Jahrgang 
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Sieh hier, Maria, unſern neuen Freund, den ich aber liebe, wie einen alten, lang gekannten, Graf Kielskh.

Aber Marie antwortete nicht, ihre Wangen waren zu Schnee erblichen, die blühenden Lippen farblos und halb geöffnet und ihre Augen hingen mit dem Ausdrucke des Entſetzens an dem Fremden.

Marie, rief der Graf,um Gotteswillen, was iſt? Aber ſie antwortete nicht und wäre leblos zu Boden ge⸗ ſunken, wenn des Gatten kräftiger Arm ſie nicht aufge⸗ fangen hätte. Beſtürzt trug er ſie die Treppe hinauf, bettete ſie auf das erſte, beſte Sopha und ſchaute mit

ſprachloſer Sorge in das bleiche, lebloſe Antlitz ſeiner

Frau, die in den zehn Jahren ihrer Ehe nie von einem ähnlichen Unfalle betroffen war. Den vereinten Bemü⸗ hungen Paula's und des Grafen ſammt der herzugeeilten weiblichen Dienerſchaft gelang es endlich, ſie in's Leben zurückzurufen. Sie öffnete die Augen, und der erſte Blick, der ſie traf, war der Liebesblick, der dankerfüllte des Gat⸗ ten, und ſie ſchlang die Arme um ſeinen Nacken und zog ihn zu ſich herab, als fürchtete ſie, er könne ihr entriſſen werden.

Wie iſt Dir, meine liebe, beſte Mama, rief Paula dazwiſchen,was ſtieß Dir plötzlich zu?

Ich weiß nicht, erwiederte ſie matt und verſuchte ſich aufzurichten, während ihre Augen ängſtlich und forſchend in dem Zimmer umherſchweiften,es war wie ein plhtzlicher Schlag, und vor meinen Augen dunkelte es, und meine Sinne berließen mich. Aber es iſt mir wie eine traumähnliche Erinnerung, als ob ich in dem Augen⸗ blicke einen Fremden ſah. Iſt das Wahrheit, oder war es ein Bild meiner ſich verwirrenden Phantaſie?