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er die That verübt hatte, rief er mit wilder Schadenfreude aus:(Der bellt und beißt nicht mehr!? Der Anbauer Jan⸗ kow, der um dieſelbe Zeit mit ſeinem Bruder durch den Wald ging, vernahm dieſe Worte, und als er dieſen Elenden hier vor⸗ hin ſprechen hörte, fiel ihm die große Aehnlichkeit ſeiner Stimme mit derjenigen auf, welche jene Worte ausgerufen hatte. Seine Vermuthung ward zur Gewißheit, als der Mörder die⸗ ſelben bei der Erzählung Garpke's unwillkürlich wiederholte.“
Die Gerichtsdiener wollten ſich Luhmann's bemächtigen, allein dieſer hatte ſich von ſeiner erſten Beſtürzung einiger⸗ maßen erholt, ergriff ein auf dem Tiſche liegendes Meſſer, ſprang bis zur Fenſterwand zurück, um ſich den Rücken zu decken und ſchrie ihnen zu:
„Rührt mich nicht an, oder es ergeht euch ſchlimm!“
Unterdeſſen hatte ſich die Kunde, daß Luhmann der Mörder Hagert's ſei, im ganzen Hauſe verbreitet— Muſik und Jubel verſtummten, und Alt und Jung ſtrömten herbei, um ſich mit eigenen Augen von der Wahrheit des Gehörten zu überzeugen.
Da Luhmann in ſehr ſchlechtem Rufe ſtand und ſich all⸗ gemein verhaßt gemacht hatte, ſo ließ ſich auch nicht eine einzige Stimme zu ſeinen Gunſten vernehmen, die Meiſten äußerten ſogar laut ihre Freude über die Entdeckung des Mörders.
Der Letztere hatte offenbar den Entſchluß gefaßt, ſich bis aufs Aeußerſte zur Wehre zu ſetzen. Mit gezücktem Meſſer und blitzenden Augen ſtand er da und erwartete den Angriff von Seiten der beiden Diener der Gerechtigkeit. Dieſe wagten ſich anfangs nicht an ihn hin, als aber Welper ſeinen Hirſch⸗ fänger zog und auf ihn eindrang, ſprangen ſie raſch von bei⸗ den Seiten auf ihn los, umklammerten ſeine Arme und ſuch⸗ ten ihn zu entwaffnen. Eine Weile rang er noch mit ihnen, als er aber ſah, daß längerer Widerſtand unmöglich ſei,
riß er den rechten Arm mit einem gewaltigen Ruck für einen
Augenblick los und ſtieß ſich das Meſſer in die Kehle, daß er blutüberſtrömt und lautlos zu Boden ſank.
Alle hielten ihn für todt, allein nach einigen Minuten kam er wieder zur Beſinnung und ſagte, zu Welper gewen⸗ det, mit röchelnder Stimme:
„Wenn ich könnte— ſtieß ich dir auch das Meſſer in die Kehle, verdammter Spürhund! Hätt' ich in jener Nacht nicht nur deinem tückiſchen Spießgeſellen, ſondern auch dir das Lebenslicht ausgeblaſen— ich läg' hier nicht ſterbend am Boden! Aber zehnmal beſſer iſt's, zu ſterben, als lebend in eure Hände zu fallen!“
Bei näherer Unterſuchung ſeiner Halswunde ſtellte ſich heraus, daß dieſe nicht ſo gefährlich war, als es auf den erſten Blick ſchien; und da ärztliche Hülfe ſchneller zur Hand war, wenn er nach dem Amtsſitz transportirt wurde, ſo re⸗ quirirte Welper einen Wagen, der den Verwundeten dorthin brachte. Dieſer ward gegen ſeinen Willen verbunden, und obgleich er ſorgfältig bewacht wurde, ſo gelang es ihm doch zweimal, den Verband abzureißen. Infolge deſſen verſchlim⸗ merte ſich ſeine Wunde dergeſtalt, daß ſein Leben nicht mehr zu retten war.
Die Beamten verſuchten zu wiederholten malen, ein Ver⸗ hör mit ihm anzuſtellen und den Namen Desjenigen heraus zu bringen, welcher mit ihm von Hagert und Welper im Walde ertappt worden war, allein er weigerte ſich auf das Hartnäckigſte, irgend eine Ausſage zu thun, und antwortete auf all ihre Fragen mit ſichtlicher Schadenfreude:
„Ich hab' euch ja ſchon hundert mal geſagt, daß ich dem Hagert den Schädel eingeſchlagen habe— mehr braucht ihr nicht zu wiſſen. Den Angeber ſpiel' ich nicht.“
Zwei Tage nach ſeiner Gefangennehmung ſtarb er, ohne die geringſte Reue über ſein früheres Leben und ſeine letzte That zu zeigen. Seine letzten Worte waren:
„Ich bin von jeher ein ſchlechter Kerl geweſen— aber verrathen hab' ich noch keinen Menſchen!“
Als die Bewohner Nerbin's am nächſten Sonntag Morgen noch im tiefen Schlafe lagen, ſchritt der junge Müller Tar⸗ min ſchon in ſeinem beſten Staate raſch auf das Dorf zu. Sein
Geſicht ſtrahlte vor Freude, und dann und wann betrachtete er den großen Roſenſtrauß, denn er in der Hand trug, mit ſtillem Wohlgefallen. Unweit der erſten Häuſer bog er von der Fahrſtraße ab und ſchlug einen Seitenpfad ein, auf wel⸗ chem man rings um das Dorf herumgehen konnte, und von welchem ein beſonderer Weg in den Garten jedes einzelnen Gehöftes führte.
