Heft 
(1859) 6 04
Seite
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162 Erinnerungen.

eiſernen Raufen nieder und in dem Waſſer der granitnen Borne ſchwamm leiſe bewegt der matte Wiederſchein der verdrießlich und trüb leuchtenden Stalllaterne.

Es ſollten Gäſte kommen wohl liebe und ſehnlich erwartete Gäſte, denn ſonſt wäre an die⸗ ſem Abende wohl ſchwerlich der Herr ſelber bis an die Grenze gefahren, ſie einzuholen, und eben ſo wenig würde ſonſt die Gutsfrau, von männiglich diegnä' Frau genannt, mit ſo offenkundigem

Eifer bei jedem ſich ergebenden Geräuſche an's Fen-

ſter geeilt ſein, um nach den ſpäten Ankömmlingen auszulugen, was indeß auch ſeinen guten Geund in der Hausfrau Erbangen um den Erfolg ihrer ſo hart geprüften Kochkunſt haben mochte.

Sie kommen! rief es endlich draußen auf

der Stiege und darauf zur Thür des Saales herein,

in deſſen Fo ſich auf dieſen Ruf eine lange, ha⸗ gere uee, aus einem altväteriſchen Schlaf⸗ ſeſſel erhobeAnd keinige Schritte gegen die Thür zu machte.Sie kommen nun! wir wollen ſehen! Nach dieſen, in einemganz ſeltſamen Tone heraus⸗ geſtoßenen Worten drehte ſich der Mann wieder um und vegfenkte ſich wieder in die weichen Leder⸗ ſ polſterten Stuhlungethüms, murmelte Male ſein kuresWollen ſehen! und wenigen Augen Ocken wieder ganz ein⸗ zu ſein, obwohl dieß bei dem gewaltigen

noch einig ſchien na geſchlafen Trouble folgte, Fohl nur durch das hohe Alter ermöglicht wurde, in dem der hagere Herr anſcheinend ſtand.

Unter hellklatſchendem Peitſchenknalle und lu ſtig klingendem Schellengebimmel fuhren zwei weite Korbſchlitten pfeilſchnell durch die beſchneite Linden⸗ allee in den Schloßhof ein und hielten vor dem Perron, an deſſen Stufen die Hausfrau, umgeben von lichtertragenden Mägden, die Gäſte empfing. Der Erſte derſelben, der ausſtieg und den derHerr ſelber kutſchirte, ſchälte ſich leicht aus den verſchie⸗ denartigen Hüllen, mit denen er ſich zum Schutze wider die Kälte umgeben, und zeigte ſich, als er der Schloßfrau zuſchritt, als einen jungen, hübſchen Mann von etwa zwanzig Jahren, den der Schloß⸗ herr ſeiner Frau mit den Worten vorführte:Der Vicomte Vilain, meine Liebe, der übrigens, wie ich weiß, es vorziehen wird, Deine Bekanntſchaft unter anderen Umſtänden zu machen, als hier in der Kälte und in dem verteufelten Zuge! En avant, mon cher! rief er zurück,ſputet Euch nachzukommen, edelſter aller Gouverneure, und ſtieg mit ſeinem Gaſte die Stufen hinan.

Der alſo Angerufene hatte bei weitem mehr Mühe, ſich all' der Decken und Pelze zu entledi⸗ gen, mit denen er ſich zur Wehr gegen die Weih⸗

nachtskälte umgeben und wohl aus guten Gründen,

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mit dem die Ankunft der ſpäten Gäſte er⸗

denn er erwies ſich, als er mit Hilfe ſeines Kut⸗

ſchers auf herrſchaftlich Pfauenhofer Boden zu ſte⸗ hen kam, als einen alten, ſchwach und kränklich ausſehenden Herrn.

Langfam ſchritt er dem Schloſſe und der Frau desſelben zu, verneigte ſich auf ſehr ceremoniöſe Weiſe vor ihr und ſprach, indem er ihre Hand ge⸗ meſſen an ſeine Lippen zog:Erlauben Sie einem altem Manne, Sie zu grüßen, Madame, und Ih⸗ nen ſeinen Dank für das Aſyl zu ſagen, daß Sie ihm ſo großmüthig angeboten! worauf er der Vor⸗ leuchtenden in ehrerbietiger Weiſe nachfolgte.

Schläft der Vater ſchon? fragte der Schloß⸗ herr im Hinanſteigen.Der Vater meiner Frau, zügte er vermittelnd bei.

Ich denke wohl, denn ſeine gewöhnliche Stunde iſt ſchon lange vorüber, obwohl errnoch oben im Saale iſt, meinte die Schloßfrau und beſtätigte dieß, als ſie den Saal erreicht hatte, nach einem raſchen Blicke auf den alten Herrn im Schlaſſeſſel mit einem kurzen:Er ſchläft, die Kinder auch. Und Hedwig?In der Küche, worauf ſich die Geſellſchaft zu Tiſch begab.

Der Gutsherr erwies ſich als ein liebenswür⸗ diger Wirth, wie ſie dieß faſt alle oben im Walde ſind, die kleinen Souveräne, die man dort einem klimatiſchen Witze zufolgeHaberfürſten nennt. Herr Emmüller war überdieß ein feiner, jedoch kränklich ausſehender, vor der Zeit gealterter Mann; diegnä' Frau eine hübſche, etwas korpulente Dame, Herr Vilain ein echter Vicomte der da⸗ maligen Zeit, geziert und ziemlich ſuffiſant, und ein eben ſo echter Gouverneur der alte Erzieher des⸗ ſelben förmlich, ſteif ud kalt.

War es die ſpäte Stunde oder die Müdigfeit nach der raſchen nächtigen Fahrt: die Unterhaltung bei Tiſche war eine ſchläfrige, einſylbige und es ſchien den Gäſten lieb und von Allen ein läſtiger Bann genommen zu ſein, als der Schloßherr die ſpäte Tafel aufhob.Die Herren werden müde ſein, meinte er, die Glocke ziehend;kein Wun⸗ der, eine Schlittenfahrt bei Nacht in unſeren Ber⸗ gen verlangt andere Naturen, als ein nächtlicher Ausflug an den immergrünen Ufern der ſchönen Dordogne.

Waren es die hellſtrahlenden Lichter des Arm⸗ leuchters, mit dem die Tochter des Hauſes nun eintrat, die den düſteren weiten Saal plötzlich ſo hell erleuchtete, oder war es die in erſter Jugend⸗ ſchöne ſtrahlende Geſtalt des lieblichen Mädchens, von der ſo blendender Glanz ausging? Die beiden Fremden blickten einander erſtaunlich an und nicht der junge galante Vicomte war es, der das ſchöne Kind mit dem Titel einerRoſe des Böhmerwal⸗ des begrüßte, ſondern der galante alte Magiſter, ſein Gouverneur.

Herr Emmüller, der Schloßbeſitzer, lä⸗ chelte dem alten Manne freundlich zu:Sie ſind ein echter Franzoſe, Herr C hamleresl möge Sie denn dieſe Roſenblüthe in unſerem winterlichen Walde einſtweilen tröſten über Ihr verlorenes Pa⸗ radies im Lande von Oc. Gute Nacht alſo,

Ihr Herren, und merket auf Eure heutigen Träume,