Jahrgang 
1868
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die mindeſte Verlegenheit oder Unruhe er ſchien heiterer, als er je geweſen Marie glaubte ſogar eine ſeltſame heim⸗

liche Freudigkeit in ſeinen Mienen zu leſen. Er begrüßte den Controleur mit der größten Sicher⸗

heit und lud ihn ein, ins Wohnzimmer zu treten. Welper nahm

vas Anerbieten an, rückte ſeinen Stuhl ſo, daß er das ganze

Gemach überſehen konnte und fragte Jenen, ob er im Stande

der nächſten vierzehn Tage ein gutes Pferd

ſei, im Laufe Grambow ging auf dies Anliegen mit

herbei zu ſchaffen.

einer eigenthümlichen haſtigen Bereitwilligkeit ein und ver⸗

ſicherte, daß er Alles aufbieten werde, um Welper zu einem

guten Pferde zu verhelfen. Da der Letztere keineswegs die Abſicht hegte, einen ſol⸗

chen Handel abzuſchließen, ſo erklärte er, daß es ihm nur

um eine Anfrage zu thun geweſen ſei, und daß er noch nicht beſtimmt wiſſe, ob er wirklich zu einer ſo beträchtlichen Aus⸗ gabe ſchreiten könne.

H, Sie brauchen ſich zu nichts zu verpflichten, Herr

Welper, entgegnete Grambow.Ich habe beſchloſſen, mich wieder auf den Pferdehandel zu werfen, und da kauf' ich in den nächſten Tagen doch mehrere Pferde? gefällt Ihnen eins, ſo werden wir uns über den Preis ſchon verſtändigen wo nicht, ſo findet ſich ſpäter wohl ein anderes Thier, welches Sie brauchen können.

Der Zollbeamte war damit zufrieden und Grambow be⸗ gann darauf mit einer Geſprächigkeit, die Marie noch nie an ihm wahrgenommen, von ſeinen Erlebniſſen als Pferdehändler und von allerlei geheimnißvollen und abenteuerlichen Gebräuchen und Kunſtgriffen zu erzählen, durch deren Anwendung man ſich nach dem Glauben der Leute eine wunderbare Macht über die Thiere und namentlich über die Pferde ſichern oder ſie vor der verderblichen Einwirkung böſer Menſchen ſchützen könne.

Ich weiß nicht, woher es kommt ſagte er unter Anderm, aber es finden ſich hin und wieder Pferde, welche zehn Teufel im Leibe zu haben ſcheinen. Während die meiſten ſich ſehr bald dem Willen der Menſchen fügen, geberden ſich einzelne wie toll und ſind auf die gewöhnliche Art durchaus nicht zu bändigen. Als ich vor einer Reihe von Jahren ein⸗ mal auf dem Markte in der Stadt war, traf ich dort einen alten Pferdehändler, der mit einem Offizier gewettet hatte, daß er den wildeſten Hengſt in fünf Minuten ſo ſanft und fromm wie ein Lamm machen wolle. Viele der Umſtehenden ſchüttelten ungläubig den Kopf, der Alte aber ließ ſich das unbändigſte Pferd, welches auf dem Markte zu finden war, vorführen, ging dreimal um daſſelbe herum, hantirte etwas an deſſen Kopfe, ſchwang ſich mit einem Rucke hinauf und ritt dann ſo ruhig auf dem wilden Thiere hin und her, daß die Leute ſchier außer ſich waren vor Staunen.

Nun wodurch hatte der Alte das Pferd gebändigt? fragte Welper, der während der Erzählung Grambow's die Muſterung des Zimmers fortgeſetzt hatte, mit gleich⸗ gültigem Ton.

Ich weiß es nicht, erwiderte Grambow,ich hörte nur, wie ein uralter Bauer zu ſeinem Enkel ſagte:(Wenn du einmal ein Pferd oder ein ander Thier nicht bändigen kannſt, ſo zupf ihn nur dreimal hintereinander einige Haare aus den Augenwimpern und ſteck ſie in deine linke Weſten⸗ taſche dann muß es in allen Stücken deinen Willen thun.*

Glaubt Ihr denn das? fragte Jener ſpöttiſch.

Grambow zuckte die Achſeln und entgegnete:

Darauf kann ich Ihnen weder Ja noch Nein antworten, Herr Welper. Ich habe das Mittel ſchon oft angewendet und manchmal iſt es vortrefflich angeſchlagen.

Wenn man wilde Menſchen doch auch durch ein ſo leichtes Mittel zur Vernunft bringen könnte! warf der Zoll⸗ beamte mit bitterm Lächeln hin.Wißt Ihr dafür nicht auch ein Mittel, Grambow?