Bei dem Garten Grabow's angekommen, blieb er eine Weile ſtehen und ſpähte; als er aber Niemanden darin ge⸗ wahrte, öffnete er die Pforte und ſchritt zwiſchen den verwil⸗ derten Beeten dem Hauſe zu, in dem noch tiefe Stille zu herrſchen ſchien. Sobald er jedoch die Hand nach der Klinke der Gartenthür ausſtreckte, that dieſe ſich auf und Marie trat ihm im vollem Sonntagsſtaate fröhlich entgegen.
„Der Onkel ſchläft noch“, ſagte ſie nach einer kurzen, aber herzlichen Begrüßung.„Er hat es ganz gewiß vergeſſen, daß heute ſein Geburtstag iſt; geſtern Abend kündigte er mir wenigſtens an, daß er heute ſchon in aller Frühe nach einigen Dörfern bei Wieritz gehen wolle, um dort Pferde anzuſehen. Das würde er ſich gewiß nicht vorgenommen haben, wenn er an ſeinen Geburtstag gedacht hätte.
„Nun, da freut es mich ſehr, daß ich die Zeit heute nicht verſchlafen habe“, erwiderte Tarmin, indem er mit Ma⸗ rien leiſe in das Wohnzimmer trat, welches die Letztere am Abend zuvor, ſo weit ſie es vermocht, feſtlich geſchmückt hatte. Auf dem mit einem ſaubern weißen Tuche bedeckten, großen Tiſche ſtanden vier hohe Gläſer voll der ſchönſten Spätroſen, die Marie heimlich aus dem Garten ihres verſtorbenen Vaters geholt hatte, und inmitten derſelben lag die Schrift, die den Hof in Wieritz für das Eigenthum ihres Oheims erklärte. Das hübſche Viereck war von verſchiedenen Geſchenken eingefaßt, womit das junge Paar dem Geburtstagskinde mit grauen Haaren das Leben annehmlicher machen wollte.
„Aber was ſoll ich denn mit meinen Roſen beginnen?“ fragte Tarmin, nachdem er Marie wegen der hübſchen Auf⸗ ſtellung der Geſchenke gelobt hatte.
„O, die mußt du halb in die zuſammengefaltete Schrift legen, damit mein Onkel gleich ſieht, daß wirklich Roſen aus ihr hervor blühen!“ verſetzte das Mädchen fröhlich.— Aber horch! da kommt er aus ſeiner Kammer! Ich freue mich ſchon auf ſein verwundertes Geſicht, wenn er uns und den Tiſch erblickt!“
Marie hatte ſich viel von dieſer Ueberraſchung verſprochen, aber ihre Erwartungen wurden in einer Weiſe übertroffen, welche ſie bis zu Thränen rührte.
Langſam und geſenkten Hauptes trat Grambow ein und that zwei bis drei Schritte, ohne das junge Paar und das feſtliche Ausſehen des Zimmers zu bemerken. Als er aber dann plötzlich aufblickte, entfuhr ihm ein Ausruf des höchſten Erſtaunens— er wußte nicht, ob er wache oder träume.
Die herzlichen Glückwünſche, welche Marie und ihr Ver⸗ lobter ihm darbrachten, klärten ihn über die allgemeine Be⸗ deutung der Scene auf— daß in den prächtigen Roſen noch eine beſondere Bedeutung liege, ahnte er nicht im entfernteſten. Marie hatte es übernommen, ihn in dies ſchöne Geheimniß einzuweihen. Sie theilte ihm darauf mit, welchen Beſchluß Tarmin und ſie gefaßt, überreichte ihm die Schenkungsurkunde und ſagte mit bewegter Stimme:
„Als du mir neulich deine Lebensgeſchichte erzählt hat⸗ teſt, und ich dich zu beruhigen und mit neuer Hoffnung zu erfüllen ſuchte, antworteſt du:„Laß mich nur weiter durchs Leben irren, mir keine Roſen auf Erden mehr!“ Jetzt ſiehſt du, daß dir doch noch Roſen blühen— Roſen aus dem Garten deines einzigen Bruders, den du ſo ſehr geliebt haſt— und mit den Roſen wird dir noch manche Lebens⸗ freude erblühen!“
Während ſie ſo ſprach, blickte ihr Oheim ſie ſtarr an, gleich als ob er nicht faſſen könne, daß dieſe Worte an ihn gerichtet ſeien— dann aber verklärten ſich plötzlich ſeine Züge auf einen Stuhl ſinkend, rief er tief erſchüttert mit feuchten
ugen:
„Iſt es denn möglich, daß das Glück und die Freude


