vor ihnen ein leiſes Pfeifen vernehmen. So leiſe der Ton auch war, ſo hatten ihn beide dennoch gehört und machten ſogleich Halt.
„Horch! was war das?!“ flüſterte der Größere.
„Das muß ein Signal geweſen ſein, welches ein Con⸗ troleur dem andern gegeben hat.“
„Das Pfeifen ſchien mir von der Rechten herzukommen.“
„Haben ſie uns geſehen, ſo iſt's gleich, wo das Signal gegeben worden iſt. Wir dürfen keinen Augenblick länger ſtehen bleiben. Je eher wir den Wald erreichen, deſto beſſer!“
Dieſer Meinung pflichtete der Andere bei, und beide ſetzten ihre Wanderung fort, ſpähten aber fortwährend ſcharf nach dem Saum des Waldes hinüber.
Als der Mond eben aus den Wolken hervortrat, langten die beiden Schmuggler beim Rande des dichten Gehölzes an, und der Eine rief dem Andern leiſe zu:
„Jetzt ſind wir in Sicherheit! Wir wollen vom Wege abbiegen und uns weiter nach links wenden; dort gibt's viel Unterholz, wo wir uns im Nothfalle verſtecken können.“
Eben waren Beide in Begriff, dieſen Vorſchlag zur Aus⸗ führung zu bringen, da ſprangen zwei Controleure mit ge⸗ zogenem Hirſchfänger hinter einem Gebüſch am Waldesſaum hervor und ſtürzten mit einem lauten„Halt!“ auf ſie zu.
Die Schmuggler leiſteten dieſem Zuruf keine Folge, ſon⸗ dern warfen ſich mit ihrer Bürde raſch in den Wald, in der Hoffnung, den Controleuren noch entgehen zu können, allein dieſe ſetzten ihnen behende nach und hatten ſie in wenigen Minuten erreicht.
„Herunter mit den Säcken!“ riefen die Zollbeamten, in⸗ dem ſie den Schmugglern ihre Tracht von der Schulter riſſen, und ſie dann beim Kragen ergriffen.
Doch die Schmuggler waren kräftige Männer und ihren Gegnern an Stärke überlegen. Sie rangen mit ihnen, und nach kurzer Zeit ſah ſich der eine Controleur trotz aller Anſtrengung entwaffnet und zu Boden geworfen; im Fallen klammerte er ſich jedoch mit ſolcher Gewalt an ſeinen Be⸗ zwinger, daß dieſer nicht im Stande war, zu entrinnen.
Unterdeſſen hatte ſich der andere Schmuggler durch einige heftige Stöße und Fauſtſchläge von ſeinem Gegner befreit, ſprang raſch in den Wald hinein, wandte ſich zur Rechten und flog mit unglaublicher Behendigkeit zwiſchen den Bäumen dahin. Der Controleur verfolgte ihn und behielt ihn auch eine Zeit lang im Auge; bei einer dichten Gruppe von Unter⸗ holz aber ſchlug Jener plötzlich die entgegengeſetzte Richtung ein und eilte ſo leichtfüßig und geräuſchlos in dieſer fort, daß ſein Gegner ſeine Spur verlor und aufs Gerathewohl weiter lief.
Während dieſer Schmuggler glücklich entkam, rang ſein Gefährte noch immer mit ſeinem am Boden liegenden Gegner, ohne ſich von ihm befreien zu können. Der Letztere beſaß eine große Gewandtheit. Er erſpähte einen günſtigen Augen⸗ blick, packte die Maske des Schmugglers und riß ſie mit einem kräftigen Ruck ab.
„Hah! Grambow— Ihr ſeid's!“ rief er erſtaunt und erbittert zugleich.
„Ja, ich bin's!“ erwiderte Grambow in wildem Grimm, indem er dem Controleur das Knie auf die Bruſt ſetzte. „Aber Sie ſind jetzt in meiner Gewalt, Herr Hagert, und darum rath' ich Ihnen wohlmeinend, mich auf der Stelle los⸗ zulaſſen und mir feierlich zu verſprechen, mich nicht beim Ge⸗ richte anzugeben. Sie zwingen mich ſonſt zu etwas, was—“
„Gut— ich verſpreche, Euch nicht anzugeben“, erwi⸗ derte der Beſiegte nach einigem Zaudern mit verbiſſener Wuth, falls Ihr mir verſprecht, von Eurem ſtrafbarem Trei⸗ ben abzulaſſen.“
„Ich brauchte Ihnen zwar nichts zu verſprechen, weil ich Ihnen Bedingungen vorſchreiben kann“, entgegnete Gram⸗ bow;„aber ich will es doch thun— ich habe dies elende Leben längſt ſatt!“
Nach dieſen Worten ließ er Hagert los, band ſeine Maske wieder vors Geſicht und ging langſam auf dem ſchmalen Pfad in den Wald hinein, ohne ſich weiter um ihn zu kümmern.
