ehrlicher Mann thut, der auf ſolche tückiſche Weiſe um ſeinen guten Namen gebracht werden ſollte!“ rief ich.
„Mit dieſen Worten packte ich den Elenden am Kragen, ſchleppte ihn trotz ſeines Sträubens nach der Hausthür und warf ihn wie einen Ball auf die Straße. Dann kehrte ich zu den Uebrigen zurück und ſagte:
„„Da ihr ohne Zweifel nichts von Reſow's Bubenſtück gewußt habt und von ihm gegen mich aufgehetzt worden ſeid, ſo will ich euch diesmal euer Unrecht vergeben— das nächſte mal kommt ihr nicht ſo leichten Kaufes davon!»
„Trotz ihrer ungerechten Feindſchaft gegen mich beſaßen die Drei ſo viel Ehrlichkeit, daß ſie die heimtückiſche Hand⸗ lungsweiſe Reſow's aufs Entſchiedenſte misbilligten und mich um Verzeihung baten. Sie verließen das Zimmer, und ich ſchritt hinter ihnen her, um das mir heimlich Zugeſteckte aus der Scheune zu entfernen.
„In dieſem Augenblick ſtürzte Reſow, ein Beil in der Hand, wuthſchäumend wieder ins Haus, drang auf mich ein und verſetzte mir, ehe ich noch einen Gedanken faſſen oder einen Schritt thun konnte, einen heftigen Schlag, der für meinen Kopf beſtimmt war, den ich aber durch eine unwill⸗ kürliche Bewegung mit meinem linken Arme auffing, ſo daß nur der obere Theil des letztern ſchwer getroffen wurde.
„Dieſe maßloſe Schändlichkeit raubte mir alle Beſin⸗ nung.
„„Alſo auch den Mörder und Henkersknecht willſt du ſpielen!» ſchrie ich ihm zu, ſprang zur Seite, riß einen Spaten von der Wand der Hausflur und ſtürzte damit auf ihn los. Er wollte zu einem zweiten Schlage ausholen, allein ehe er noch das Beil erhoben hatte, fuhr das Eiſen meines Spatens ſchon mit ſolcher Wucht auf ſein Haupt nieder, daß er laut⸗ los zu Boden ſank.
„Alles das war das Werk weniger Augenblicke ge⸗ weſen“, fügte Gramhow nach kurzem Schweigen tief aufſeuf⸗ zend hinzu,„als die Uebrigen entſetzt herbei ſprangen, um
uns zu trennen, lag Reſow ſchon regungslos zu meinen
Füßen.
„Es ward raſch ein Arzt aus der Stadt geholt, der je⸗ doch erklärte, daß Reſow unrettbar verloren ſei. Die mit ihm eingetroffenen Gerichtsperſonen nahmen ein Protokoll über den Vorfall auf, und da meine drei Feinde ſo wie der alte Legionär mir bezeugten, daß ich auf die heimtückiſchſte Art von Reſow verdächtigt uud angefallen worden war, ſo blieb meine raſche That als Nothwehr unbeſtraft.
„Jeder, der das ſchreckliche Ereigniß hörte, ſprach mich von aller Schuld frei, und ich ſelber glaubte das, was ich gethan, vor meinem Gewiſſen rechtfertigen zu können— aber trotzdem hab' ich ſeit jener unſeligen Stunde keinen frohen Augenblick wieder gehabt. Bei Tag und bei Nacht ſah ich die blutige Geſtalt des Erſchlagenen mit der breiten, klaffen⸗ den Stirnwunde vor mir ſtehen— oft fuhr ich jäh aus einem ſchrecklichen Traum empor— es war mir, als hätt' ich ſeine Stimme gehört, die mir das Wort„Mörder! zu⸗ gerufen.
„Ich wähnte, die Zeit werde beruhigend auf meine Seele wirken— ich täuſchte mich. Der Gedanke, daß mich, der ich harmlos und fröhlich unter Gottes Himmel dahin ge⸗ gangen, die Bosheit und der Uebermuth der Menſchen zu einer grauſigen That getrieben und mir das ganze Leben vergällt hatten, peinigte mich unbeſchreiblich, und in meinem Herzen gewannen allgemach eine Bitterkeit und ein Menſchen⸗ haß Raum, die ich kaum für möglich gehalten.
„Zu dieſer innern Qual kam noch eine äußere. Als ich eines Abends finſter vor mich hinſtarrend durch das Dorf ging, hört' ich plötzlich unmittelbar neben mir eine gellende Stimme ſchreien:„Das iſt der Mörder!» und als ich ent⸗ ſetzt aufblickte, ſah ich die junge Frau des Erſchlagenen mit wilder, drohender Geberde vor mir ſtehen.
„„Laßt ſie um Gottes willen gewähren— ſie iſt heute morgen irrſinnig geworden! flüſterte mir die unverheirathete Schweſter Reſow's zu, die ihr nachgeeilt war und ſie auf alle Weiſe zu bewegen ſuchte, nach Hauſe zurückzukehren.
