Heft 
(1859) 6 04
Seite
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172 Erinnerungen. Ilkuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Ich war Doktor und hatte Ausſicht auf eine die Ferne; hinter mir ließ ich Freude, Seligkeit,

ſchöne Anſtellung. Jetzt war es Zeit, mit meinen Anſprüchen hervorzutreten. Die Mutter ſchätzte mich, ſie wäre mir nicht entgegengetreten; vielleicht hätte auch die Tochter meinen Bewerbungen nachgegeben, denn die Gewißheit einer anſtändigen Verſorgung iſt einem Mädchen, welches wenig mehr als das⸗ jenige beſitzt, was Natur und Erziehung für ſie ge⸗ than Haben, immerhin etwas. Aber ich wollte ge⸗ liebt ſein. Mein ganzes Weſen war ja für die Liebe geſchaffen, mein Element war Liebe, jeder warmen Aeußerung eines Andern war ich mit ganzer Seele zugänglich und für einen Freund, für ein geliebtes Weſen hätte ich mein Leben hingeben können. Ver⸗ gebens beobachtete ich, vergebens verſuchte ich manche kleine Liſt, um mir nur eine ſchwache Andeutung von Anna's Liebe zu verſchaffen. Sie blieb ſich

gleich und ich war Thor genug in meiner ſtummen Sehnſucht zu verharren.

Unterdeſſen hatte ich alle akademiſchen Grade erreicht. Mein Anſtellungsdekret lag in meinen Händen. Ich rüſtete mich zur Abreiſe. Am letzten Abende meines Aufenthaltes in der Stadt ſaß ich neben Anna am Klavier. Sie ſpielte eine traurige Abſchiedsmelodie nach einem einfachen Volksliede. Ich hörte ſie kaum; ich unterließ es ſogar die No⸗ tenblätter umzuſchlagen, das einzige Mal, wo ich mir dieſen Mangel an Aufmerkſamkeit zu Schul⸗ den kommen ließ. In meiner Seele wogte es ſtür⸗ miſch. Sollte ich dieſes Weſen, das mir über alles werth war, auf immer verlaſſen oder es für immer an mich zu feſſeln ſuchen? Wer räth mir in dieſer verhängnißvollen Stunde? Ich hatte keinen Freund in der Nähe, dem ich mich offen hätte vertrauen können, und ich war in einer Verfaſſung, die mich zu keinem Entſchluß kommen ließ. Plötzlich k kam mir ein Gedanke ich meiner Weſte. Lächeln

faßte den unterſten Knopf Sie immerhin bei dieſem Geſtändniß. Es gibt Augenblicke, wo der Menſch, unfähig ſich ſelbſt zu beſtimmen, zu dem Wider⸗ ſinnigſten ſeine Zuflucht nimmt, trotz Aufklärung, Gelehrſamkeit und allem, was die Herrſchaft der Vernunft bei ihm befeſtigen ſollte. Ein Knopf war es, dem ich die Entſcheidung meines ganzen Le⸗ bens vertraute.

Ich faßte alſo den unterſten Knopf meiner Weſte und zählte: Soll ich und dann die nächſt⸗ höheren ſoll ich nicht ſoll ich ſoll ich nicht ſoll ich ſoll ich nicht! Ich hielt den letzten Weſtenknopf zwiſchen den Fingern und er hatte das Gottesurtheil ausgeſprochen: Soll ich nicht!

Ich gehorchte dem Knopfe. Ich erhob mich. Ich ſprach mit gepreßtem Herzen das Abſchiedswort, meine Hand zitterte, um meine Augen flirrte es. Ich ſah nicht den Schmerz in den Zügen von Mut⸗ ter und Tocht. ich erkannte nicht das Beben der zarten Hand, die die meine krampfhaft umſchloß,

ich rief: Ade! und eilte fort fort hinaus in

Alles, Alles.

Vierzig Jahre ſind nun verfloſſen ſeit dieſer Trennung. Ich bin ein alter Mann. Der Menſch, oder vielmehr die Zeit überwindet alles. Ich ſuchte

zu vergeſſen und ich vergaß. Was aus dem Mäd⸗

chen meiner Liebe geworden, wußte ich nicht, ich hatte mich nie mehr nach ihrem Schickſal erkun⸗ digt, ich lebte meinem ärztlichen Berufe, der mir manche trübe, doch auch manche angenehme Stunde brachte. Dem Bedürfniß nach Häuslichkeit genügte ich dadurch, daß ich meine Schweſter zu mir nahm, die mir mein kleines Hausweſen beſorgte, die mich liebte und jedem meiner Wünſche entgegen kam. Doch bald dem Ruf der Liebe, und ich ſtandemlein. Aber auch an die Einfamkeit gewöhüte ich niichg Ich gab mich um ſo eifriger der Erfüllung mei⸗ ner Berufspflicht und meinen Studien hin.

Vor einigen Monaten wurde ich zu einem Kaufmanne in der Nachbarſchaft gerufen. Es war eine Kranke dort, die meiner Hilfe bedurfte. Sie war aus der Stadt, eine Verwandte des Kauf⸗ manns, zu dem ſie auf Beſuch gekommen war, um in der friſchen Landluft ihre angegriffene Geſund⸗ heit wieder herzuſtellen. Die Arme hatte die ge⸗ wünſchte Erholung nicht gefunden, ich traf ſie ſehr leidend. Ihr Anblick erregte meine Theilnahme in

außerordentlichem Grade, ich wußte nicht warum. Ihr Geſicht war mir völlig unbekannt, es war

eingefallen, von

den Furchen des Alters gezeich⸗

net, aber ihr Auge ſchien mich wie einen alten

Bekannten anzuſprechen. Nachdem ich das Nöthige verordnet hatte, erkundigte ich mich bei dem Kauf⸗ manne nach dem Namen der Patientin. Er nannte mir einen ganz unbekannten. Sie hatte den Bruder ſeiner Frau geheiratet und war Witwe ſeit meh⸗ reren Jahren.

Als ich am folgenden Tage wieder kam, fand ich ſie beſſer und ihr Zuſtand gab mir Hoffnung zu einer baldigen Geneſung. Aber je öfter ich ſie ſah, deſto mehr kam ich zur Ueberzeugung, daß ich ſie ſchon irgend wo im Leben geſehen haben mußte.

Nach mehreren Wochen war ſie wieder völlig hergeſtellt

Eines ſchönen Sommerabends ihrer Seite durch den Garten, mit beſonderer Vorliebe pflegte.

Finden Sie nicht, ſraß ich,daß wir uns ſchon irgendwo, vielleicht vor langer Zeit einmal geſehen haben? Mir ſcheint, als wäre dem ſo. Ihr erſter Anblick ſchien mir ſo bekannt.

Ja wohl, ſeufzte die Frau, Zeit, vor etwa vierzig Jahren.

Da durchzuckte es mich mit einem Male wie ein Blitz. Starr blickte ich ihr in's Antlitz.

Sind Sie nicht ſprach ich, aber mehr kam nicht über meine Lippen.

Anna, Ihre ehemalige Freundin, ergänzte

ging ich an den der Kaufmann

vor langer

mußte ich auch dieſe miſſen; ſie fo lgte.