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aber ungefähr die Hälfte meiner ſchwierigen Kniewanderung
Luhmann nickte mit dem Kopfe.
„Es war ein ſchönes Thier und ſeinem Herrn gegenüber ſehr ſanft und folgſam, während es fremde Menſchen durchaus nicht leiden konnte.“
„Ja, die Beſtie hat mich ſtets verfolgt und zweimal ge⸗ biſſen“, ſchaltete Luhmann ein.
Bei dieſen Worten Luhmann's horchte der junge Anbauer Jankow aus Wollnow, der am äußerſten Ende des Tiſches ſaß, hoch auf und blickte alle Anweſende forſchend an, um Denjenigen herauszufinden, welcher die kurze Bemerkung ge⸗ macht hatte.
„Ich kümmerte mich nicht um des Hirten Worte und ging ruhig meiner Wege“ fuhr Garpke fort.„Da ich noch vor Mittag die gefangenen Fiſche nach der Stadt tragen wollte, ſo freute ich mich ſehr, als ich gewahrte, daß mein Korb ſich raſch füllte.
„Gegen 11 Uhr hatte ich ſo viel, als ich brauchte, ich ſchnitt einige Hände voll Gras ab und wollt' es eben ſchicht⸗ weiſe zwiſchen die Fiſche legen, als ich den Hirtenhund daher⸗ kommen ſah. Er war gegen mich immer freundlich geweſen, und ſo rief ich ihn denn zu mir— fuhr aber in meiner Arbeit fort, ohne ihn genauer zu betrachten.
„Zu andern Zeiten hatte er jedes mal fröhlich gebellt, wenn ich ihm begegnet war; heute ſchlich er ſtill daher und legte ſich einige Schritte von mir entfernt nieder. Verwundert über dies veränderte Weſen blickte ich von meiner Beſchäftigung auf— wäre aber vor Entſetzen faſt ohnmächtig geworden—— der Hund war toll! Der dicke Schaum ſtand ihm vor dem Maule— ſeine Augen ſtierten mich gläſern an, und dann und wann ſchnappte er nach rechts und nach links“
Den Zuhörern entſchlüpfte hiertheilweiſe ein halblauter Aus⸗ ruf als Zeichen der höchſten Spannung; der Fiſcher aber fuhr fort:
„Der furchtbare Schreck lähmte anfangs alle meine Glieder— der kalte Angſtſchweiß brach mir aus— ich hielt mich für verloren.— Als ich aber bemerkte, daß der Hund ſich nicht regte, ſchöpft' ich wieder einigen Muth und ſann darüber nach, wie ich mich aus meiner gefahrvollen Lage befreien könne. Meinen dicken eiſenbeſchlagenen Stock hatte ich unglücklicher⸗ weiſe daheim gelaſſen— aber es däuchte mir, als habe ich kurz vorher zu meiner Rechten, etwas nach rückwärts zu, einen ziemlich großen und einen kleinern Stein liegen ſehen—— auf die baute ich meine Hoffnung. Ich blickte mich um— ſie lagen noch da! Vorſichtig erhob ich mich etwas von der Erde und
ſtreckte die rechte Hand aus—— zehnfaches Entſetzen—— der Hund ſprang auf, ſtierte mich grimmig an und fletſchte die Zähne!
„Wie von einem Blitzſtrahl getroffen, fuhr ich zurück in meine frühere Stellung— regungslos hingen meine Blicke an jeder Bewegung des Thieres— mein Athem ſtockte, mein Herz ſchlug wie ein Hammer in der Bruſt.
„Nach einer Weile legte ſich der Hund wieder nieder— er ſchien mir offenbar nicht zu trauen, denn dann und wann ſtieß er ein leiſes Knurren aus, und ſeine Augen waren fort⸗ während ſtarr auf mich gerichtet.
„Was ſollt' ich beginnen? In der regungsloſen unbe⸗ quemen Stellung konnte ich nicht lange ausharren, während das Thier vielleicht noch vierundzwanzig Stunden liegen blieb. Die Steine waren meine einzige Hülfe, und drum galt es, ſie zu erreichen, ohne daß der Hund es bemerkte. Die Auf⸗ gabe war ſehr ſchwer, aber bei großer Vorſicht konnte ſie mir gelingen. Es kam darauf an, in jeder Minute ein winziges Stückchen auf den Knien zurückzurutſchen und mich dabei ſo zu wenden, daß der größere Stein endlich unter meiner Hand lag.
„Anfangs ging Alles beſſer, als ich gehofft— als ich
zurückgelegt hatte, ſtieß ich mit dem Fuß an einen Stein, deſſen Spitze etwas aus dem Heidekraut hervorragte, und ver⸗ lor dadurch das Gleichgewicht, ſo daß ich vornüber fiel. Der Hund ſchien dieſe unwillkürliche Bewegung als einen Angriff zu betrachten, denn er ſchoß plötzlich empor, ſtieß ein kurzes heiſeres Gebell aus und ſtand da, als ob er mit einem ge⸗
waltigen Satze auf mich zuſpringen wolle.