Der Pferdehändler ſchaute ihn durchdringend an und verſetzte nach kurzem Schweigen mit ſchneidendem Ton:

Ich glaube, es würde der wilden Menſchen viel weniger geben, Herr Welper, wenn die Leute nicht ein Vergnügen

daran fänden, Einzelne aus dieſem oder jenem Grunde zu ver⸗ ſpotten, zu verachten, zu haſſen und zu verfolgen, ſo daß ein ſonſt ganz ruhiger, guter Menſch allmählich zu einem Teufel gemacht wird!

Hier ſchwieg er eine Weile, ſchritt ein paar mal im Zimmer auf und nieder und fuhr dann fort: Sie ſind kein Wende, Herr Welper und glauben nicht an(böſe Augen»*), mit denen ein ſchlechter Menſch einem Andern etwas anthun kann: ich aber ſage Ihnen, daß (böſe Augen ſchon manchen Menſchen zur Verzweiflung ge⸗ trieben haben. Wiſſen Sie kein Mittel gegen(böſe Augen, Herr Welper?! Die Worte Grambow's machten einen eigenthümlichen Eindruck auf den Zollbeamten. Dieſer hatte nur hin und wieder einige Augenblicke mit ihm geſprochen und ihn für ein gefahrliches Subject gehalten; was er ſo eben von ihm gehört, war nicht die Rede eines verdorbenen Menſchen, ſon⸗

dern deutete nur einen durch Leiden verbitterten Charakter an. Sein Mitleid ward rege, und mit ſanfterm Ton fragte er ihn:

Haben(böſe Augen denn auch Euch Unglück bereitet, Grambow?

O, ich könnte Ihnen von den«böſen Augen?, die mich gequält haben, ganze Tage lang erzählen, Herr Welper! er⸗ widerte er mit unſäglicher Bitterkeit, indem er einen alten Rock von der Ofenbank aufhob und an einen neben der Thür eingeſchlagenen Nagel hing.

In dieſem Augenblicke ſprang Welper, der jeder Be⸗ wegung des ſichtlich aufgeregten Mannes unwillkürlich gefolgt war, plötzlich betroffen empor, faßte ſich aber ſogleich und fragte mit anſcheinender Gleichgültigkeit:

Beſchäftigt Ihr Euch denn auch mit der Bienenzucht, Grambow?

Wie kommen Sie auf die Frage, Herr Welper? ver⸗ ſetzte Grambow mit einigem Staunen, da er beim Aufheben des Rockes nicht bemerkt hatte, daß eine Juckermaske, die unter dem letztern auf der Bank gelegen, zu Boden ge⸗ fallen war.

Nun da liegt ja eine Juckermaske neben dem Ofen, entgegnete Welper, der neulich beim Ringen mit dem einen Schmuggler deutlich geſehen, daß dieſer eine ſolche getragen.

Hätte der Zollbeamte in dieſem Moment in das von ihm abgewendete Antlitz Grambows ſchauen können, er würde ſich vor dem Ausdrucke des Schmerzes und des Grimmes entſetzt haben, der für einen Augenblick darin ſichtbar wurde. Allein Grambow verſtand es, ſich zu verſtellen. Er kehrte ſich raſch um und erwiderte mit der gleichgültigſten Miene von der Welt:

Mein kürzlich in Wieritz verſtorbener Bruder, der Jucker Heinrich Grambow, hat mir ein paar Bienenſtöcke vermacht, und da ſitz' ich dann täglich ein Stündchen bei den fleißigen Thierchen und ſorge für ſie, ſo gut ich kann.

Welper hatte nicht übel Luſt, die Andeutung fallen zu laſſen, daß ihm ſehr wohl bekannt ſei, wie die Juckermaske auch den Schmugglern zum Schutze diene, hielt dieſelbe aber zurück, weil er erſt in der Stadt weitere Erkundigungen über Grambow einziehen wollte. Er hatte zwar eine weit günſtigere Meinung von dieſem gewonnen, fühlte ſich jedoch zu der An⸗ nahme gedrungen, daß er einen Menſchen vor ſich habe, auf deſſen früherm Leben ein geheimnißvoller Schleier ruhe. Daß Grambow ein Schmuggler ſei, kam ihm nach Allem, was er gehört und geſehen, immer wahrſcheinlicher vor; daß der⸗ ſelbe aber Hagert ermordet haben könne, däuchte ihm faſt

unmöglich.

So brach er dann das Geſpräch ab, unterhielt ſich noch

einige Minuten mit Marie, die bis dahin ſchweigend in einer Ecke geſeſſen, aber jede Miene ihres Oheims mit ängſtlicher

Spannung beobachtet hatte, und ging mit freundlichem Gruße

von dannen.

Als Grambow, der den Controleur bis zur Hausthür begleitet hatte, wieder eintrat, warf er einen Blick auf ſeine Nichte, ſchritt ans Fenſter und ſchaute ſtarr ins Weite. End⸗

*) Die Wenden ſagen:Leege Dogen.

., N. c