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ein Unglück vorgefallen, und eilte ihr erſchrocken entgegen; ſobald er aber ihr fröhliches Geſicht gewahrte, beruhigte er ſich, führte ſie in das große Wohnzimmer und fragte nach der Urſache ihres ungewöhnlich frühen Erſcheinens.
Marie erzählte ihm darauf zuvörderſt, was ſie am ver⸗ floſſenen Abend von ihrem Oheim gehört, war aber nicht wenig verwundert, als Tarmin kein Zeichen von Ueberraſchung oder Abſcheu blicken ließ, ſondern bemerkte:
„Ich habe das Alles längſt gewußt.“
„Du haſt es gewußt?!“ rief das Mädchen höchlich er⸗ ſtaunt.„Wer hat dir's denn geſagt?“
„Dein Vater hat mir dies und noch einiges Andere von ihm erzählt, als ich um deine Hand anhielt.“
„Und du trugſt kein Bedenken, dich mit der Nichte eines Menſchen zu verloben, der ſeine Hände in Blut getaucht hat, und dem die Leute faſt nichts als Böſes nachreden?“
„Sollt' ich das, was dein Oheim gethan hat und thut, dir zur Laſt legen, liebe Marie?“
„Du haſt ein edles Herz“, verſetzte Jene gerührt,„und im Vertrauen auf deinen Edelmuth bin ich heute ſo früh hier⸗ her gekommen.“
„Was du Edelmuth nennſt, iſt nichts als meine Pflicht — ſage mir nur ohne Umſchweife, um was es ſich handelt.“
Der herzliche Ton, in welchem Tarmin dieſe Worte ſprach, gab Marien den Muth, ihr Anliegen vorzutragen. Sie ſchilderte ihm die grauenerregende Seelenſtimmung, in der ſich ihr Oheim befand, und fuhr dann fort:
„Du haſt kürzlich einmal geſagt, Gott habe dir ſo viel gegeben, daß wir Beide nebſt deiner Mutter behäglich davon leben könnten, und daß wir den Hof in Wieritz, den du als deine Mitgift betrachten mußt, nicht verkaufen, ſondern als einen Zufluchtsort für uns, für deine Mutter oder meinen Oheim behalten wollten.“
„Ja, das hab' ich geſagt“, entgegnete Jener,„und ich wiederhole dir noch einmal, daß ich an keine Mitgift gedacht, als ich um dich warb.“
„Bin ich erſt einmal deine Frau“, fuhr das Mädchen fort,„ſo werd' ich vom Morgen bis zum Abend nur darauf ſinnen, wie ich dir das Leben erleichtern kann: deine Mutter will ich auf den Händen tragen und jede Laſt und jede Sorge ſo von ihr fern halten, daß nie der Wunſch in ihr entſtehen ſoll, dieſen ſchönen Ort zu verlaſſen. Für meinen armen Oheim aber kann ich wenig oder nichts thun, und darum bitt' ich dich inſtändig, laß ihn für die Zeit ſeines Lebens auf meines Vaters Hofe wohnen! Er kann dann ſein Haus in Nerbin verkaufen und mit dem daraus gelöſten Gelde ſeine Schulden bezahlen. Je eher er ſeinen jetzigen Verhältniſſen entriſſen wird, deſto beſſer. Als er geſtern Abend zu mir ſagte:„Mir blühen keine Roſen mehr!» gerieth ich plötzlich auf einen glücklichen Einfall. Am Sonntag über vierzehn Tage iſt ſein Geburtstag!— wie wär's, wenn wir heimlich vom Amt eine Schrift aufſetzen ließen, worin der Hof in Wieritz für ſein lebenslängliches Eigenthum erklärt wird und ihm das Papier zwiſchen lauter Spätroſen aus meines Vaters Garten legten? Ich glaube, von dem Tage an würde er noch einmal wieder fröhlich werden.“
„Wer ſolch ein Mädchen zur Braut hat, kann leicht edelmüthig ſein!“ rief der junge Müller, ſeine Rührung hin⸗ ter fröhlichem Lachen verbergend.„Hier haſt du meine Hand zum Pfande, am Sonntag über vierzehn Tage iſt der Hof in Wieritz Eigenthum deines Oheims. Vergiß dann nur die Roſen nicht!“ fügte er hinzu.„Findeſt du in Wieritz nicht mehr genug, ſo kann unſer Garten vielleicht noch einige liefern.“
Marie hatte ſchon manche freudige Stunde in der Mühle verlebt— aber ſo herzinnig froh wie an dieſem Tage war ſie noch nie geweſen, und als ſie gegen Mittag in Nerbin wieder eintraf und ihren Oheim ſo finſter wie ſonſt daſitzen ſah, dachte ſie:
„Vierzehn Tage ſind doch eine entſetzlich lange Zeit, wenn man Jemand heimlich eine Freude bereiten will.“
Seit der Unterredung zwiſchen Marie und ihrem Ver⸗
lobten war etwa eine Woche vergangen, als eines Abends kurz vor Mitternacht im bleichen Halbmondſchein zwei ſeltſame Geſtalten mit einem Sack auf dem Rücken aus dem öſtlich vom alten Schloß gelegenen Walde hervorkamen, ſcharf nach allen Seiten umherſpähten und dann langſam auf das Letz⸗ tere zuſchritten. Die Geſichter Beider waren pechſchwarz— eine mit ſchwarzer Oelfarbe angeſtrichene Juckermaske“) be⸗ deckte ſie. Auf dem Kopfe trug Jeder eine enganliegende dunkle Mütze; ungewöhnlich hohe Waſſerſtiefeln umſchloſſen die Beine.