„Ich hatte mich unterdeſſen ſchnell aufgerafft, beſaß aber ſo viel Ueberlegung, daß ich mir beim Emporrichten einen ſtarken Ruck gab, durch den ich in einem Augenblick weiter rückwärts kam, als in der ganzen Zeit zuvor. Das Thier kauerte ſich abermals nieder— ich bemerkte aber eine gewiſſe Unruhe an ihm, die mich mit neuer Angſt erfüllte Zum Glück verlor ich meine Geiſtesgegenwart auch nicht eine Secunde — es hätte mir ſonſt ſchlimm ergehen können.
„Endlich— endlich ſah ich den größern Stein dicht hinter meiner Hand liegen— jetzt galt es— mein Leben ſtand auf dem Spiele! Emporſpringend packte ich mit raſchem Griff den Stein, ſchleuderte ihn mit aller Macht nach dem Kopf des Thieres— erfaßte dann mit Blitzesſchnelligkeit den zweiten und holte zu einem neuen Wurfe aus, da der erſte möglicher⸗ weiſe fehl gegangen war. — ich hatte dem Hunde ein Bein zerſchmettert und eine Wunde am Kopfe beigebracht— aber er beſaß noch ſo viel Kraft, daß er heulend auf mich los humpelte. Doch er kam nicht weit; der zweite Stein traf ihn gerade auf den Schädel —— lautlos ſank er zuſammen.“
„Gott ſei Dank— der bellt und beißt nicht mehr!“ rief hier Luhmann, welcher die Erzählung des Fiſchers mit athem⸗ loſer Spannung gelauſcht hatte.
Ein halblauter Ausruf der Ueberraſchung ſchallte hier vom äußerſten Ende des Tiſches herüber— und als ſich Alle dorthin wandten, ſahen ſie, daß der Anbauer Jankow aufge⸗ ſprungen war und Luhmann mit ſtarrem Blick anſchaute.
„Was iſt Euch, Jankow?“ fragten ſeine Nachbarn ver⸗ wundert.„Weshalb ſtarrt Ihr ſo in die leere Luft?“
Jankotw hatte ſich inzwiſchen gefaßt, ſetzte ſich wieder auf ſeinen Platz und ſagte mit erheuchelter Gleichgültigkeit:
„'s iſt nichts! Es war mir, als ſei drüben im Dorfe Feuer— aber jetzt ſeh' ich, daß es nur der Widerſchein der untergehenden Sonne in den Fenſtern iſt.“
Die ganze Tiſchgeſellſchaft wandte ſich darauf wieder dem Fiſcher zu, der den Schluß ſeines Abenteuers in folgender Weiſe erzählte:
„Als ich den Hund todt zu meinen Füßen liegen ſah,
rief ich ebenfalls ein lautes Gott ſei Dank:— die entſetz⸗ liche Angſt hatte mich aber ſo angegriffen, daß ich nicht im Stande war, mich aufrecht zu halten. Ich ſank auf die glühende Heide nieder, dicht neben dem todten Thiere, deſſen Augen noch ſtarr auf mich gerichtet waren.
„Wie lange ich dort ohnmächtig oder ſchlafend gelegen habe, weiß ich nicht:— als ich erwachte und mich erhob, ſtand die Sonne ſchon tief am Himmel. Von einer Wanderung nach der Stadt konnte nicht mehr die Rede ſein, und ſo wankte ich denn langſam heim, nahm mir aber vor, niemals wieder ohne meinen eiſenbeſchlagenen Stock auszugehen.“
Während der Fiſcher ſo ſprach, war Jankow aufgeſtanden und hatte unbemerkt das Ziminer verlaſſen.
Die Erzählung Garpke's bot ſo reichen Stoff zur Unter⸗ haltung und rief ſo manche Schilderungen ähnlicher Begeben⸗ heiten hervor, daß eine Stunde nach der andern verging, ohne daß die Tiſchgeſellſchaft an den Aufbruch dachte.
Das große Gaſtzimmer mit ſeinem fröhlichen Leben und Treiben ſollte jedoch noch an dem nämlichen Abend der Schau⸗ platz einer ſchrecklichen Scene werden.
Als Luſt und Jubel ihren Höhepunkt erreicht hatten, öffnete ſich plötzlich die Thür und der Zollbeamte Welper trat mit Jankow und zwei Gerichtsdienern vom nächſten Amte herein. Rlle ſchauten die ungewöhnliche Erſcheinung verwun⸗ dert und erſchrocken an— Welper aber ſchritt auf Luhmann
zu, verſetzte ihm einen leichten Schlag auf die Schulter und
ſagte mit ſchneidendem Ton zu ihm:
„Nicht wahr, der Controleur Hagert bellt und beißt nicht mehr?!“
Luhmann ſprang todtenbleich auf und ſtarrte den Zoll⸗ beamten, keines Wortes mächtig, an— der aber wandte ſich zu den Gerichtsdienern und ſagte:.
„Nehmt dieſen Menſchen hier gefangen— er iſt der Schmuggler, der den Controleur Hagert erſchlagen hat! Als
Dies war allerdings nicht der Fall


