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das graue Kloſter faſt vernichtet, keine Pietät für dieſe Begräb⸗ nißſtätten entwickelt, und da der verwahrloſte Fußboden mehrmals ausgebeſſert werden mußte, ſo ſind die Eiſenplatten mit ihren Inſchriften leider verſchwunden, und man kann nur noch die Stellen der Gräber nachweiſen. Mit dem ſtolzen manneskräftigen Ludwig dem Römer ruhen hier noch eine Reihe von Grafen und Gräfinnen, Rittern und Baroneſſen, von denen wir noch zwei nennen wollen: 1497 Georg von Stein, der letzte Beſitzer von Zoſſen, das mit ſeinem Tode an Joachim II. fiel, und 1521 Klaus von Bach, Großcomthur des deutſchen Ordens.
Die Franciscaner hatten das Privilegium, während eines Stadtbannes die geiſtlichen Verrichtungen ausüben zu dürfen.
Als unſer Berlin 1323 durch die Ermordung des Propſtes Nikolaus von Bernau die große Blutſchuld auf ſich lud und in den Bann gethan wurde, da waren für die ängſtlichen Gemüther, für Brautleute und Todtenhäuſer die Franciscaner die willkommenen Retter, und es läßt ſich leicht ermeſſen, welchen Vortheil dieſer Bann dem grauen Kloſter brachte.
Daſſelbe ſah manchen berühmten hiſtoriſchen Mann in ſeinen Mauern, ſo auch den Ablaßkrämer Tezel. Meiſter Tillemann in Köpenick hatte ſeinen Lehrling erſchlagen. Der Aermſte!— ſeine Mitbürger wichen ihm ſcheu und ängſtlich aus, und doch war die Geſchichte nur— aus Verſehen geſchehen. Meiſter Tillemann ſchlug mit dem Stock nach ſeinem Schwein; daß dieſes fortlief und ſein Lehrbube unter den Stock kam, war doch nur ein fataler Zufall. Um ſein Gewiſſen zu beruhigen und ſeine Mitbürger zu beſchwichtigen, griff der Meiſter tief in ſeinen Geld⸗ kaſten und kam zu Tezel ins graue Kloſter. Mit betrübten Mienen kam er, mit freudeſtrahlendem Geſicht ging er. War auch ſeine Taſche leicht, ſo war es ſein Gewiſſen noch mehr; denn auf dem Herzen trug er folgenden inhaltſchweren Ablaß⸗ brief:„Wir abſolviren dich aus Barmherzigkeit(1) von dem Todt⸗ ſchlage eines Menſchen, da du uns die Gebühren nach deinem Vermögen zum Bau(der Peterskirche in Rom) gezahlt haſt; wir erklären durch dieſen Brief, daß du von uns von dem Menſchen⸗ todtſchlag abſolvirt worden ſeieſt; wir befehlen auch Allen und Jeden, welcher dies zu Geſicht bekommen wird, daß ſie dieſer Verſicherung, daß du aufs Vollkommenſte abſolvirt ſeieſt, Glauben beimeſſen, ſo daß durchaus Niemand dich dieſen Mordes halber anklagen dürfe. Dies bekräftigen und bezeugen wir, und haben unſer ge⸗ wöhnliches geiſtliches Verwaltungsſiegel beigedruckt. Gegeben Berlin, 1517, den 5. October.“ Der Leſer beachte wohl den Tag der Ausfertigung. In demſelben Monat dieſes Jahres, wo Tezel mit lächelndem Auge dieſen Ablaßbrief im Kapitelſaale des grauen Kloſters unterſiegelte, ſtand Martin Luther vor der Schloß⸗ tirche in Wittenberg und ſchlug, Muth und Begeiſterung im Herzen, an die Kirchenthür, das ſchwarze Bret der Univerſität, ſeine 95 Theſen gegen Papſt, Ablaß und Tezel, und dieſe Hammerſchläge des kleinen Wittenbergers erſchütterten auch die ſtarken Mauern des grauen Kloſters zu Berlin. Die Reformation kam und lichtete auch die Reihen der Franciscaner. Kurfürſt Joachim II. überließ in ſeiner Milde das graue Kloſter ſich ſelbſt — freilich war es durch ſeine eigene Verwaltung ſchon ver⸗ wahrloſt, ehe die Reformation ihm den letzten Stoß gab. Durch ſchlechte Wirthſchaft und auch durch Unglücksfälle war es ſo zurückgekommen, daß ſeine anderweitigen Beſitzungen verzehrt und ſeine weiten Räume kaum noch in baulichem Zuſtande waren. Es war eine traurige Zeit, dieſe letzte des Kloſters, das einem Bettler glich, der Alles verſchwendet und ſeine Blöße mit ver⸗ blaßtem Flitter deckt, der einſt bei glänzenden Feſten eine ſo große Rolle geſpielt. Am 3. Januar 1571 ſtarb Joachim II.— am 4. ſtarb der letzte Mönch des Kloſters, Bruder Peter. Als er die Augen ſchloß, hatte ſein Kloſter alſo gerade 300 Jahre beſtanden, und mit ihm, dem frommen, lebensmüden Letzten, ſchloß die erſte Hälfte der Geſchichte dieſer gewaltigen Räume.
