leid?“
mein,
Ziele zuſteuernd.
Eduard Herold: Weihnachts⸗Gebräuche im öſtlichen Böhmen. 45
Selbſt die Natur drängt durch ihre Rauheit den Wandernden an den gaſtlichen Herd und hält ihn dort gebannt mit ihren in der Luft geſponnenen feinen Fädchen, die als Sternlein den Pfad über⸗ decken und als Blumen ſich an die durchſichtigen Glasſcheiben legen.
Auf dem Lande hebt ſo ein tüchtiges Schnee⸗ geſtöber plötzlich faſt alle Verbindung mit der Außen⸗ welt auf. Da drängt ſich ein Jeder in die niedrige warme Stube und läßt draußen die dichten Flocken vom Himmel herabfallen und Alles ellenhoch be⸗ decken; da wird nur der Weg aus dem Wohnhauſe über den Hof zu den Pferde⸗ und Viehſtällen, der Scheuer und dem Brunnen, mitunter auch der zum nächſten Nachbar freigeſchaufelt.
Zur fernen Kirche treten ihn die Männer mit ihren feſten und breiten Winterſtiefeln aus und auf der ſo gebrochenen Bahn folgen trippelnd die Wei⸗ ber nach. Es iſt ein eigener Anblick, die in Pelze vermummten Dorfbewohner in langer Reihe über die weiße Fläche wandeln zu ſehen, zumal in der Morgenſtunde, deren tiefe Grabesruhe nur durch das Geläute der Kirchenglocke unterbrochen wird.
Es iſt das erſte Zeichen zur Rorate. Kaum ertönt es, ſo blitzen hier und da in der dunklen Ferne Lichtchen auf und gleiten, in viele Gruppen getheilt, über den weißen Teppich hin, alle einem Es iſt dieß die hell erleuchtete Kirche.
Durch volle vier Wochen eilt Alt und Jung über Ebenen und Berge, durch Wälder und über Bäche oft gegen zwei Stunden Weges weit in die Frühmeſſe.
So rücken allmälig die von Jung und Alt, Herrn und Knecht ſehnlich herbeigewünſchten Feier⸗ tage heran.
Schon am Morgen vor dem Weihnachtsfeſte wird fleißig Acht gegeben, wer zuerſt das Gehöfte betritt, denn nach dem Geſchlecht und der Anzahl der Beſucher ſchließt man auf die künftige Vermeh⸗ rung der Stallbewohner.
Inzwiſchen werden die Gänſe, Enten und Hüh⸗ ner, welche ſich ſchon ſeit der früheſten Morgenſtunde auf dem Schnee im Hofe herumgetrieben haben, gefüttert, doch dießmal von der Hauswirthin eige⸗ ner Hand. Ihr ſonſt einfaches Gericht iſt heute reichlicher und verſchiedenhaltiger; Linſen, Gerſte, Hafer, Weizen, kurz alle Getreidearten und Hülſen⸗ früchte werden gemengt und den ungeſtüm Futter fordernden Schreihälſen vorgeworfen.„Legt nur recht viele und gute Eier!“ denkt die ſorgſame Wirthin und überſieht mit berechnendem Blicke die Größe und Anzahl der befiederten Zweifüßler.
Daß heute dem ſtolz ausſchreitenden Beherr⸗ ſcher des Hofes, dem buntfedrigen Hahn, ein aus Knoblauch beſtehendes Extragericht präſentirt wird, iſt eine alte Sitte; es iſt dieß eine Belohnung für ſein gut geführtes Hofregiment und zugleich eine
Aufmunterung, noch fernerhin mit Zärtlichkeit und
Strenge ſeinen Pflichten als Hausvater nachzu⸗ kommen.
Doch wie würde ſein Stolz und ſein Ehrgeiz ſich gekränkt fühlen, wenn er in Erfahrung brächte, daß dieſes ſo liebliche Gericht nicht ihm allein ge⸗ reicht werde, ſondern heute auch den Hauptbeſtand⸗ theil der Frühſuppe ausmache, welche das Geſinde bekömmt.
Den Zweck und die Bedeutung dieſes beſon⸗ deren Gerichtes kennen die Eſſenden ſelbſt nicht, die Hausfrau aber weiß es, daß ſie hiedurch zur Arbeit tüchtiger werden.
Iſt es ſchon die Wirkung der Knoblauchſuppe, oder ſpornt ſie das fromme Hausgeſetz, daß an den Feiertagen keine Arbeit verrichtet werden dürfe, zu vorſorglicher Geſchäftigkeit— kurz, die Knechte und Mägde ſind heute beſonders rührig, alles geht flink und luſtig von der Hand. Während die erſteren ſingend auf dem Boden oder in einer kleinen Stall⸗ kammer Häckerling ſchneiden, ſcheuern die letzteren unter geheimnißvollem Geflüſter und Gekicher Stube und Kammer, Fenſter und Thüren, Geſchirre und Tiſche, Bänke und Stühle. Hin und wieder ſieht der Hauswirth nach, wohl darauf achtend, daß alles gebührlich vollendet und die Heiligkeit der Feiertage nicht durch eine ſchlechte oder nicht gemachte Arbeit entweiht werde. In der Küche aber tummelt ſich gar emſig die Hauswirthin; da werden die aus dem beſten Mehle bereiteten, mit Eier, Zucker, Ro⸗ ſinen und Mandeln gefüllten länglich geflochtenen Weihnachtsſtriezel in den wohlberechnet geheizten Backoſen auf der Holzſchaufel geſchoben; da werden die vielpfündigen Karpfen zerſchnitten u. ſ. w.
Viel Luſt herrſcht an dieſem Tage namentlich in der geſammten Kinderwelt trotz des gewiſſen⸗ haften Faſtens, als deſſen Lohn Abends der An⸗ blick des„goldenen Schweinchens“ ſehnlichſt erwartet wird. Die größeren Buben bauen in irgend einem Winkel der Stube Krippen mit Papierfiguren, welche ihnen die Mutter vom Stadtjahrmarkt mitgebracht hat. Die jüngeren und unbeholfenen ſchauen dem Aufbau mit freundlichen Augen zu und laufen und holen das dazu Nöthige aus allen Winkeln und Enden herbei. Aus dieſer ihrer Unterhaltung wer⸗ den ſie ſehr oft durch das Singen der von Haus zu Haus herumziehenden Kinder geſtört. Als Hirten verkleidet tragen dieſelben ein kleines Krippchen um⸗ her, welches von einem Burſchen, deſſen weißes Hemd und gekröntes Haupt den Engel erkennen läßt, gleichſam beſchützt wird.
Während die Hirten ihre bekannten Geſänge abſingen, brummt der ſchwarzkoſtümirte Teufel und raſſelt mit der Kette zum größten Vergnügen der Zuſchauer. Am Schluſſe wird das Chriſtuskindchen reichlich beſchenkt und ſomit die wandernde Geſell⸗ ſchaft huldreichſt entlaſſen, die nun wieder in das nächſte Haus ihren Einzug hält.*
Iſt endlich der erſehnte heilige Abend ange⸗ brochen, ſo wird der weißgeſcheuerte Tiſch mit dem


