Heft 
(1859) 6 04
Seite
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hmell Magiſter,

Der Hüter der Hausehre. 163.

denn die erſten unter ſremden Dachegehen aus, wie wir hier im Walde ſagen. Gute Nacht und im Vorhinein Verzeihung für all' den Mangel an sa- voir, der Euch hier wohl auf Schritt und Tritt aufſtoßen wird.

Es war indeß nicht ſo arg mit bemeldetem Mangel, denn die Gäſte fanden ihr Schlafzimmer ſtrotzend von dem Komfort, mit dem ſich der Land⸗ edelmann vorzugsweiſe zu umgeben liebt.

Es iſt ganz hübſch hier, Chamléres, und ich denke, es wird ſich hier ziemlich erträglich leben laſſen, ſo lange die Miſère im ſchönen Frankreich anhält.

Hm! das dürfte, meine ich, denn doch etwas länger dauern, als ich der Gaſtfreundſchaft dieſer guten Leute zumuthen möchte, gab der Alte be⸗ dächtigen Tones zurück,und ich denke, obwohl ich mich Ihretwegen ſehr gern irren möchte, daß der Schaden, den dieß Unwetter zurücklaſſen wird, ein weit größerer ſein werde, als Sie annehmen mögen!

Pah! lachte der Vicomte,laſſen wir das. Was ſagen Sie zu unſeren Wirthen? die Frau iſt hübſch und dürfte bald Witwe werden!

Der Alte gab keine Antwort.

Die Tochter iſt ein Engel! fuhr der Vi⸗ comte fort.

Ein ſchönes Kind! meinte der Alte ernſthaft.

Sie ſind ein alter Mann, Chamleres, gute Nacht! rief der Vicomte ärgerlich und löſchte das Licht aus.

Im Stalle unten ging es zur ſelben Stunde auch noch lebendiger zu, als ſonſt, denn außer dem Stallgeſinde, das ſich hier eingefunden hatte, um

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Er iſt ein Elſaſſer und dient; übrigens iſt er eine echt deutſche Natur und ſein Großvater mag ſich wohl noch Schamler geſchrieben ha⸗ ben. Nach dieſer kauſtiſchen Auslaſſung neigte der alte Bachelor ſich tiefer zu dem neben ihm auf einem Strohbunde ſitzenden Binder und flüſterte: Es wird gut ſein, wenn wir die Augen offen halten, Binder!

Der Binder ſah überraſcht auf.

Ich ſage Dir nicht, weßhalb! doch was Du auch immer bemerkſt, oder durch die Hausleute er⸗ fährſt, das ſagſt Du mir allein!

Gewiß!

Ich werde indeß die Hände nicht in den Schoß legen und werde doch Ihr werdet es zeitig genug erfahren, was ich tentiren will und werde, ſagte mit kaltem ernſtem Tone der Ba⸗

ſchelor, ſtand auf und bot dem Binder die Hand.

Wußte die ehrliche Seele, wozu er ſich ver⸗ band, als er herzhaft einſchlug?

Der Bachelor ſchritt langſam über den beſchneiten Hof dem Schloſſe zu und als das Licht in ſeinem Zimmer erloſch, war es auch ringsum im Herrenhauſe Nacht, bis auf den Stall, durch deſſen verſchneite Fenſter ſich das Licht der Stall⸗

laterne kümmerlich Bahn brach.

Deſto luſtiger und bewegter ging es draußen in der Schloßallee zu, deren ſchneebehangene Zweige mit leiſem Geflüſter auf⸗ und niederſchwankten und einander neugierig fragten, was es heute wohl ab⸗

geſetzt auf Pfauenhof; und droben auf dem Schloß⸗

ſich von dem Kutſcher die Abenteuer der kleinen

Reiſe erzählen zu laſſen, war auch der alte Herr Bachelor herabgekommen, wie den Vater der ). 5 2

Schloßfrau männiglich nannte und welche Beneu⸗

den der alte Herr von der hohen Schule zu Würz⸗ burg davongetragen.

Er ſetzte ſich neben einen großen hageren Mann, den herrſchaftlichen Binder, der heute den zweiten Schlitten kutſchirt hatte, und vertiefte ſich

dache tummelten ſich die von der feuchten Winter⸗ luft gedrückten Rauchwolken haſtigum den Schorn⸗ ſtein herum, und beſprachen ſich eifrig mit einan⸗ der über das wenige Unzuſammenhängende, das ſie unten in der Küche beim Aufſteigen über die Gäſte erlauſcht, ehe ſie ſich in die klare Winterluft erho⸗

ben und verloren wohin? nung den Titel eines Bakkalaureus bezeichnen ſollte,

mit demſelben in ein angelegentliches Geſpräch, das

natürlich die fremden Gäſte zum Gegenſtande hatte.

Und wie gefallen Dir die Leute? fragte der Bachelor endlich, nachdem er dem Binder die Einzelheiten der kurzen Reiſe abgefragt hatte.

Hm! wenn ich es aufrichtig ſagen ſoll: der Alte mag angehen, der Junge gefällt mir ganz und gar nicht.

Der Bachelor ſah nachdenklich vor ſich nie der.Mir geht es auch ſo und es mag dieß Ueber⸗ einanderkommen unſerer Meinung wohl guten Grund haben. Der Junge iſt ein echter Franzoſe.

Neujahr war in's Land gekommen und die heiligen drei Könige hatten mit Flitterkronen und Rauchfaß, ungeheuerliche Terzette abſingend, den Wald auf und ab hauſirt es war alſo eine Woche vergangen, ſeit Pfauenhof ſeine überheimi⸗ ſchen Gäſte beherbergte.

Iſt freilich nur eine kleine Spanne Zeit eine

Woche; aber wie viel Freud' und Leid, wie viel Weh' und Glück finden Raum darin und was

Ein echter Windbeutel! ergänzte der derbere

Binder.Der Alte gefällt mir recht gut, nur hat er eine ſo geſpreitzte Art

braucht es mehr für eine Saat ob gut oder böſe um Wurzel zu faſſen und luſtig aufzu⸗

gehen?

Die Anweſenheit der Fremden hatte in dem gewöhnlichen Leben auf Pfauenhof eine große Ver⸗ änderung hervorgebracht. Der oberflächliche, gewandte Vilain hatte den weſentlichſten Antheil daran, theils duxch die geſchmeidige Geſchicklichkeit, mit der er in die bald abgelauſchten kleinen Liebhabereien

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