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Weiſe nahm die Krankheit zu, und jetzt erſt bewies ſich die ganze Aufopferung der treuen Dienerin. Sie wich nicht von ſeinem Bette, ſie ordnete den Verband, rückte die Kiſſen, reichte ihm die Arznei. Kein Schlaf kam in ihre Augen, die unverwandt an den matten Zügen des Generals hingen, und Niemand ſah die heißen, ſtummen Thränen, die ſie weinte in den bangen Nächten der Sorge.
Die Kriſis der Krankheit näherte ſich, und es war am Abend zuvor, als Melbach plötzlich wohler zu wer⸗ den ſchien. Die Fenſter waren geöffnet; ſüße, erquickende Kühle ſtrömte ein, kein Vogel ſang mehr in den Zwei⸗ gen, kein Sonnenſtrahl zog mehr durch das Laub der Bäume, nur die Grillen ſangen eintönig und leiſe in der dämmernden Abendſtille, ſonſt ruhte Alles. Melbach richtete ſich im Bette auf;„Anna!“ rief er mit klarer Stimme.
„Herr General,“ antwortete ſie, wachſam und bereit wie immer,„was befehlen Sie?“
„Ich glaube, nun iſt es bald vorbei,“ ſagte er ruhig. „Geh' an meinen Schreibtiſch und öffne rechts das Schub⸗ fach, Du wirſt darin ein Käſtchen finden, und darinnen iſt das Bild einer ſchönen und jungen Frau, das bringe mir. Ich habe gelebt ohne ſie,“ murmelte er,„ich habe allen Anforderungen der Ehre genügt, und nun kann ich nicht ſterben ohne ſie. Ich ſollte es wohl, es iſt eine Schwäche, aber der Tod verſöhnt Alles.“
Die Dienerin kehrte mit dem Bilde zurück. Der Ge⸗ neral ſchlug den Deckel zurück, als könne er ſehen; aber es blieb Nacht, und ein tiefer Seufzer rang ſich aus ſei⸗ ner Bruſt; dieſe ſtrahlenden Augen würden ihm die Dun⸗ kelheit des Todes hell gemacht haben. An dem Käſtchen hing an einem ſeidenen Bande ſein Trauring. Suchend griff ſeine Hand darnach, machte ihn los und ſchob ihn an den Finger. Dann drückte er das Bild an ſein Herz, lange und innig, und ein wunderſamer Glanz zog über ſeine Züge.— War die Liebe zurückgekehrt in dies ſtille Herz? Warf ſie ihre goldigen Strahlen auf ſein das
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