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Am verfallenen Schloß.
Eine Erzählung aus dem wendiſchen Volksleben. Von Eduard Ziehen. (Schluß.)
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m nächſten Morgen wanderte Welper ſchon vor Tages⸗ anbruch nach der Stadt, um das Haus am Markte aus⸗
findig zu machen, in welchem Grambow nach der Aus⸗ ſage ſeiner Nichte am meiſten arbeitete. Dort angekommen, ſuchte er den Gaſthof auf, aus deſſen Fenſtern er die nach Nerbin führende Straße ſowie den ganzen Marktplatz über⸗ ſehen konnte, ließ ſich ein Zimmer im erſten Stock geben und legte ſich dort auf die Lauer.
Doch es verging eine Stunde nach der andern, ohne daß er Grambow's anſichtig wurde, und mismuthig trat er endlich den Heimweg an.
Trotz dieſer Erfolgloſigkeit ſeines Spähens begab er ſich am andern Tage abermals nach der Stadt, war jedoch nicht glücklicher als das erſte mal. Da manche Häuſer auf dem Matktplatz auch auf der Hinterſeite einen Eingang hatten, zu welchem man durch kleine Nebenſtraßen gelangte, ſo konnte Welper nicht anders glauben, als daß Grambow dieſen Weg wähle. Er beſchloß daher, in der nächſten Zeit dort ſein Spähen fortzuſetzen, zuvor aber bei Grambow's Nachbarn in Nerbin heimlich Erkundigung einzuziehen, ob der Letztere ſich viel⸗ leicht an jenen beiden Tagen gar nicht nach der Stadt be⸗ geben habe.
Zu ſeiner größten Ueberraſchung erfuhr er dort, daß Grambow gegen ſeine Gewohnheit das Dorf ſeit der Stunde, wo er mit ihm geſprochen, nicht verlaſſe“ habe, und daß der⸗ ſelbe mit mehrern Hofbeſitzern zu Nerbin wegen des Ankaufs von jungen Pferden in Unterhandlung ſtehe.
Auch an den nächſten Tagen ward ihm auf ſeine Anfrage der nämliche Beſcheid zu Theil.
Ein eigenthümlicher Vorfall bewog den Zollbeamten, von weitern Nachforſchungen abzuſtehen.
Der Sonntag war herbeigekommen, und in der Schenke zu Wieritz begann nach Beendigung des Nachmittagsgottes⸗ dienſtes ein fröhliches Leben. Der mit friſchen Guirlanden von Eichenlaub und Blumen geſchmückte große Saal im obern Stock hallte von den Klängen der Geigen, Clarinetten, Hörner und Trompeten, ſowie von dem Jauchzen der jungen Burſchen wieder, die ſich mit ihren flinken Tänzerinnen luſtig im Kreiſe drehten. Die Letztern trugen ihren vollen Sonntagsſtaat: bunte Röcke und Schürzen, hellfarbige, in zahlloſe Falten ge⸗ legte, Rücken und Bruſt bedeckende Tücher, breite weite Hals⸗ krauſen und goldgeſtickte Mützen mit großen rothen Schleifen und Bändern, gegen welchen Farbenreichthum die dunkelblauen Jacken und Beinkleider der jungen Burſchen ſcharf abſtachen.
Die Maſſe der zu gleicher Zeit tanzenden Paare war ſo groß, daß viele ſich zwar um ihre eigene Achſe drehten, aber blutwenig auf der ihnen angewieſenen Bahn vorrückten. Manch⸗ mal war das ganze Tanzvergnügen weiter nichts als eine fortwährende Colliſion zwiſchen den einzelnen Paaren, bei welcher der Putz der armen Mädchen am ſchlimmſten weg⸗ kam. Trotzdem ließ ſich kein Klagelaut, kein Seufzer, kein Ausbruch des Zorns vernehmen— die Harmonie unter den Tanzenden ward keinen Augenblick geſtört.
Das Nämliche konnte man nicht immer von den Tönen ſagen, welche von den Fingern, Armen, Lippen und Lungen der Muſikanten zu Tage gefördert wurden und ſich bisweilen durch ihre Aehnlichkeit mit gewiſſen Naturlauten auszeichneten. Die Geiger und Clarinettiſten hatten allerdings eine Stufe techniſcher Ausbildung erklommen, auf der ihnen ein Begriff von Gut und Schlecht vorſchwebte— die Horniſten und Trompeter balancirten dagegen noch auf der unterſten Stufe der Kunſtfertigkeit und entlockten ihrem gewundenen Meſſing⸗ rohr hin und wieder Klänge, welche einem Profeſſor an einer Muſilſchule unfehlbar zum Selbſtmörder gemacht haben würden, hätte man ihn dazu verurtheilt, dieſelben ſtets anzuhören.
