Jahrgang 
1868
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es denn, daß manch altes heidniſches Feſt abkam oder in ein chriſtliches verwandelt wurde. Auch mit verſchiedenen Bräuchen ging es ſo, und nach hundert Jahren wußten die Leute nicht recht mehr, was dies oder jenes zu bedeuten habe, und wie es von ihren Vorfahren in einem oder dem andern Fall ge⸗ halten worden ſei.

So wird's auch wol mit dem Kreuzbaum gegangen ſein. Nach der Erzählung meines Großvaters ſollen ihn die heid⸗ niſchen Wenden einer gewiſſen Gottheit zu Ehren aufgerichtet, und die Stätte, wo er geſtanden, heilig gehalten haben. Nach dem Buche aber ſoll der Kaiſer Karl der Stifter des Kreuz⸗ baums geweſen ſein und denſelben in allen jenen Dörfern haben aufrichten laſſen, in welchen Chriſten wohnten.

Der Kreuzbaum, wie ihn mein Großvater geſehen, war vierzig bis funfzig Fuß hoch und trug oben an der Spitze ein hölzernes Kreuz, auf dem ein eiſerner Hahn befeſtigt war. Das Kreuz ſollte Diejenigen bedeuten, welche dem Chriſten⸗ thum treu anhingen, der Hahn aber die wetterwendiſchen Menſchen vorſtellen, welche die neue Lehre annahmen und ſich wieder von ihr abwandten. Andere behaupteten, das Kreuz bedeute den gekreuzigten Heiland, und der Hahn die Ver⸗ leugnung Chriſti von ſeiten des Apoſtels Petrus.

War der heilige Baum in einem Dorf vom Sturm niedergeworfen oder vor Alter umgefallen, ſo durfte nicht eher ein neuer aufgerichtet werden, als bis Mariä Himmelfahrt herbeikam. An dieſem Tage zogen dann Alt und Jung nach dem nächſten Walde, wo der ſchönſte Baum ausgewählt und gefällt wurde. Letzteres geſchah in folgender Weiſe. Sämmt⸗ liche Hauswirthe des Dorfes traten zuſammen, ſchritten gerade auf den Stamm zu, thaten einer nach dem andern einen Hieb hinein und wiederholten dies ſo lange, bis der Baum nieder⸗ ſtürzte. Dann legten ſie ihn auf einen Wagen, deckten ihn mit ihren Oberröcken ſorgfältig zu, ſo daß Niemand etwas davon ſehen konnte, und fuhren ihn nach der Stätte, wo der vorige Kreuzbaum geſtanden.

Wenn der Zug dort anlangte, trat ein alter Zimmer⸗ mann, der gut wendiſch war, mit der Axt auf der Schulter herzu und begann den Stamm vierkantig zu behauen und in denſelben von unten bis oben Pflöcke hineinzuſchlagen, wobei verſchiedene Gebräuche beobachtet wurden. Zuletzt nagelte er das Kreuz an die Spitze, und nun ward der Baum unter lautem Freudengeſchrei aufgerichtet.

Der Schulze des Dorfes ergriff darauf den eiſernen Hahn und ein großes Glas voll Bier, kletterte auf den treppen⸗ förmig angebrachten Pflöcken bis zum Gipfel empor, ſteckte den Hahn auf das Kreuz und goß das Bier über ihn aus. An manchen Orten war es noch Brauch, daß alles Vieh aus dem Dorfe herzugetrieben, um den Kreuzbaum gejagt und vom Schulzen, der ein großes brennendes Wachslicht in der Hand trug, mit Bier beſprengt wurde, weil man glaubte, daſſelbe werde ſonſt nicht gedeihen. Auch die Häuſer und alle Räume darin, ſo wie die Scheunen und Ställe im ganzen Dorf wur⸗ den mit Bier oder Branntwein beſprengt, um das Vieh vor Schaden zu bewahren.

War Alles geſchehen, was Herkommen und Sitte ge⸗ boten, ſo ging es ans Zechen und Jubiliren, und mein Groß⸗ vater ſagte, daß die Leute in ſeiner Jugend ganz andere Trinker geweſen ſeien als jetzt.

Außer Luhmann hatten alle Anweſenden den Worten des Greiſes mit der größten Aufmerkſamkeit gelauſcht, und

der Letztere mußte über dieſen oder jenen Punkt ſeiner Erzäh⸗

lung noch manche Auskunft geben. Derhalbe Wende wie Luhmann, deſſen rohes und wildes Weſen Alle abſtieß, verächtlich genannt wurde ſchien dagegen ein Gefallen daran zu finden, die Landbewohner und ihre Sitten herabzuſetzen und zu

verhöhnen und die Städter als eine Art höherer Weſen zu preiſen.

Man ſollt' es gar nicht für möglich halten, daß die Menſchen jemals auf ſolche Narrenspoſſen, wie Ihr ſie da eben erzählt, haben verfallen können! ſagte er mit widerlichem Lachen.Die Dinge ſcheinen aber wol alle nur deswegen erfunden worden zu ſein, um Gelegenheit zu einem tüchtigen Sauffeſt zu haben!