Es waren zwei Schmuggler, welche verſchiedene ſteuer⸗ pflichtige Waaren auf dieſem einſamen Pfade über die Grenze nach der nächſten Stadt ſchaffen wollten. Schon ſeit einer Reihe von Jahren hatten die Schmuggler dieſen Weg gewählt, weil die nächſten Zollſtationen ziemlich weit entfernt waren und die Controleure nicht vermutheten, daß die Verwegenen den Fluß an einem Punkte durchwateten, wo er tiefer als irgendwo ſonſt war. Auch die heimliche Scheu der Leute vor dem verfallenen Schloß und die von Mund zu Mund gehenden ſeltſamen Sagen von dieſem hatten die Schmuggler beſtimmt, ihren Weg über den Burgberg zu nehmen, der überdies noch manche Schlupfwinkel darbot, welche den Meiſten nicht bekannt waren. Einzelne Bewohner der umliegenden Gegend vermutheten zwar, was die bei Nacht hin⸗ und herwandelnden Geſtalten zu bedeuten hatten, allein ſelbſt wenn ſie es auch zuverläſſig gewußt, würde doch keiner von ihnen den Angeber geſpielt haben.
Als die beiden Schmuggler die alten Trümmer er⸗ reichten, machten ſie Halt, ſetzten ihre Bürde nieder, nahmen die Masken ab, trockneten ſich den Schweiß von der Stirn und begannen mit leiſer Stimme ein Geſpräch.
„Mir ahnt, als ob die Controleure uns auf der Spur wären“, ſagte der Größere.„Der Wirth in Polentin flü⸗ ſterte mir geſtern zu, daß der Herr Hagers, der von allen Zollbeamten die Schmuggler am meiſten haſſe, vor einigen Tagen mit ſeinem neuen Collegen dort geweſen ſei und mit allerlei prahleriſchen Redensarten um ſich geworfen habe.
„Den Prahlhans fürcht' ich weit weniger als ſeinen Collegen“, verſetzte der kleinere Schmuggler.„Der Welper oder wie er ſonſt heißen mag, ſoll eine ſehr feine Spürnaſe beſitzen und gelobt haben, daß er unſere Schliche, bevor ſechs Monate vergangen, entdecken werde.“
„Nun, wenn's geſchieht, ſuchen wir uns einen andern Weg.“ „Einen beſſern können wir nirgends finden.“
„Ich weiß wenigſtens einen gleich guten— nur iſt er weit beſchwerlicher.“
„Den möcht' ich kennen!“
„Die Hügel drüben gegen Mittag ſind alle mit dichtem Wald bewachſen. Wenden wir uns von Polentin gleich zur Linken und halten uns ſtets auf dem Grat der Höhen, ſo kann uns kein menſchliches Auge von fern erblicken, da wir bis zum Fluſſe nie aus dem Gehölze herauskommen. Wir müſſen zwar manchmal tüchtig bergan ſteigen, aber dafür brauchen wir auch weniger auf der Hut zu ſein und können mit einer leichten Tracht in einem Zuge von Polentin bis zum Fluß marſchiren.“
„Das läßt ſich allerdings hören, und wir thäten viel⸗ leicht gut, wenn wir nächſtens dieſen Weg einmal ein⸗ ſchlügen.“
„Aber der Mond verkriecht ſich gerade hinter Wolken— laß uns weiter gehen, damit wir die kahle Stelle hinter uns haben, wenn er wieder hervor kommt.“
Beide Schmuggler banden ihre Masken wieder vors Ge⸗ ſicht, warfen die Säcke über die Schulter, ſpähten ſcharf ins Thal hinab und ſchritten dann langſam dem gegen Weſten gelegenen Walde zu.
Sie waren dem letztern bis auf einige hundert Schritte nahe gekommen, da ließ ſich plötzlich in einiger Entfernung
*) Ein Drahtgeflecht, welches die Bienenzüchter zum Schutz gegen die Bienen tragen.
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