⸗ ſchen von Geiſt möglich, deren geiſtige Unterhal⸗ tung ein Müßiggang nach unſerer Definition, eine Thätigleit ohne Mühe iſt. Solches dolce tar niente aber das müſſen auch unſere Geg⸗ ner geſtehen iſt ſtets produktiv.