Jahrgang 
1868
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inLe tre Nozze, auch die berühmte Sontag⸗Polka, die noch jetzt, nach zwanzig Jahren, jedes Schulmädchen auswendig lernt! Später, in Auber'sEnfant prodigue, und wieder inFigaro's Hochzeit, dieſes mal beſſer unterſtützt als in 1850, wo die Parodi, obwol eine trefflich geſchulte Sängerin, ſich nicht recht für die Gräfin, und Miß Catherine Hayes(die, beiläufig geſagt die Partie als soprano, nicht als contralto ſang) ſich nicht recht für den Cherubino eignete. In dieſem Jahre nun ſang Sophie Cruvelli mit ihr, Sophie Cruvelli, die herrliche Sängerin, die das Unglück hatte, zu einer Zeit zu erſcheinen, wo die Lind und darauf die Sontag alle Aufmerkſamkeit faſt ausſchließlich für ſich in Anſpruch nahmen. Und ſo verging auch dieſe Saiſon unter Huldigungen und Triumphen aller Art. Henriette Sontag war und blieb die Königin des Tages, wie vor einem Vierteljahr⸗ hundert! Die folgende Saiſon, 1852, fand ſie jedoch etwas er⸗ ſchöpft. Meyerbeer hatte verſprochen, eine neue Oper, mit der Sontag und für dieſe, zuerſt in London zu produciren, allein die Künſtlerin ſtand an, nach London zurückzukehren. Man hatte noch nicht alle Hoffnung aufgegeben, ſie hier wieder zu begrüßen; aber dieſe Hoffnung fiel zu Boden. Der große Deus ex machina erſchien nicht wieder. Sie lebte, wie in den andern Zwiſchen⸗

räumen ihrer Londoner Saiſons, in Zurückgezogenheit in Deutſch⸗ land, brauchte die Brunnencur in Ems, und Mr. Lumley hörte nur noch von ihrem Gemahl, daßMadame de Rossi est, contre son attente, si épuisée par les eaux, qu'il ne lui est point possible de paraitre dans un opéra. Sie kam nicht nach London zurück. Der leichte Fußtritt berührte die Breter nicht wieder, die auch jetzt in Aſche liegen. Sie gönnte ſich Ruhe, um ein neues großes Unternehmen auszuführen. Sie ging nach Amerika, und hier fand die große Frau, die große Sängerin, die ewige Ruhe! Als die Nachricht von ihrem Tode nach London kam, war die Trauer allgemein und tiefgefühlt. Verſchwunden waren das Lächeln, der Liebreiz, die Anmuth, die Silberſtimme für immer für ewig! Sie ruhte aus von den Triumphen, die ſie nie gemis⸗ braucht hatte. Ihre letzten Gedanken waren mit ihrem Gatten, mit ihren Kindern, mit ihrer Heimat beſchäftigt; und Deutſch⸗ land verlor ſeine größte Sängerin im fernen Weſten einer neuen Welt, damit es doch den Bewohnern aller Zeiten jenes Welttheils vergönnt ſein möge, auszurufen: Auch ihre Gegenwart verſchönte dieſes Land der Neuen Welt!

Ganz wie die Menſchheit im Großen ausrufen darf: Auch ſie verſchönte dieſe ſchöne Erde!

Das graue Rloſter.

Eine Skizze von Wilhelm Petſch.

Die junge Weltſtadt Berlin hat eine reiche Vergangenheit. Einen eigenthümlichen Zauber üben die alten hiſtoriſchen Bauten der Metropole mit ihrer Specialgeſchichte auf uns, Kinder der Gegenwart, aus. Unter dieſen merkwürdigen Gebäuden der Reſidenz ſteht in dieſer Hinſicht das Kloſter obenan, und wer ſich in deſſen lehrreiche, oft höchſt intereſſante, ja ergötzliche Geſchichte vertieft, könnte ſeinen Zuhörern manches heitere, manches tiefernſte Bild desalten Berlin aus dieſen Mauern entrollen, welche Profeſſor Mücke in Düſſeldorf unſern Leſern in einem trefflichen Bilde vorführt, und die der kunſtſinnige, mit tiefem Schönheits⸗ gefühle begabte König Friedrich Wilhelm IV., nachdem eine Zeit des Verfalls ſie faſt bis zum Einſturze vernichtet, wieder ſo her⸗ ſtellen ließ, daß Alles ſeinen alterthümlichen Charakter ſtreng be wahrt hat.

