Erinnerungen.
Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
mand in dem Zimmer geweſen. Leogane trat in ein anderes Zimmer, das ebenfalls leer war und er wollte ſich bereits wieder entfernen, als er noch einen Thürvorhang emporhob. Da erblickte er Miß Elliot, die im dunkelſten Winkel des Gemachs in ihrem Schaukelſtuhle ſaß, den Kopf geſenkt und die Hände gefalten auf den Knieen hielt. Ihr ein⸗ ziger getreuer Hüter, der ſie nicht verlaſſen hatte, ein großer ſchwarzer Neufundländer, lag zu ihren Füßen, ſprang aber bellend auf, als der Fremde erſchien.
„Fräulein,“ begann Leogane ſofort,„ich habe erfahren, daß Ihr Vater einen Vertheidiger brauchen dürfte und ich ſtelle mich zur Verfügung. Erſt geſtern bin ich aus Frankreich angekommen; ich hörte von dem Unglück, das Ihnen widerfahren iſt und glaubte, es würde zur Linderung Ihres Schmerzes beitragen, wenn Sie wüßten, daß ein Mann entſchloſſen iſt Alles zu verſuchen, Ihren Va⸗ ter ſeinen Feinden zu entreißen. Ich kam um Ihnen dieß zu ſagen, wie um zu fragen, ob Sie mir ſonſt Befehle zu geben haben. Sie können doch unmög⸗ lich allein in dieſem großen öden Hauſe bleiben.“
Das Mädchen dankte dem Fremden mit Thrä⸗ nen in den Augen, machte ihn darauf aufmerkſam, welcher großen Gefahr er ſich durch ſein Unter⸗ nehmen ausſetze und erzählte, daß ihr außer dem Hunde eine alte Negerin treugeblieben ſei, die ſie auch nicht verlaſſen werde, ſo daß ſie ſicher in dem Hauſe bleiben könne.
Nach dieſem Beſuche im Hauſe Elliots ließ er ſich bei dem Herzoge von Jacmel ſelbſt melden und erhielt hier die Weiſung, nach der Sieſta des Herrn ſich wieder einzufinden, da er in dieſer durch⸗ aus nicht geſtört werden dürfe.
Nach der Sieſta ging der Herzog von Jacmel in Generallieutenants⸗Uniform mit den Sternen und Bändern der haytiſchen Orden in dem großen Salon ſeines Palaſtes, den Fremden erwartend, auf und ab. Wäre das ſchwarze Geſicht und das graulicher Wolle gleichende Haar nicht geweſen, man hätte wahrhaftig einen ordentlichen General vor ſich zu ſehen glauben können. Der mit weißem Marmor belegte Salon war groß und hoch; die Möbels glänzten von Vergoldung; zwei Adjutanten ſchrieben was der General diktirte. Als Leogane erſchien, entfernten ſie ſich. Der General ging dem jungen Manne einen Schritt entgegen, deutete auf einen Stuhl, ſetzte ſich ſelbſt und wartete mit einer gewiſſen würdevollen Haltung bis Leogane be⸗ gann, er habe es für ſeine Pflicht gehalten ihm ſeine Aufwartung zu machen, da er in die Provinz gekommen, in welcher der General kommandire. Dieſer fühlte ſich offenbar durch ſolche Artigkeit ſehr geſchmeichelt und Leogane ſprach weiter, er
habe zwar ſeine Jugend im Auslande zugebracht,
aber nur um ſeinem Vaterlande nützen zu können, wenn dasſelbe ſeine Dienſte annehmen wolle. „So ſind Sie entſchloſſen bei uns zu bleiben
und Sie haben uns nicht lächerlich gefunden?“ fragte der General, worauf der junge Heuchler ruhig antwortete:
„Lächerlich habe ich nur Die gefunden, welche von unſerem ſchönen Vaterlande reden ohne es zu kennen, vielleicht ohne es je geſehen zu haben.“
Der General war entzückt und entgegnete: „Sie ſcheinen ein braver junger Mann zu ſein; man könnte Sie für Einen der Unſerigen halten und es iſt Schade, daß Sie weiß ſind. Indeß auch als Weißer können Sie ein guter Haytier ſein. Ihr Vater war es; laſſen Sie alſo gegen mich die Exzellenz weg; die Titel geniren mich wie die Uniform, die ich öffentlich tragen muß. Erlauben Sie, daß ich Beides ablege. Sie eſſen bei mir und wir plaudern mit einander. Das wird mich an meine Jugend und an Ihren Vater erinnern.“
Der General zog ihn in der That mit ſich in ein anderes Zimmer, gab ihm ein Leinwandjäckchen, zog ſelbſt ein ſolches an, führte ihn auf eine Ter⸗ raſſe, von der aus man die Rhede, die Stadt und einen Theil ihrer Umgebung überſehen konnte, und dann in den Speiſeſaal, wo bereits gedeckt war. So viele Schüſſeln es gab und ſo viele Weinflaſchen da ſtanden, der alte General und Herzog aß nur rothe Bohnen, unter der Aſche gebratene Bananen und trank nichts als Waſſer mit einigen Tropfen Genever darin.
„Sie wundern ſich über meine Mäßigkeit?“ fragte er Leogane.„Ach, wenn man ſechzig Jahre alt iſt wie ich und ſechzig Jahre von Wurzeln und Früchten gelebt hat, wie wir es in unſern Unabhängigkeitskämpfen und Bürgerkriegen thun mußten, gewöhnt man ſich nicht an etwas Anderes. Nur ein Glas Wein will ich mit Ihnen trinken auf ihre glückliche Heimkehr.“
Er trank mehrere Gläſer, aber ſein Geſicht wurde dabei immer ernſter und betrübter, bis er endlich mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlug und ſagte:
„Ich will offen mit Ihnen reden. Sie wer⸗ den allerlei ſtolze Pläne und Hoffnungen mitbringen. Geben Sie Alles auf. Es läßt ſich nichts Dauern⸗ des hier begründen, ſo lange der Kampf zwiſchen den beiden Menſchenragen nicht beendigt iſt und nicht entweder die Weißen oder die Schwarzen bis auf den letzten Mann vertilgt ſind. Wenn die Farbigen ſiegen, ſo beginnt dann der Kampf zwi⸗ ſchen den Mulatten und den Quarterons, zwi⸗ ſchen den Quarterons und Meſtizen. Wenn Sie hier bleiben wollen, werden auch Sie ſich für eine der Parteien entſcheiden müſſen. Bleiben Sie aber lieber nicht da; in jeder wird, fürchte ich, viel Blut vergoſſen werden und ich möchte nicht, daß auch Sie erführen, wie ſchwer vergoſſenes Blut drückt. Wenn man auch ein„alter Affe“ iſt, der gar nichts Menſchliches hat, wie die Leute im⸗ mer von mir ſagen; wenn man es ſich auch immer vorſagt, man habe Das was man gethan, aus


