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Schritt deshalb. Und doch gab es keinen Tag ſeines Lebens, an dem er ihrer nicht gedacht mit banger Sorge, mit tiefem Weh.
Es war ſo lange Zeit vergangen ſeit dem Tage, wo
ſie entfloh und doch ſtand die Erinnerung an ihn mit grauſamer Klarheit vor Melbach's Seele. Deshalb auch wurde die Bitterkeit ſeines verrathenen Herzens nicht mil⸗
der, deshalb blieb er ein einſamer, unglücklicher Mann.
Und er ſollte noch neue Prüfungen erfahren, ſollte noch ärmer werden, noch verlaſſener. Seit Jahren ſchon litt er an den Augenz er fühlte, ſeine Sehkraft nahm ab, und die Symptome waren um ſo bedenklicher, als ſich an dem äußern Auge durchaus nichts Krankhaftes wahrneh⸗ men ließ. Vergebens ſchritt er kräftig dagegen ein, die Krankheit nahm zu. Er nahm ſeinen Abſchied und zog ſich auf ſein Landhaus zurück; ſein dämmerndes Auge erkannte noch die Stätte, wo Eliſabeth als eine glückſelige Braut an ſeinem Herzen geruht. Es währte nur wenige Monate und er ſah nichts mehr, umſonſt ſtrengte er ſich an, es war und blieb Nacht in ihm und um ihn. Still und allein wanderte er in dem kleinen Gärtchen umher, wie Graf Bühl in ſeinem Park; aber wer ihm begegnete, der blieb ehrfurchtsvoll ſtehen und ließ den blinden Helden vor⸗ über und neigte ſich tief, ob er es gleich nicht ſah. Kein Kind floh ſcheu vor dem ernſten Manne, der ihm nie etwas zu Leide that, ob er auch finſter ausſah, der zwar kein Troſteswort hatte für die Armuth, aber immer Hülfe.
Melbach lebte ſehr einfach, er hatte faſt gar keinen Umgang. Der Paſtor, ein noch junger Mann, las ihm Nachmittags die Zeitungen vor; dann und wann kam
auch wohl der Dortor, der ebenfalls noch nicht lange am
Orte war. Zu ſeiner Bedienung hatte er nur ſeinen
Burſchen, der während des letzten Feldzuges bei ihm ge⸗
weſen war, und ſeinen Haushalt führte eine alte Magd,
eine treue Seele, die im Hauſe war, als ſeine Mutter
ſtarb und Eliſabeth ſeine Gattin wurde. Während das
kleine Gut von Jerome eingezogen wurde, war Gertrude Vovellenbuch. Bd. 1m. 16