Drei ſchön gewölbte Haupträume ſind es, die auch den heutigen jugendlichen Nachfolgern jener Minoriten zu Gebote ſtehen, die das Sprüchlein führten:

Der Minorit ſoll nit ſtudir, Der Bettelſack iſt ſeine Zier, Und kann er's, mag er pred'gen ſchier!

und denen die Ordensregel die prächtige Vorſchrift gab, die auch für lutheriſche und politiſche Redner allzeit gelten ſollte:Die

Vorträge ſollen kräftig, ſaftig und kurz ſein! Dieſe drei Haupt⸗ räume mit ihren gewölbten Spitzbögen ſind der Kapitelſaal, das Refectorium und der Convent. Im Kapitelſaal fanden alle die großen Verſammlungen ſtatt, welche über jede wichtige äußere und innere Ordensangelegenheit abgehalten wurden; er war der Hauptſaal der Staatsactionen. Das Refectorium lag unter dieſem Kapitelſaale, nicht weit von der Küche und dem Kreuzgange, und war zu Mittag und Abend das gemeinſchaftliche Speiſezimmer. Der Convent diente in den Erholungsſtunden als Verſammlungs⸗ ort, um Gelegenheit zu dem in allen Klöſtern ſo beliebtenSpaze⸗ ment zu bieten, deſſen Ergötzlichkeit eben das Spazieren und der freiere Umgang war.

Die Mönche des grauen Kloſters waren Franciscaner, Bettel⸗ mönche jenes großen Ordens, den Franciscus ſtiftete, ein phan⸗ taſtiſcher Kaufmannsſohn zu Aſſiſi in Italien, geboren 1182, ge⸗ ſtorben 1226, vierundvierzig Jahre alt, deſſen Seele ſichtbar als ein glänzender Stern zum Himmel fuhr, die bereits 1228 kano⸗ niſirt wurde, und für den die katholiſche Kirche alljährlich drei beſondere Feſte feiert.

Im Chor der Kirche, über den funfzig Mönchsſitzen, 11 Fuß von der Erde, belehren uns zwei eichene Bohlen in der Wand mit ihrem ſchlechten, ſchwer zu entziffernden Mönchslatein über die

Entſtehung des Kloſters und die Ausbreitung des Ordens. Die obere Tafel ſagt:

Im Jahre 1271 haben die erlauchten Fürſten und Herrn Otto und Albert, Markgrafen von Brandenburg, aus beſonderer Verehrung des Ordens, den Platz, auf welchem dies Kloſter er⸗ baut iſt, den Ordensbrüdern zum ewigen Beſitz gnädigſt über⸗ geben. Nachher hat im Jahre 1290 der wackere Kriegsmann Jakob von Rebede den hieſigen Ordensbrüdern die Ziegelſcheune zwiſchen Tempelhof und Berlin geſchenkt. Und ſo ſind der Ritter und die Fürſten Stifter dieſes Kloſters.

Der Geſchichtskenner wird uns zur Erklärung dieſer Stiftungs⸗ urkunde Folgendes bemerken: Die beiden Markgrafen ſind die Söhne Otto III., des Gütigen, der 1267 ſtarb. Von den beiden Brüdern iſt Otto, der Erſtgenannte, Otto V., der Lange, und Albert iſt Albrecht III. Sie regierten gemeinſchaftlich. Ihr dritter Bruder Otto VI. ging zu Lehnin ins Kloſter und ſtarb 1303 als Ciſtercienſer-Mönch daſelbſt. Albrecht III. war ſchon zwei Jahre früher geſtorben, kinderlos; vor ihm, drei Jahre früher, 1298, ſtarb Otto der Lange. Intereſſant iſt es, daß die Tafel das zweite mal den Ritter von Nebede ſogar vor den Fürſten nennt: die Franciscaner mußten ſein Geſchenk beſonders hoch anſchlagen. Die Ziegelſcheune lieferte ihnen in der That ſo ſchönes Bau⸗ material, daß man heute noch die Stärke und Feſtigkeit der Steine mit Recht bewundert.

Die zweite Tafel lehrt, daß der Orden zu jener Zeit in ſechsunddreißig Provinzen 2185 Klöſter hatte. Beſaß jedes der⸗ ſelben nur zwanzig Perſonen, ſo erzielt dieſe knappe Rechnung ſchon 43700 Franciscaner, Mönche Eines Ordens nur. Wie groß mag danach die Geſammtzahl der faulenzenden Kloſterleute in Europa geweſen ſein?

Obgleich das Kloſter erſt 1271 erbaut wurde, ſo waren doch Franciscaner ſchon weit früher hier; denn als 1250 das Wunder⸗ blut in Zehdenick, acht Meilen nördlich von Berlin, Aufſehen er⸗ tegte, reiſten die Markgrafen Johann und Otto mit ihrer Schweſter Mechtild nach dieſem Städtchen, und in ihrer Begleitung war ihr Beichtvater. Hermann von Langele, Franciscaner, nachmaliger Lektor des grauen Kloſters. So haben ſich auch alle Orden verbreitet. Von kleinen Anfängen ausgehend, hatten ſie in den Städten wol eine Miſſion, dann ein Oratorium und Lektorium, weiterhin ein Collegium und ſchließlich ein großes Kloſter. Berlin kommt mit ſeinem 1271 ſogar ziemlich ſpät, denn Kyritz hatte ſchon 1255, Stendal 1267 und Frankfurt 1270 ein Franciscanerkloſter. Da⸗ für ging unſer Kloſter gleich beim Bau der Kirche ins Große, indem es einen Chor mit funfzig Mönchsſitzen ſchuf, koſtbare Gewölbe im Schiff und große Säle anlegte.