Der alte Rebbin warf dem Spötter einen Blick der tiefſten Verachtung zu und erwiderte mit der größten Gelaſſenheit

Wenn Ihr alle alten Gebräuche Narrenspoſſen ſchelten wollt, ſo würde am Ende nichts Heiliges übrig bleiben! Unſere Vorfahren müſſen aber trotz aller ihrer ſogenannten Narrenspoſſen und ihrer Sauffeſte doch nicht ſo einfältig und faul geweſen ſein, denn ſie haben die Wüſteneien ringsum in herrliche Fruchtfelder verwandelt, von deren Ertrage jetzt viele Tauſende leben!

Ja, das mein' ich auch, ſagte der Fiſcher Garpke, der Luhmann gegenüber ſaß.Der Eine hält dies und der Andere jenes für klug ich habe aber noch nicht gefunden, daß die Klügſten immer die Beſten ſind!

Bildet Ihr Euch vielleicht ein, daß Ihr hier auf Eurem Dorfe klüger ſeid als die Leute in der Stadt? fragte Luh⸗ mann höhniſch.

Ach, geht mir mit Eurer Stadt! rief der Schulze ärgerlich.Ich bin lange genug dort geweſen, um zu wiſſen, wie's dort zugeht!

Es iſt wirklich ſpaßhaft, was die Stadt aus den Menſchen macht! bemerkte der Fiſcher ironiſch.Hat ſich

ſo ein einfältiger Bauerjunge ein paar Wochen dort herum⸗ getrieben, ſo bildet er ſich ein, er ſei ein höher begabtes Geſchöpf und ſieht Alles, was auf dem Dorfe athmet, über die Achſel an!

Streitet Euch doch nicht mit dem halben Wenden da herum! rief Einer der übrigen Anweſenden ärgerlich.Wenn er einmal alt und ſchwach iſt und nicht mehr arbeiten kann, und die Leute in der Stadt nichts mehr von ihm wiſſen wollen, würde er gern unſere(Narrenspoſſen? mitmachen, wenn er ein Plätzchen im Armenhauſe zu Nerbin finden könnte!

Meint ihr, daß ich bei euch betteln werde? rief Luh⸗ mann halb zornig und halb verächtlich.Ich habe mir in der Stadt ſo viel verdient, daß ich im Alter bequemer leben kann als ihr Alle!

Mehrere von den am Tiſche Sitzenden wollten dem Prahler eine derbe Antwort geben, allein der alte Rebbin legte ſich ins Mittel und ſagte mit der ganzen Würde des Alters:

Wir ſind hier nicht zu Zank und Hader zuſammen⸗ gekommen laßt uns von andern Dingen reden! Wenn man ſich die ganze Woche gequält hat, kann man wol verlangen, daß Einem am Sonntag ein paar Stunden in Ruhe und Frieden gegönnt werden!

Dieſe Mahnung hatte den gewünſchten Erfolg. Die kleine Tafelrunde vertiefte ſich wieder in heimiſche und häus⸗ liche Angelegenheiten, und die allgemeine Unterhaltung löſte ſich in Geſpräche zwiſchen Zweien und Dreien auf. Während der Zeit traten noch einige andere Gäſte herzu, nahmen am Tiſche Platz und zechten und plauderten fröhlich mit. Als aber der alte Fiſcher, der in ſeinem langen Leben gar Manches erfahren hatte, bald darauf einige ſeiner Abenteuer zu erzäh⸗ len begann, verſtummte allgemach das Geſpräch der Uebrigen, und endlich lauſchten ſämmtliche Anweſende mit geſpannter Aufmerkſamkeit ſeinen Worten.

Nachdem er mehrere ſtürmiſche Scenen aus der Kriegs⸗ zeit zu Anfang dieſes Jahrhunderts geſchildert hatte, fragte ihn Jemand, welche Stunde die angſtvollſte in ſeinem Leben geweſen ſei.

Garpke ſann einige Augenblicke nach und verſetzte darauf

Die Mittagsſtunde am letzten Sonnabend im Mai dieſes Jahres.

Dieſes Jahres?! fragte Alle wie aus einem Munde.

Ja, ſo iſt es, entgegnete der Fiſcher.Hört nur. Ich ging an jenem Tage früh morgens von Nerbin weg, um in den Teichen drüben auf der Heide Hechte zu fangen. Als ich am Hauſe des Hirten Trabun vorbeikam, hört'ichihn drinnen zu ſeiner Frau ſagen: Wenn ich nur wüßte, wo unſer Hofmann*) iſt! Ihr ſeid ja mit Trabun bekannt, Luhmann, und habt ſeinen ſchwarzen großen Hund gewiß oft geſehen nicht wahr? *) Häufig vorkommender Name der Hunde im Wendlande.

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