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Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
des Gutsherrn einging, theils und meiſt aber durch die wahrhafte Virtuoſität, mit der er es verſtand, die Gutsfrau und ihre Tochter in den Kreis zu ziehen, den er unbemerkt um die Familie zog und den er, ein gefährlicher Zauberer, beherrſchte.
Obwohl es Niemanden auffällig war, daß der alte Bachelor— immer ein eigener Mann— ſich ſeit der Anweſenheit der Fremden, die ihm na⸗ türlich unbequem ſein mochte, immer mehr von der Familie zurückzog und ſich in ſein Kaſtell, den al⸗ ten Schlafſtuhl, flüchtete, blieb es doch eben ſo we⸗ nig unbemerkt, daß er ſeit eben dieſer Zeit eine häufigere Kommunikation mit dem„Stalle“ pflog, dem Rendezvous der„kleinen“ Leute auf dem Gute.
Was eben Jedermann auffällig ſein und in die Augen ſpringen mußte, das war das ſolidariſche Anſchließen der Schloßleute an den Alten. Allen unbewußt, wie oder wann, aber Allen gewiß, wo⸗ her er ergangen, waren ſie dem Rufe gefolgt, der ſie um das gefährdete Banner der Hausehre ſchaarte, und ohne daß es oben zur leiſeſten Ahnung kam, ſtand unten ein kleines, aber tapferes Häuflein be⸗ reit, jeglichem Angriffe auf jenes entſchieden zu wehren.— Indeß verlief Tag um Tag.
Es war wieder Nacht geworden, die fünfzehnte, ſeit die Fremden unter dem gaſtlichen Dache von Pfauenhof weilten, wie der lange Binder dieß ge⸗ wiſſenhaft Rotirt hatte— da trat ein Ereigniß ein, eben ſo unerwartet als erfolgreich für die Plane der kleinen Verſchwörer.
Der Binder kam wie allnächtlich nach der Fütterzeit in den Stall: dießmal nicht allein. Mit ihm kam ein alten freundlicher Herr, der Verwalter von Watendorf, dem anſtoßenden Gute.
„Es iſt freilich nicht gar ſchön und herriſch eingerichtet in unſerem Kaſino, Herr Verwalter,“ meinte er ſcherzend beim Eintritte,„indeß, wo kä⸗ men wir ſonſt zuſammen? und da der alte Herr Bachelor ſich nicht ſcheut, herüberzukommen zu uns, ſo——“
„So meint Ihr ganz vernünftiger Weiſe, daß auch ich herüberkommen kann,“ ergänzte der Verwalter mit freundlichem Lächeln, indem er ſich auf eine Schütte Stroh niederließ.„Nun— ich denke beiläufig zu errathen, was Ihr mir mitzu⸗ theilen habt— es betrifft Eure fremden Gäſte!“
Der Binder nickte. 1
„Nun, und was wißt Ihr von Ihnen? iſt es etwas Gefährliches?“
Der Binder ſah den Frager verblüfft an. —„Mein' Seel'!“ meinte er nach einer ziemlich langen, verlegenen Pauſe,„was ich Uebles von den Fremden weiß, iſt eigentlich ſo viel wie nichts— 's iſt eben, daß ich ſie nicht leiden mag.“
Der Verwalter lächelte fein.„Ihr wißt gar nicht, mein lieber Alter, was für tiefer Sinn in Eurer Rede ſteckt, beſonders wenn Ihr gleich ge⸗ radezu geſagt hättet, Ihr mögt den jungen Herrn nicht; denn dem alten Manne, ſeinem Begleiter,
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werdet Ihr doch wohl das Nuheplätzchen hier und das Bischen Almoſen gönnen?“
„Ei du lieber Himmel! was denn nicht?“ rief der Binder, ſich verlegen im Kopfe krauend; „es iſt nur— es kömmt mir ver, als ſollt' dem Hauſe hier aus dem Beſuch der Fremden nichts Gutes erwachſen.“
„Hm, warum?“ meinte der Verwalter.
„Ja, das iſt ja eben das, was mich ſo herz⸗ innerlich wurmt, daß ich dieß„Warum“ nicht zu beantworten weiß, obgleich dennoch die Ueberzeu⸗ gung hievon feſt in meinem Herzen ſteht, wie der ſteinerne Thurm auf Karlsberg drüben.“
Der Verwalter ſah nachdenklich vor ſich nie⸗ der und er hatte ſich bereits drei oder vier reiche Priſen aus der Schiltplattdoſe geholt, ehe er, mit ſich fertig, reſolut auf den Deckel klopfte und mit einiger Rührung ſprach:„Haſt es nicht Noth, Dir deßhalb den alten Kopf zu zerbrechen, wenn Du es nämlich außer mir keinem Andern mitzutheilen ge⸗ denkſt: ich weiß dieß„Warum.“ Genau, ſage ich Dir, ganz genau!“
„Und ich eben ſo genau!“ rief es hinter dem Rücken des auf dem Strohbunde Sitzenden hervor, und mit dieſem Ausrufe trat zugleich die Geſtalt des alten Bachelor aus dem Schatten des Ge⸗ wölbpfeilers heraus.
Er ſetzte ſich ohne Weiteres an die Seite des Verwalters, ſeines alten Freundes, und indem er ſeine grauen ſtechenden Augen ſtarr auf den ihm ge⸗ genüberſtehenden Binder richtete, ſprach er langſam und mit gemeſſenem Ausdrucke:„Ich denke, da uns Allen bewußt iſt, was wir wollen, ſo han⸗ delt ſich's blos darum, zu berathen, wie dieſer un⸗ ſer Willen in's Werk zu ſetzen und zu vollführen iſt. Nicht wahr?“
„Es iſt ſo!“ beſtät'gten im Chorus die Ver⸗ bündeten.
„Nun, ſo wiſſet denn,“ ſprach der Alte feuri⸗ ger werdend,„daß ich die nach meiner Anſicht allernöthigſten Maßregeln zur Erreichung unſeres Zweckes bereits getroffen habe— ſie ſind eben ſo einfach als ſicher. Soll ich Euch den Umfang der⸗ ſelben mittheilen, oder wollt Ihr mir vertrauen?“
„Allerwege!“ rief der Binder für Alle.„Wir wiſſen es ja AÄlle, daß Ihr immer gekonnt, was Ihr gewollt.“
„Gut,“ ſprach der Alte zufrieden,„ſo wiſſet denn, daß ich für unſere Zwecke bereits ſo viel er⸗ reicht, als mir allein möglich geweſen. Ich habe einen Verbündeten gefunden und für unſere Sache angeworben— ich will ihn Euch vorführen!“ Er ſtand auf, raſch und behende, wie man es nie von dem alten Manne erwartet hätte, und kam nach einer guten Weile, die ſtumm und von den kleinen Verſchwörern zu ſtillen Erwägungen benützt verſtrich, mit dem alten Gouverneur des Vicomte zurück.
„Hier iſt der Verbündete!“ ſprach der alte Mann.