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„Ihren fortgeſetzten Bemühungen gelang es, die laut Schreiende und Tobende mit fortzu iehen, ich aber ſtand noch lange wie gebannt da— der ſchaurige Klang des Wortes (Mörder» lähmte mir alle Glieder.
„Wenige Tage darauf traf ich abermals mit der un⸗ glücklichen Witwe zuſammen, die in den Zeiten, wo ihre Geiſteszerrüttung ſich offenbarte, unter ſchrecklichen Verwün⸗ ſchungen meinen Namen rief und mich überall ſuchte.
„Der Boden in Cheilitz brannte mir unter den Füßen. Ich verkaufte mein Haus und hielt mich bald hier und bald da auf, bis ich endlich vor zehn Jahren nach Nerbin zog. Hier fand ich die gehoffte Ruhe auch nicht. Zuerſt ſchmerzte es mich ganz unbeſchreiblich, daß dein Vater, der mir ſonſt eine ſo brüderliche Liebe bewieſen hatte, und an dem ich mit ganzer Seele hing, ſich kalt von mir abwendete, weil ich eine Blutſchuld auf mich geladen. Wenn ich ihn ſah und mit ihm ſprach, fiel mir immer die glückliche Jugendzeit ein— wenn ich dann aber kein herzliches Wort aus ſeinem Munde hörte, kam ich mir wie ein von aller Welt Ausgeſtoßener vor.
„Ein anderer Schlag, der mich traf, war der dir ſchon be⸗ kannte Verluſt des größten Theils meiner Erſparniſſe:— er machte mich aber noch erbitterter und menſchenfeindlicher und verleitete mich zu manchen unbeſonnenen und gefährlichen Unternehmungen, von denen ich jetzt nicht weiter reden will.
„Um das Maß meines Unglücks voll zu machen, ver⸗ heirathete ſich die Schweſter Reſow's mit einem Hofbeſitzer in Wollnow und nahm ſpäter die Irrſinnige zu ſich, von der ich mich wiederum heimlich verfolgt ſah, nachdem ſie zufällig meinen Aufenthaltsort entdeckt hatte.
„Jetzt weißt du, was mich gegen die Menſchen und gegen mein Schickſal ſo erbittert hat“, ſchloß Grambow ſeine Erzählung.„Ich könnte oft blutige Thränen weinen, wenn ich daran denke, daß ich mit Gewalt von der Bahn des Guten geriſſen und in eine Wüſte hinausgeſtoßen worden bin, in der Tauſende ohne Pfad und Ziel herum irren und nur
zu oft in ihr Verderben rennen.“
Marie hatte der Erzählung ihres Oheims mit den ver⸗ ſchiedenartigſten Empfindungen gelauſcht; ihre Scheu und Angſt vor dem angeblichen Mörder hatten ſich in tiefes Mitleid ver⸗ wandelt; aber gleichzeitig fühlte ſie auch, daß er um jeden Preis ſo bald wie möglich an der Fortſetzung ſeiner geheim⸗ nißvollen, unbeſonnenen und gefährlichen Unternehmungen verhindert werden müſſe, damit er nicht in ſein Verderben renne. Sie erkannte, daß dieſer Zweck ſich am ſicherſten er⸗ reichen laſſe, wenn ihr Oheim ſo bald als möglich den Hof in Wieritz erhalte, und der Gedanke, daß ſie einen Verzwei⸗ felnden mit ſeinem Geſchick wieder ausſöhnen könne, erfüllte ſie mit unausſprechlicher Freude. So ſtand ſie denn auf, reichte ihrem Oheim die Hand und ſagte mit dem Ausdruck der innigſten Theilnahme:
„Du haſt viel Trauriges erlebt, und ich beklage dich von ganzem Herzen, aber höre meine flehentliche Bitte: thu' in deiner Erbitterung keinen Schritt, durch den du deinem Verderben entgegen gingeſt. Ich habe mir etwas ausgedacht, wodurch du noch einmal wieder fröhlich werden kannſt
„Laß mich nur weiter durchs Leben irren“, unterbrach ſie ihr Oheim mit unſagbar ſchmerzlichem Ton;„mir blühen keine Roſen auf Erden mehr!“
Nach dieſen Worten wandte er ſich raſch von ihr ab, wünſchte ihr gute Nacht und begab ſich in ſein Schlaf⸗ gemach.
„O, ich kenne doch Roſen, welche dir blühen ſollen!“ ſprach Marie mit feuchten Augen vor ſich hin, indem auch ſie ihr Kämmerlein aufſuchte.„Heinrich hat mich gelehrt, was ich zu thun habe!“
4.
Der junge Müller war ſehr erſtaunt, als er am nächſten Morgen ſchon in aller Frühe ſeine Verlobte in die Mühle treten ſah. Im erſten Augenblick glaubte er, es ſei irgend⸗
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