Jahrgang 
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tiefe Ermattung in ſeinen Zügen ſah, hielt ſie erſchrocken inne.Laß mich aufhören, bat ſie,Du biſt ermüdet und die Zeit berrinnt, mein ganzes Leben liegt ja in dem Worte: ſchuldig.

Aber er ſchüttelte das Haupt.Nein, nein, fahre fort, jetzt darf nichts unaufgedeckt bleiben zwiſchen uns, jetzt muß es Tag werden.

Eliſabeth fuhr fort:Am nächſten Dage machte ich mich auf nach Frankfurt, ich hatte Mittel, die Reiſe zu beſtreiten und nach einigen Tagen kam ich an. Die Frau, an die ich verwieſen war, las den Brief des Arztes und nachdem ſie mich eine Weile prüfend angeſchaut, ſagte ſie: Das iſt eine lange, traurige Geſchichte, Madame, ich werde mich bemühen den Bitten des Herrn Doctors nach⸗ zukommen, um Ihnen nützlich zu ſein. Ich habe oben ein kleines, beſcheidenes Zimmer, wollen Sie vorlieb neh⸗ men, ſo beziehen Sie es, bis wir Weiteres überlegt haben. Ich nahm ihr Anerbieten dankbar an und meine Sachen wurden aus dem Gaſthauſe geholt, wo ich ab⸗ geſtiegen war. Ich war in einem Zuſtande bvon dum⸗ pfer Troſtloſigkeit, die, glaube ich, dem Wahnſinn vorher⸗ geht; es gab Stunden, wo ich gar nichts dachte. Meine Wirthin hielt einen Laden von Wäſche und Stickereien und eine Menge von Frauen und Mädchen wurde von ihr beſchäftigt. Sie hatte eine kleine Enkelin bei ſich, das Kind ihrer einzigen Tochter, ſonſt hatte ſie alle Ver⸗ wandten verloren. Sie war ſtill, aber freundlich, und außer bei ihrem Empfange redete ſie mich nicht auf meine Schickſale an. Indeſſen ging meine Baarſchaft zu Ende, nun kam zu meinem Kummer auch die Noth und bald ſollte ein Kind meine Sorgen vermehren. Ich fühlte es, ich mußte aus dieſer dumpfen, unthätigen Verzweiflung mich aufraffen, wollte ich meine Pflichten gegen daſſelbe nur irgendwie erfüllen, und ich ging eines Morgens hinab zu Frau Hülſen, um ſie um Arbeit zu bitten. Ihr Ge⸗ ſicht erheiterte ſich; Sie thun Recht daran, Mgene ſagte ſie, ich habe ſchon lange darauf gewatet, daß Sie mit