Heft 
(1859) 6 04
Seite
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168 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

zen Weſens, namentlich aber ſeines Geſichtes, dieſes Spiegels der Seele, nicht entgangen.

War nämlich jener bei ſeiner Ankunft ein be⸗ fangener, beinahe angſtlicher geweſen, ſo war er in dieſem Augenblicke ein ruhiger und auffällig zufriede⸗

ner. Auch ſein Gang war kein ſo haſtiger; er ſchritt,

aus dem Schloßbanne gekommen, mit immer größe⸗ rer Mäßigung und die Hände auf den Rücken ge⸗ legt längs dem Straßenraine hin, und als er Wa⸗ tendorf näher kam, war ſein vordem ſo beflügelter Schritt der eines gewöhnlichen, harmloſen Spazier⸗ gängers.

Sein Geſicht aber, ein alterndes, faltendurch⸗ furchtes, aber treuherzig offenes Geſicht, das beim Hingange finſter und drohend ausſah, erglänzte

ſcheine einer innerlichen

jett beinahe von dem Wiederf Zufriedenheit. Auf Pfauenhof aber verging der Tag wie alle

andern: dafür war er ein überaus wichtiger für den

N des Ver⸗

ſchwörer⸗Clubs und Jeder brannte vor Begierde,

1 die erſten Sterne aufblicken zu ſehen, die Zeichen des Feierabends, der Fütterzeit und der Zu⸗

ſammenkunft.

Endlich kam der Abend und mit ihm das Häuf⸗ lein der Verſchworenen zuſammen Alle bis auf

den Verwalter.

Der alte Bachelor ſetzte ſich dießmal nicht wie ſonſt auf die Strohſchütte nieder: er ſtellte ſich ernſt, faſt traurig vor die verſammelten Vertrauten, und nachdem er ſich ebenſo vergewiſſert, daß ſie

allein, als daß Keiner fehle, begann er mit be⸗ wegter Stimme:Meine lieben Kinder! Als wir uns beſprochen, zu wachen insgeſammt, auf daß die Ehre dieſes Hauſes nicht gefährdet und beſonders der Name des Mannes nicht mit Schmach beladen werde, den wir viel zu früh in die Grube ſenkten vor einem kurzen Vierteljahre, da ahnten wir nicht, wie bald wir ein neues Bündniß werden ſchließen

müſſen ein ernſteres als das der Wachſamkeit, einem Bund zur That. Was ſagt Ihr dazu,

wenn ich Euch mittheile, daß der Franzoſe und die Witwe des Mannes, auf deſſen feuchtem Grabe noch das erſte Gras nicht grünt, einig wurden, ein neues Geſchlecht hier erſtehen zu laſſen auf Koſten des

alten natürlich!

Ein einſtimmiger Ruf des Unwillens ſchlug

an die gewölbte Stalldecke empor.

Was ſagt Ihr aber dazu, wenn ich Euch mit theile, daß der Mann, der um die Witwe freit, zu⸗ gleich um die Tochter wirbt; und was meint Ihr,

hier eine ruhige Heimat gründen und eine ſorgen⸗ loſe Zukunft ſichern will! fuhr der Alte mit er⸗ höhter Stimme fort.

Was dazu zu ſagen wäre? höchſtens ein Pfui! meinte der Binder trocken, und die Geſell⸗ ſchaft ſtimmte dieſem Ausſpruch einhellig bei.

Er bat ſich uns ſelber in die Hand gegeben, ſuhr der Alte fort,der würdige Herr Verwal⸗ ter, unſer treuer Freund, hat mir heute früh die unwiderleglichſten Beweiſe gegeben, wie ſchlau der Franzoſe die Sache angeſtellt und wie er ſcharf daran iſt, ſie zu Ende zu führen. Da der ſelige Herr ohne Hinterlaſſung eines letzten Willens und ſo plöb⸗ lich ſtarb, kann die Witwe faſt ganz frei und unbe⸗ engt über den Nachlaß der noch minderjährigen Kinder verfügen, und ſie die verblendete Thö⸗ rin, wird es zum Vortheile des Franzoſen thun, in jeder ihm beliebigen Ausdehnung, wenn ſich nicht Jemand findet, der einem jeden ſolchen Verſuche feſt entgegentritt, als Vertheidiger der Rechte der Kinder.

Ja wohl! ſo mag's wohl kommen! flüſterte es im Chore der Verſchworenen.

Mit einem zufriedenen Kopfnicken ſtand der Bachelor auf; eine plotzliche, ſeltſame Verände⸗ rung war mit dem alten Manne vorgegangen und Alles ſtarrte ihn verwundert an, als er mit einem Male den ſeit Jahren hinfällig gebückten, gekrümm⸗ ten Leib hoch und ſtolz erhob, als er das immer müde niederhängende kahle Haupt raſch und kühn emporrichtete und mit freier kräftiger Stimme faſt ſingend und in ergreifendem Profetentone ſprach: Das Eiſen glüht der Amboß harrt: ich will der Hammer ſein!

Er grüßte die Verſammlung mit leichter Hand⸗ bewegung und verließ den Stall.

Es ward nicht viel mehr geſprochen, wohl aber viel erwogen und bedacht. So ward es heute ungewöhnlich bald ſtille im Stalle und als von dem Schloßthürmchen die zehnte Stunde her abtönte, bot der Stall den Anblick eines ganz ge⸗ wöhnlichen, und der einzige Ton, der ſeine Stille unterbrach, war das leiſe Schnaufen der Pferde und das melodiſche Klingen und Raſſeln der Half⸗ terketten.

Es gibt Ereigniſſe, die für den entfernter ſte⸗ henden Zuſchauer plötzlich eingetreten zu ſein ſchei⸗ nen, während ſie nur das Auge des Eingeweihten ſich vorbereiten, keimen und entfalten ſieht.

Ein ſolches war der Umſchlag der Dinge auf

Pfauenhof.

Vilain, der echte, durch den jeden Wider⸗ ſtandes entbehrenden ſcheinbaren Erfolg ſeiner Pläne

was derſelbe verdient hiefür, wenn ich Euch beweiſen in Ruhe gewiegte Franzoſe, gab ſich mit all dem

kann, daß der Grund von alledem nicht die Liebe

Leichtſinne ſeiner Nation den kühnen und ſtolzen

des Mannes, ſondern der Erſolg eines feinen Kal⸗ Träumen hin, die ihm in nächſter Zukunft Erſatz

küls des Abenteurers iſt, der ſich für jeden Fall für alles verlorene Gut und ihn als den Herrn