166 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. 166——————
Unglück gekommen 2“ rief unter Thränen der Sohn,
„Wann kann der Arzt da ſein?“ fragte end⸗ eine raſche, gewaltige— er erhob den Oberleib lich, nach einer langen, qualvollen Pauſe des Schwei⸗ mit wunderbarer Kraft und ſeine ſtarren Augen gens der Vicomte. irrten wie ängſtlich ſuchend auf den bleichen Ge⸗
„Vor einer Stunde kaum!“ war die Antwort. ſichtern der Umſtehenden herum, bis ſie an jenem Der Vicomte zuckte leicht mit den Achſeln und des alten Bachelor haften blieben. zählte die leiſen, kaum merkbaren Pulsſchläge des„Habt— Acht——!“ ſtammelte er und— Ohnmächtigen.„Er wird vergehen, wenn nicht nichts mehr. Der Kopf fiel ſchwer zurück, die Bruſt ſchnelle Hilfe kommt.“ ſank nach dem letzten gewaltigen Athemzuge ein,
Bei dieſen Worten trat der Ba chelor leiſe der Leib erzitterte und ſtreckte ſich— er war todt.
hinzu und legte die zitternde Hand auf das Herz Vollführten wohl ſeine erſtarrenden Augen des ohnmächtig Daliegenden.„ Es zuckt kaum,“— V ihre letzte Miſſion und führten ſie das letzte Bild, ſagte er mit dumpfer, zitternder Stimme,„und das ſich ihnen bot, vermittelnd der entfliehenden wenn Gott nicht Wunder thut, hat dieß arme Seele zu— jenes des Alten, der mit wie zum
Menſchenherz wohl ausgeſchlagen.“ Schwure erhobener Hand herzutrat und ſelbe ſtill⸗ Das herzzerreißende Schmerzensgeſchrei, mit weinend zudrückte?
dem ſich nach dieſem Ausſpruche die Tochter des„Gott erbarme ſich ſeiner armen Seele!“ ſprach
Vergehenden auf deſſen Leidenslager warf, wurde der Bachelor unter Thränen und ſchlug die ma⸗
plötzlich durch das polternde Aufſtoßen der Saal⸗ geren Hände vor das bleiche Antlitz.— Doch als er ſie wieder ſinken ließ, war der Ausdruck des
thüre und das haſtige Hereinſtürzen eines jungen Mannes unterbrochen, der mit dem Weherufe: Schmerzes völlig daraus verflogen und es bot den „Mein armer Vater!“ auf das Schmerzenlager Anblick jenes eines kühnen, kampfgierigen Streiters, zuſtürzte. als er feſt und entſchieden ſprach:„Habt Acht, Es war ein eigenthümliches Schauſpiel, die war ſein letztes Wort!“
verſchiedenartigen Wirkungen zu beobachten, die das
unerwartete plötzliche Erſcheinen des jungen Man⸗
nes auf die Geſellſchaft hervorbrachte, die das La⸗ Es iſt etwas Eigenthümliches, man möchte ger des Kranken— wohl ein Sterbelager— um⸗ ſagen Schreckliches, mit welcher Schnelligkeit Todte ringt hielt. b vergeſſen werden.
„Hieher, Robert!“ rief der alte Bachelor Wer kann wohl ſagen: mit meinem Tode wird
mit vor Freude und Aufregung zitternder Stimme in dem engeren Kreiſe der Meinen eine unausfüll⸗ und legte die lange magere Hand wie ſegnend auf bare Lücke werden?
das Haupt des Jünglings, der laut weinend und Es zwaren vier Wochen ſeit dem Tode des keines Wortes mächtig neben dem Lager des Ver⸗ Gutsherrn verfloſſen; die inneren und äußeren gehenden in die Knie ſank. ſ
Verhältniſſe des Herrenhauſes hatten ſich anſchei⸗ „Mein Sohn!“ rief die Gutsfrau, mehr über⸗ nend nicht verändert. raſcht und im Tone zweifelnder Frage, als anſchei⸗ Anſcheinend ſagen wi
nend beruhigt durch die unbegreifliche Anweſenheit nicht alſo.
ihres Aelteſten, in einem Augenblicke, der für ihn Die Frauen gingen in Schwarz und der Fa⸗
und beſonders für ſie von unendlicher Tragweite ſching, der im Lande tollte, war für Pfauenhof
ſein mußte. nicht da. Dieß hinderte aber nicht, daß ſonſt Alles „Der Sohn!“ flüſterte zurücktretend der Vi⸗ ſeinen gewöhnlichen Gang ging, was auf Wirth⸗
comte und dieſelben Worte der alte C hamleres; ſchaft und das äußere Leben Bezug hatte. Im
aber wie verſchieden war der Ausdruck dieſer bei⸗ innerlichen Weſen des Hauſes auf Pfauenhof aber
den gleichlautenden, halbunterdrückten Rufe? war es anders, ganz anders, und der Vicomte, „Was iſt geſchehen? wie iſt das entſetzliche ß
r, denn es war innerlich
ohne daß Jemand wußte wie, der Mittelpunkt ge⸗ worden, um den und auf deſſen Geheiß ſich Alles
indem ſein angſtvoller Blick ſtarr an dem verzerr⸗ bewegte— der neue Herr. 9. 2„. 8 3 7„„.— 2—.. ten Antlitze des Vaters hing, über das von Mo⸗ Wäre dieſer ſonderbare Prozeß auf was im⸗
Moment dunklere Schatten zogen, als de⸗ mer für eine, aber andere Art vor ſich gegangen, als durch die gänzliche Unterordnung des Haus⸗ weſens unter dem Vicomte, der hiedurch plötzlich
ment zu ren Rücklaß ſich ein graufahler Schleier über die verzerrten, erſtarrenden Züge des Gutsherrn legte, der Schleier, mit dem Gottes Güte dem verzagen⸗ aus dem Aſylſuchenden der Gebieter und Aſylge⸗ den Menſchenkinde die Tiefe des Abgrundes ver⸗ bende geworden, ſo würde dieß wenigſtens die wei⸗ hüllt, der tiefgähnend zwiſchen hier und dort liegt tere Umgebung, obwohl nie jenen Bund getäuſcht —. zwiſchen Leben und— Tod. haben, der ſich da unter des alten Bachelor Füh⸗
rung zuſammengethan hatte zur Hut der Hausehre.
Niemand fand ſich dazu berufen, die Frage des Sohnes zu beantworten— das Schickſal that So aber war es ſelbſt für die nächſte Nach⸗ es— zur Gänze. barſchaft Pfauenhofs bald kein Geheimniß mehr,
Der Gutsherr machte noch eine Bewegung, daß ſich daſelbſt eine Regierungsänderung ergeben