Die zweite Hälfte, nun auch bald drei Jahrhunderte um⸗ faſſend, gehört der Schule. Nur drei Zwiſchenjahre: ſchon 1574 wurde zuerſt eine allgemeine Landesſchule errichtet, die 1767 zu dem Gymnaſium erweitert wurde, das noch heut 5 Gymnaſium zum grauen Kloſter in voller Blüte ſteht. Dazwiſchen jedoch hat
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das Kloſter ſeine intereſſante, geheimnißvolle Geſchichte, ſeinen Zauberer Dr. Fauſt, deſſen Leben ohne dichteriſche Ausſchmückung ein köſtlicher Roman iſt, ſeinen vielgenannten und verkannten Leonhard Thurneiſſer zum Thurn, den großen Geheimnißvollen, den nicht nur das Volk, ſondern ſelbſt ein Profeſſor Dr. Jvel in Greifswalde als Teufelsbeſchwörer bezeichnete. Ein einfacher Gold⸗ arbeiter, ein ärztlicher Diener, ein leichtſinniger Chemann von ſiebzehn Jahren in Baſel, den ſein Weib in die Flucht jagt, durch⸗ wandert er die Welt, ſieht und lernt, ſeine großen Geiſtesgaben entfaltend. Dann wird er Kriegsknecht, Gefangener, Bergmann in Norwegen, Wappenſtecher in Strasburg, endlich wieder Berg⸗ mann in Tyrol, dann Aufſeher, ſchließlich Director. Als ſolcher Liebling des Erzherzogs Ferdinand, durchreiſt er Afrika und Aſien und kommt— als Arzt wieder. Verfaſſer ärztlicher Schriften, zieht er nach Frankfurt a. M., der berühmten Eichhorn⸗ ſchen Druckerei wegen, heilt hier die junge Kurfürſtin, wird Leib⸗ arzt Johann Georg's und erhält als ſolcher das graue Kloſter zur Wohnung. Hier ſtrömte Alt und Jung, Reich und Arm zu dem„Wundermaun“, und 200 Mann beſchäftigte der Reichbe⸗ gabte in ſeinem Kloſter, indem er eine große Druckerei anlegte. Er bezog das Kloſter 1571 und bewohnte es mit ſeinen reichen Schätzen vierzehn volle Jahre. Unſtet und hypochondriſch, ohne Charakterſtärke, fühlte er nach dem Tode ſeiner zweiten Frau Heim⸗ weh nach Baſel, das ihm das Bürgerrecht abgeſprochen. Von dort brachte er ſich ein junges, unzüchtiges Weib mit, das er verjagte und nun in einen häßlichen Proceß verwickelt wurde. Dem Allen zu entgehen, floh der Räthſelhafte nach Italien und blieb ſpurlos verſchwunden. Doch in der Geſchichte des grauen Kloſters bleibt ſein Name unvergeſſen, bildet vielmehr einen glänzenden Stern. Wie er ſelbſt hier ſeine ſchönſten Jahre durchlebte und als Heimatloſer hier eine wirkliche Heimat hatte; wie er, ſo oft getäuſcht und betrogen, an der Seite ſeiner zweiten Frau einen glücklichen Frieden genoß:— ſo iſt der Aufenthalt dieſes Mannes in den verfallenen Räumen faſt epochemachend. Seine Frau, eine geborene Huetlin aus Konſtanz, ruht ebenfalls im Kloſter, wo ſie den Unſtäten ſäſſig machte, der ihr zu Ehren der Kirche ein Weihbild ſchenkte: die Himmelfahrt(1557). Er ließ auf ſeine Koſten die Kirche ausbauen, und dies Verdienſt nennt uns ein Altarblatt, welches den heiligen Franciscus in Holz darſtellt, der in der Linken ein aufgeſchlagenes Buch hält, mit der Inſchrift: „Thurneiſſer hat mich neu gemacht, Da ich war alt und gar veracht't. Anno 1584.“ Ihm iſt es zu verdanken, daß uns durch ſeine Kirchenver⸗
beſſerung ſo manches Denkmal erhalten blieb. Doch das größte
Intereſſe bietet ſeine Druckerei, in der viele auswärtige Gelehrte ihre Werke drucken ließen, da ſie Lettern in allen Sprachen ent⸗ hielt, und Thurneiſſer ſelbſt zweiunddreißig Sprachen fertig ſchrieb und ſprach. Dieſe Werke, in typographiſcher Hinſicht höchſt merk⸗ würdig, tragen die Aufſchrift„Gedruckt zu Berlin im grauen Kloſter“, und ſein„Nothgedrungen Ausſchreiben“ von 1584 hat am Ende die Bemerkung:„Hab ichs Thurneiſſer gedruckt.“ So machen in der Geſchichte der Buchdruckerei in der Mark das graue Kloſter und Thurneiſſer ihre Epoche.
Dies iſt in kurzem die Geſchichte des grauen Kloſters. Als kurz nach Einführung des Chriſtenthums bei uns die Franciscaner erſchienen, da ſind ſie, ſo fromm, ſo gläubig und ſo beredt durch Wort und That, gewiß recht nützlich geweſen. Reichthum ſie üppig, müßig und aufſäſſig, daß ihr Gelübde ein Hohn zu ihrem Leben war und es Niemand beklagen kann, daß die Reformation ihre Spur verwehte. Iſt auch Manches von den Kloſtergebäuden nach Süden und Weſten verloren gegangen, ſo ſind doch die Hauptgebäude mit ihren Alterthümlichkeiten erhalten ge⸗ blieben, und wer aus der geräuſchvollen Straße in die ſtille Kloſter⸗ kirche tritt, den werden die vielen alten Wandbilder aus der Gegen⸗ wart ſofort in jene Zeit verſetzen, wo hier die grauen Mönche beteten.
Wer ſich eingehender mit dem grauen Kloſter beſchäftigen will, dem ſei ein ſeltenes Buch vom Director Bellermann:„Das graue Kloſter“, empfohlen, das 1823 und 1824 in zwei Schul⸗ programmen erſchien, gedruckt bei Dieterici— ein Buch, alt und vergeſſen, doch werthvoll für jeden Geſchichtsfreund.
Später machte der
Vot
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