Als er einige hundert Schritte gethan hatte, hörte er in einiger Entfernung leiſe ſeinen Namen rufen, und als er eben ſo leiſe dieſen Ruf beantwortet hatte, trat ſein Gefährte aus dem dichten Unierholz hervor und flüſterte ihm zu:
„Welper hat meine Spur verloren— ich habe ihn durch einige raſche Seitenſprünge getäuſcht. Wie biſt du mit Hagert fertig geworden?“
„Er riß mir im Ringen die Maske vom Geſicht— da er aber in meiner Gewalt war, ſo mußte er mir feierlich ver⸗ ſprechen, mich nicht anzugeben“, verſetzte Grambow.
Die beiden Schmuggler bogen darauf von dem Pfade ab und wandten ſich nach rechts, um den Verſuch zu machen, die beiden Säcke, deren Inhalt einigen Kaufleuten in der Stadt gehörte, und die Hagert unmöglich ſelber fortzuſchaffen vermochte, wieder in ihre Gewalt zu bekommen.
Unterdeſſen hatte ſich Hagert vom Boden erhoben, hatte ſeinen Hirſchfänger aufgerafft und war Grambow in kurzer Entfernung ſeitwärts nachgeſchlichen: er konnte es nicht verwin⸗ den, daß er unterlegen war, und wollte Grambow von hinten überfallen. Als er aber gewahrte, daß die beiden Schmugg⸗ ler ſich wieder vereinigt hatten, beſchloß er, eine Kriegsliſt anzuwenden, um ſie zur Flucht zu verleiten und zu trennen und ſich dann rückſichtslos der Waffe zu bedienen. So ſprang er denn plötzlich auf ſie los, indem er in den Wald hinein ſchrie:
„Hier ſind ſie, Welper! Friſch auf ſie eingehauen! An⸗ geben darf ich ſie nicht, aber ihnen den Schädel zur ſpalten ſteht mir frei!“
Die Wirkung dieſer Worte war indeſſen eine ganz an⸗ dere, als er erwartete. Schnell entſchloſſen raffte der eine der beiden Schmuggler einen am Boden liegenden dürren Baumaſt auf, ſtürzte damit auf Hagert los und rief ſeinem Gefährten zu:
„Mit dieſem Spürhund werde ich ſchon fertig! Halt' du dir nur den andern vom Leibe und dann bringe unſere Säcke in Sicherheit!“
„Hagert erkannte, daß es ſich hier um Tod und Leben handle. Durch eine raſche Bewegung wich er dem gewaltigen Schlage aus, den der Schmuggler nach ihm führte, und ver⸗ ſetzte dieſem einen Stich in die linke Schulter, der dem Ge⸗ troffenen einen lauten Schmerzensſchrei entlockte. Aber wie ſich ein verwundetes wildes Thier mit doppelter Wuth auf den Gegner wirft, ſo ſtürzte auch der Schmuggler wie raſend auf ſeinen Gegner los, und ehe dieſer noch zu einem zweiten Stoße ausholen konnte, hatte ihm Jener ſchon den Hirſch⸗ fänger aus der Hand geſchlagen und ihm einen ſo wuchtigen Streich auf den Kopf verſetzt, daß er lautlos zu Boden ſank.
Der Sieger beugte ſich über den Gefallenen, und als er im dämmernden Halbmondſchein ſah, daß deſſen Kopf gänzlich zerſchmettert war, rief er wild triumphirend aus:
„Der bellt und beißt nicht mehr!“
In dieſem Augenblick hörte der Schmuggler in ſeiner unmittelbaren Nähe eine Stimme rufen:
„Hierher, Chriſtoph— hier können wir ein Unglück ver⸗ hüten!“
Gleich darauf ſah er zwei Männer daherkommen, und um nicht entdeckt zu werden, wandte er ſich eilig zur Flucht.
Der Controlleur Welper hatte während der Zeit ſeinen Gegner vergebens verfolgt und war, nachdem er die Frucht⸗ loſigkeit ſeines Bemühens erkannt, nach dem Punkte zurück⸗ geeilt, wo er und Hagert zuerſt mit den Schmugglern zu⸗ fammen geſtoßen waren, in der Hoffnung, daſelbſt ſeinen Collegen bei den confiscirten Waaren zu finden. Als er dort anlangte, vermochte er keine Spur von Hagert und der ver⸗ meintlichen Beute zu entdecken. Er ging mehrere hundert Schritte zur Rechten und zur Linken und rief zu wieder⸗ holten malen den Namen ſeines Collegen— doch nichts als das leiſe Sauſen in den hohen Tannen und dann und wann der Schrei eines Raubvogels tief im Walde trafen ſein Ohr.
So hielt er es denn für das Beſte, nach dem Zoll⸗
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