Heft 
(1859) 6 04
Seite
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Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Urahne, die Anne⸗Liſe mir in meiner Jugend einmal vertraut, daß ſie einſtens ſo glücklich gewe⸗ ſen, dieſen zu treffen; als ſie aber ſchon nach der glänzenden Krone greifen wollte, da hätte der ganze Schwarm der übrigen Ottern ſie ziſchend und zün⸗ gelnd umgeben, und ſie wäre froh geweſen unge⸗ fährdet herauszukommen aus dem Gewirre der un⸗ heimlichen Thiere!

Das will ich ſelbſt meinen, ſagte Joſef, welcher mittlerweile den Milchnapf zur Gänze her⸗ ausgelöffelt und die letzten Tropfen ausgeſchlürft hatte,Anna⸗Liſe hat nur die Sache nicht ver⸗ ſtanden; denn wie ich vom alten Berghäuer Martin gehört habe, der doch derlei Dinge verſteht und dem Manches unter die Hand gekommen iſt, muß der, welcher den Otterkönig belauſchen will, wenn er ſein Goldkrönchen ablegt, nur um Mitternacht vor einem Marientage auf der Haide weilen und an einem Orte, wohin kein Mondſchein fällt, ein weißes noch ungebrauchtes Tüchlein ausbreiten. Auf dieſes legt ſodann der Otterkönig, den die weiße Farbe beſonders anlockt, ſeine Goldkrone ab, weil ſie ihn in den freien Bewegungen bei ſeinen Spie⸗ len hindert. Iſt dieß nun geſchehen und hat der Glückliche das ausgebreitete Tüchlein mit ſeinem koſtbaren Kleinode errafft, ſo iſt eiliges Entfernen gegen Sonnenaufgang ohne alle Umſchau nöthig; denn wenn er ſich umblickt oder eine andere Richtung des Weges nimmt, ſo iſt er verloren, da alle Ottern und Nattern der Umgebung ihn dann umringen und geifernde Molche ihr Gift auf ihn ſpritzen, bis er umgekommen vom verpeſtenden Hauche. Freilich dann, wenn das Wagniß ge⸗ lungen, dann iſt jener glücklich zu preiſen, der im Beſitze eines ſolchen Kleinodes iſt; ihm gelin⸗ gen alle Unternehmungen, er ſieht die Lager aller verborgenen Schätze in der Erde Tiefen, und die Erd⸗ und Luftgeiſter ſind ihm unterthan.

Während dieſes Geſpräches war Röſe, die Tochter des nachbarlichen Köhlers, Beiden unbemerkt näher geſchlichen, und indem ſie den vollen runden Arm um den gebräunten Nacken ihres Geliebten ſchlang und dieſen herzlich küßte, ſagte ſie freudig:

Ich habe Dir vorhin zugehört, Joſef, und was Du da gewollt, das kann ja heutz Nacht ge⸗ ſchehen, denn morgen haben wir gerade einen Marientag, und der Mond ſieht gar freundlich und hell zur Erde nieder. Willſt Du es wagen, um Mitternacht hinauszugehen auf die Haide, ſo haſt Du hier das begehrte neue weiße Tüchlein; unter dem Schutze der hohen Himmelskönigin möge es Dir wohl gelingen!

War Joſef ſchon immer willens, den Ver⸗ ſuch zu wagen, ſo wurde er durch eine derartige Aufforderung in ſeinem Vorhaben um ſo mehr beſtärkt.

Als gegen Mitternacht Baum und Strauch der Haide im reinen Mondlichte erzitterten, da trat er hin in die Nähe der wüſten Halde, dort wo

der buſchige Eibenbaum ſteht, deſſen dichtbelaubten

Aeſte weithin ihre Schatten warfen, und breitete das Tüchlein am Fuße des Stammes aus, hinter dem er ſich in ängſtlicher Erwartung der Dinge, die kommen würden, verbarg. Und es währte nicht lange, da raſchelte es in den Gebüſchen und in dem Knieholze, aus den Klüften des Geſteines und aus den Ritzen der Felſen ringelten ſich Ottern und Nattern hervor und ſchlüpften über Gräſer und Moos hin gegen das lockere Gerölle neben dem alten Schacht, wo all' das Gethier einen weiten Kreis bildete und mit wunderſamen Geziſch und mancherlei Tönen ſeinen König zu rufen ſchien. Als der Mond gerade im Zenithe des Kreiſes ſtand, da fing es auch an ſich in der Halde zu regen; einzelne Steinchen kollerten herunter, ſchwerfällig kroch eine dickleibige Otter heraus und wälzte in wel⸗ lenartigen Schwingungen ihren Leib über die Haide gegen den Eibenbaum zu, während die übrigen Genoſſen ſie gleichſam ſpielend und dienend um⸗ huſchten und zu dem dort ausgebreiteten weißen Tuche wie zu ihrem Ruheſitz und Throne geleiteten. Hier rollte ſich das Thier zuſammen, ſo daß Kopf und Schweif Eins zu ſein ſchienen und man weder Anfang noch Ende erkennen konnte, ſchnellte ſich endlich zuckend empor und miſchte ſich unter den übrigen Haufen; auf dem Tuche aber erblitzte im Dunkel ein lichter Schein. Der aufmerkſam lauſchende Joſef erkannte augenblicklich die abge⸗ legte Krone⸗ mit einem haſtigen und doch leiſen Ruck zog er das Tüchlein an ſich und rannte dann ohne umzublicken über die Haide hin durch Geſtein und Geſtrüppe der gegen Sonnenaufgang liegenden Hütte zu, ohne ſich von dem Geziſche und den wun⸗ derlichen Tönen beirren zu laſſen, die ihn verfolg⸗ ten. Erſt als die Hütte ihn aufgenommen und er die Thüre feſt verſchloſſen hatte, blieb er tiefath⸗ mend ſtehen..

Freudig und erwartungsvoll wurde nun das Tuch geöffnet, und, o Wunder! eine zierlich geformte goldene Krone glänzte dem Gliücklichen entgegen. Ihre fünfkantige obere Rundung umſchloß einen hellglänzenden Karfunkel, deſſen magiſcher Schimmer die Stube mit farbigem Lichte erfüllte!

Als aber ſpäter auch die übrigen Wirkungen des köſtlichen Kleinodes ſich äußerten, als die Schätze in der Erde Tiefen dem glücklichen Beſitzer desſel⸗ ben zugänglich wurden und ſein Reichthum un⸗ endlich ſich mehrte: da erbaute ſich der ſonſt ſo arme Holzhauer auf einem hohen Berge ein ſtatt⸗ liches Schloß, wo er mit Theres in der Fülle des Glückes lebte.

Die goldene Krone ſoll durch viele Generationen im Beſitze ſeiner Nachkommen geblieben und erſt dann verſchwunden ſein, als die letzten Sprößlinge zur Strafe böſen Thuns eines jähen Todes verblichen.