Heft 
(1859) 6 04
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Der Hüter der Hausehre. 3 169

der Scholle zeigten, auf der der Verbannte Zuflucht gefunden.

Seit Tagen war ein Gaſt in Pfauenhof ein⸗ gekehrt, der wohl gerechtes Bedenken unter den Hausleuten erregen mochte, der Advokat Chriſt aus der nahen StadtBerg.

Nichts indeß zeugte von dergleichen.

Der Advokat ging ab und zu, die Gutsfrau ging in weſentlich gemilderter, leichter Trauer, der Vicomte las und ſchrieb den ganzen Tag.

Der Stall war Nacht für Nacht belebt von ſonſt dort ungewöhnlichen Inſaſſen den Ver⸗ ſchworenen.

Es ging einige Nächte wohl, daß der Nacht⸗ gruß, mit dem der alte Bachelor täglich, eigent⸗ lich allnächtlich ſchied:Ihr werdet von mir hö⸗ ren! einige Aufmerkſamkeit erregte, aber als Tag für Tag verſtrich, als es Niemandem mehr ein Geheimniß ſein konnte, daß es nur von dem Franzoſen abhänge, um offen mit der Erklärung hervorzutreten, er ſei gegenwärtig hierHerr da fing man an, das ſonſt heilig gehaltene Wort des alten Herrn für ein leeres zu halten, und als es vollends nach einiger Zeit allen Anzeichen nach offen ausgeſprochen werden konnte, was früher leiſe geflüſtert wurde:Wir kriegen einen neuen Herrn auf die oder die Art worunter zu verſte⸗ hen war, daß der Franzoſe dieß entweder durch die Witwe oder Tochter werden ſollte da ſchien es mit dem Ernſte einer Oppoſition von Seite der kleinen Leute im Schloſſe ein Ende zu haben und es kam eine Nacht, wo der Stall nichts anderes mehr hörte, als das Schnaufen der Pferde und das Klirren der Bornketten man hatte ſich ergeben.

Von dieſem Tage an ſah man den Bache⸗ lor nie wieder über den Hof gehen. Er hatte ſich, vielleicht verlockt von der bereits wärmer nie⸗ derſcheinenden Sonne, ſeinen Stuhl in den Hinter⸗ grund der Veranda vor dem Schloſſe tragen laſ ſen und auf dieſem Poſten konnte man den alten Mann tagüber in dicke Pelze gehüllt halbſchlafend nicken ſehen, bis bis

Er ſaß einſt wieder dort wie gewöhnlich, als der Verwalter von Watendorf in auffallender Hitze herankam. Der ſonſt unerſchütterlich anſtändige Mann ſchien faſt außer ſich.

Ohne Gruß, ohne Händedruck etwas Uner⸗ hörtes bei dem förmlichen Manne, flüſterte er dem Alten ſaſt athemlos zu:Wiſſen Sie ſchon 5

Alles! war die ruhige Antwort.

Nun? was werden Sie thun?

Der Bachelor zog die hohe kahle Stirne in bedenkliche Falten und antwortete lange nicht; endlich ſagte er ruhig:Warten, bis es an der Zeit iſt zu handeln.

Warten? lachte der Verwalter bitter;und wenn es zu ſpät iſt, was dann? ene

Es iſt nie zu ſpät! ſprach der Alte in einem unwiderlegbaren Orakeltone. 3

Erinnerungen. 1859,

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Gott gebe es! meinte der Verwalter kläg⸗ lich;aber wie können Sie ſo ruhig ſein, oder ſcheinen Sie es blos, wenn Sie wirklich wiſſen, daß ſchon nächſten Montag die Trauung ſein ſoll?

Da ſind noch ſechs Tage hin meinte der Bachelor gleichmüthig.Fragt mich dann weiter!

Der Verwalter ſtutzte über den ſonderbaren, ungewöhnlichen Ton, mit dem der Alte dieß an⸗ ſcheinend ſo ruhig ſprach.Nun, Gott wende Alles zum Guten! ſprach er und wandte ſich zum Gehen

Amen! ſagte der Bachelor und ſah dem Scheidenden mit einem ſeltſamen Blicke nach.

An demſelben Abende ſtiegen zwei Perſonen ſchweigend und langſam über die Stiege des Schloſ⸗ ſes zu dem Zimmer des Alten hinauf, jedoch nur die Eine derſelben betrat dasſelbe, die Andere blieb lauſchend vor der Thüre ſtehen.

Es war die Gutsfrau und der Vicomte.

Es waren kaum fünf Minuten vergangen, als ſich die Thüre zum Schrecken des Lauſchenden raſch öffnete und die Frau bleich und verſtört dem er⸗ ſchreckt Zurückprallenden entgegentrat.

Nun? vorüber die gefürchtete Unterredung? die war kurz! flüſterte der Vicomte.

Sehr kurz! ſprach die Frau ernſt und nach⸗ denklich.Er hörte mich gelaſſen, faſt lächelnd an und gab mir nichts zur Antwort, als ein freund⸗ liches:Ich weiß. Es iſt gut!

Merkwürdig! ſagte der Vicomte ſinnend im

Herabſteigen. Ja wohl, ſehr merkwürdig! Ich kenne den Mann und ich fürchte mich vor ihm,

wenn er ſchweigt!

Pah! ſpottete Vilain und ſeinen Arm um die üppige Taille der Frau legend, flüſterte er mit jubelndem Tone ihr zu:In ſechs Tagen mein!

Sechs Tage! genügen nicht eben ſo viel, ja nur eine Sekunde, um den mühſamſten Bau von Menſchenhänden zu zerſtören?

Die ſechs Tage waren vergangen.

Das Schloß war vom früheſten Morgen in lauter tumultuariſcher Bewegung.

Nichts und Niemand war an dieſem Tage in gewöhnlicher Verfaſſung und Beſchäftigung. Alles rannte und ſtieß ſich neben und für einander, Trepp' auf und ab ging es in ununterbrochener Haſt, im Hofe ſtand eine Reihe Wagen, in denen die Nach⸗ barſchaft angekommen war, die zur Stunde, eines merkwürdigen Ereigniſſes gewärtig, oben im Saale verſammelt ſich im Beſprechen des überraſchenden Falles erging, der ſich auf Pfauenhof ergeben: die Vermälung der Gutsfrau mitHerrn Vi⸗ comte Vilain, wie plötzlich der Mann hieß, der vor wenigen Tagen noch mit dem Titeldes da⸗ hergelaufenen Franzoſen belegt worden.

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