Ein ganz anderes Bild bot das große Gaſtzimmer im Erdgeſchoß dar. Dort ſaßen zechende und rauchende Gruppen, die fröhlich plauderten und lachten und ſich um das Ton⸗ und Tanzgetümmel über ihren Häuptern durchaus nicht kümmerten. An einigen Tiſchen hatten ſich auch Liebhaber der Karten zu⸗ ſammengefunden und ſpielten Solo, ohne dabei aufs Rauchen und Zechen zu verzichten.
Den größten Tiſch inmitten des Zimmers nahmen zehn bis zwölf Gäſte ſehr verſchiedenen Alters und Standes ein; unter ihnen befanden ſich der Fiſcher Garpke aus Nerbin, ein hochbetagter Hofbeſitzer aus Wieritz, Namens Rebbin, der Schulze aus Danneik und ein Arbeitsmann aus der Stadt, Namens Luhmann, deſſen Vater germaniſcher Herkunft geweſen war, deſſen Mutter aber von wendiſchen Aeltern aus Nerbin abſtammte.
Die kleine Tafelrunde unterhielt ſich anfangs von den bemerkenswertheſten Ereigniſſe während der letzten vier Wochen, vom Ausfall der Ernte und verſchiedenen andern landwirth⸗ ſchaftlichen Dingen; dann kam die Rede auf die Veränderungen, welche im Lauf der Jahre mit den einzelnen Dörfern und deren Feldmarken vorgegangen waren, und der greiſe Rebbin, der Aelteſte von allen Anweſenden, wußte darüber gar Vieles zu erzählen, was den übrigen Gäſten gar nicht oder nur theil⸗ weiſe bekannt war.
„Als ich noch in die Schule ging“, ſagte er unter Anderm, „ſah Wieritz ganz anders aus als jetzt. Von den alten Häuſern, welche dazumal zu beiden Seiten der Kirche erbaut waren, ſtehen nur noch vier— die übrigen brannten in einer ſchrecklichen Nacht im Monat Juni nieder, nachdem ſechs Wochen faſt kein Tropfen Regen gefallen, und Wieſen und Felder halb verdorrt waren. Drüben nach Nerbin zu, wo jetzt ſo prächtiges Korn wächſt, breitete ſich ein dichter Föhren⸗
Kreuzbaum ſtand, baalken*) die Mädchen jetzt Flachs.
„Der Kreuzbaum?“ wiederholte Luhmann ſpöttiſch.„Von einem ſolchen Dinge hab ich nie etwas gehört.“
„Glaub's wohl, daß Ihr nichts davon gehört habt“, verſetzte der Greis kalt.„Ihr ſeid ja weder Fiſch noch Fleiſch und habt nie unter uns gelebt! Hätte Eure Mutter einen Wenden geheirathet, es würde ihr beſſer im Leben gegangen ſein!“
„Meine Mutter hat ſich nie beklagt“ erwiderte Jener halb mürriſch und halb trotzig—„wär's mir nur ſo gut gegangen!— Aber wir wollen uns nicht zanken“, fügte er freundlicherm Ton hinzu:„erzählt mir lieber etwas von Eurem Kreuzbaum.“
„Das will ich recht gern thun“, ſagte Rebbin;„mein Großvater iſt als Knabe zweimal zugegen geweſen, als in Wieritz und Nerbin ein Kreuzbaum aufgerichtet wurde, und hat mir oft von dieſem Feſt erzählt. Vor einem halben Jahre hab ich auch in einem ſchönen alten Buche geleſen, welche Bewandtniß es mit dem Kreuzbaum gehabt hat Tag der Aufrichtung einſt gefeiert worden iſt:— was ich davon behalten habe, ſollt Ihr hören.“
„Vor tauſend Jahren gab es einmal einen mächtigen Kaiſer in Deutſchland, der hieß Karl der Große“, hob er nach einer Pauſe an.„Zu der Zeit waren die Menſchen, die hier zu Lande wohnten, noch alle Heiden und wollten vom Chriſten⸗ thum nichts wiſſen. Der Kaiſer Karl aber hatte den heid⸗ niſchen Göttern den Untergang geſchworen und zog mit einem großen Heer nach der Elbe, um alles Volk weit und breit mit Güte oder Gewalt zu Chriſten zu machen. Da geſchah
„ 3 ine, im Innern Brechen. Zum Baaken des Flachſes dienen kleine, im I nicht abgetheilte und auf einer Seite offene Gebäude, die Baakſtaben
einem freien Platze deſſelben befinden.
wald aus, und auf dem Platze, wo vor alten Zeiten der
und wie der
genannt werden und ſich entweder außerhalb des Dorfes oder auf
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