Heft 
(1859) 6 04
Seite
171
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L. M. Winternitz: Der Knopf. 171

hat ihre Ziffern auf mein Angeſicht geſchrieben, körperliche Schmerzen, Seelenleiden und geiſtige Anſtrengungen ſind nicht ſpurkos an mir vorüber⸗ gegangen. Ob ich einſt ſchön war, ließe ſich jetzt ſchwer entſcheiden. Aber ich will aufrichtig ſein: ich war nicht ſchön. Die Natur hat mich um einige

war's, welches mich unwiderſtehlich anzog. Sie hatte eine vortreffliche Erziehung genoſſen, kannte

die Literatur ihres Vaterlandes genau, ſprach ge⸗

Zoll zu kurz werden laſſen, ſie hatte mich überdieß in meinem ſechszehnten Jahre, bis wohin ich nicht

ſo übel geweſen ſein ſoll, reichlich mit Blattern be⸗ dacht, die ihre Abdrücke auf Stirn und Wangen

urückließen. Meiner Mutter, meinen Geſchwiſtern zuruclt er 2 Geſch 4. und Freunden gefiel ich auch ſo, ob ich aber die Augen der Mädchen, wie es das Beſtreben eines

jeden Studenten noch jetzt iſt, auf mich zog, weiß ich wirklich nicht.

Ichgalt unter meinen Bekannten für einen guten Kopf, war Poet von Gottes Gnaden und

manches meiner Gedichte brachte mir den Beifall

meiner Freunde, auch ein freundliches Lächeln von

ſchönen Lippen. In Geſellſchaft meiner Kollegen und Bekannten wußte ich mich ganz vortrefflich zu be⸗

wegen, aber in größeren Zirkeln, vorzüglich wenn ſie zum Theil aus Damen beſtanden, war ich un⸗ beholfen und linkiſch. Ich konnte wohl einzelne in eine Unterhaltung verweben, aber einem ganzen Kreiſe war ich nicht gewachſen. Drückende Verhält⸗ niſſe, welche frühzeitig auf mich eingedrungen wa⸗ ren, hatten mir den kecken Lebensmuth geraubt, und ſo viel ich mich auch bemühte, meiner Schüchtern⸗ heit Herr zu werden, nie konnte ich ſie völlig be meiſtern. Am wohlſten fühlte ich mich entweder allein, oder, wenn die Ferien kamen, zu Hauſe. Da, von lauter Lieben und Theueren umgeben, war mir's ſo recht ſelig zu Muth, da wußte ich liebe volle Herzen, die mir ohne Falſch zugethan waren. Es war daher ein unausſprechlicher Gewinn für mich, als ich in der Stadt durch einen Freund in deſſen Elternhauſe eingeführt und nach und nach

darin heimiſch wurde. Ich war da in einem lieben

Familienkreiſe, ich war ſelbſt ein Glied des Hau⸗ ſes. Nichts konnte mir angenehmer ſein, als in der Fremde eine neue Heimat gefunden zu haben. Die

Familie beſtand aus einer Mutter mit zwei Söh⸗

nen und einer Tochter. Der Vater war bereits ge⸗ ſtorben. Still und friedlich lebte dieſe Familie, ohne vielen äußeren Verkehr und das Mädchen war be⸗ ſonders liebenswürdig. Sie hieß Anna. Sie war

läufig franzöſiſch und ſpielte ausgezeichnet auf dem Klavier. Ich ſaß oft ſtundenlang neben ihr und horchte ihren Tönen, ſchlug die Notenblätter um und beobachtete ihre anmuthigen Bewegungen. Ich konnte mich nie ſatt ſehen. Ich befliß mich auch eifrig, ihren Muſikalienvorrath zu vermehren und plünderte zu dieſem Behufe alle meine Bekannten, bei denen Noten zu finden waren. Sie bewies ſich auch dankbar für mein Bemühen, ſie überſpielte eifrig, was ich ihr zuſammengetragen und belohnte meine Fürſorge, indem ſie mir das, was ich ihr brachte, mit ſicherer Hand vortrug Sie war über⸗ dieß in allen weiblichen Arbeiten ſehr bewandert, dabei hielt ſie das ganze Hausweſen in der pünkt⸗ lichſten Ordnung, nirgends war ein Stäubchen zu entdecken.

In ihrer Nähe verbrachte ich den größten Theil der Zeit, die mir von Kollegien und vom Studiren übrig blieb, ich befand mich nirgends

wohler, als an ihrer Seite. Oefter las ich ihr vor,

wenn ſie nähte; ich freute mich, auch etwas zu ihrer Unterhaltung beitragen zu können, da ſie mir durch ihr Spiel ſo viele angenehme Stunden bereitete.

Mir war es bald klar, daß ich dieſes Mäd⸗ chen unausſprechlich liebe. Wohl hatte ich ſchon früher zweimal zu lieben gewähnt, aber jene Ge⸗ fühle waren vorübergehend, ſie erwärmten das Herz

für eine kurze Zeit, dann wurde es kühl und käl⸗

keinesfalls das, was die Kenner eine Schönheit

nennen, denn ihr Geſicht war nicht oval genug und ihre Naſe um ein klein wenig zu lang, aber im übrigen war ſie ausnehmend reizend. Schöne⸗ res ſchwarzes Haar kannte ich nicht, die Stirn war mäßig und frei, das dunkle Auge brannte in einem eigenthümlichen Feuer und gab dem ganzen

Geſicht ein geiſtreiches Leben, die Lippen waren

ſchön geſchnitten, roth und friſch; wenn ſie lächelte zeigte ſich eine Reihe der weißeſten, wohl geordne⸗ ten Zähne und die Wangen waren von einem ſchalthaften Grübchen geziert. Dieſes Mädchen nun

ter und bald war ich von meiner Einbildung zu⸗ rückgekommen. Dießmal aber war es anders. Zwei Jahre faſt kannte ich Anna und liebte ſie eben ſo lange. Das war alſo keine flüchtige Neigung, wie ich mich wohl Anfangs ſelbſt zu überreden ſuchte; das war Ernſt und Wahrheit. Liebte ſie mich? Ich legte mir dieſe Frage öfter vor, aber ich beantwortete ſie nicht. Ihr Benehmen gegen mich war ein gemeſſenes, ſie behandelte mich, wie man einen guten Hausfreund behandelt, mit Ach⸗ tung, mit Zuvorkommenheit. Ich wußte, daß ſie mich hochſchätzte, ob ſie mich liebte, wußte ich nicht, und wenn ich ſie anderen Bekannten gegenüber ſah, ſchien es mir faſt, als ob ich gegen dieſe im Nach⸗ theil ſtünde; doch dieß war nur gekränkte Eitelkeit. Die wenigen jungen Leute, welche noch in's Haus kamen, zwar ſeltener als ich, aber dennoch nicht in großen Zwiſchenräumen, hatten vor mir den Vor⸗ theil der äußeren Erſcheinung voraus. Sie waren alle hoch gewachſen und beſaßen noch andere Vor⸗ züge, deren ich mich nicht erfreuen konnte. Dieß machte mich mißtrauiſch gegen mich, gegen das Mädchen. Konnte ſie mich vor Anderen auszeichnen, da ich doch am wenigſten von Allen die Aufmerk⸗ ſamkeit eines Mädchens zu feſſeln mich getraute? Und wo das Selbſtvertrauen fehlt, da fehlt alles, der Unglückliche mag mit dem Leben und ſeinen Freuden nur ſogleich abſchließen. 22*