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Auſtrirtes Volkshlatt— Herausgeber: Hans Wacherhuſeu.
N. Jahrgang. 1868.
N 47.
Am verfallenen Schloß.
— Eine Erzählung aus dem wendiſchen Volksleben.
Von Eduard Ziehen.
(Fortſetzung.)
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eines Wortes mächtig, ſaß das leiſe ſchluchzende Mäd⸗ chen da Grambow ſchritt einige mal ſchweigend durch das Zimmer, nahm dann wieder am Tiſche Platz und hob darauf folgendermaßen an zu erzählen:
„Als mein Vater geſtorben war, miethete ich mir in Cheilitz ein kleines Haus und begann mit meinem Erbtheil einen Pferdehandel, der bald ſo viel eintrug, daß ich daſſelbe nach einigen Jahren käuflich an mich bringen konnte. Mit⸗ unter war ich monatelang abweſend, zu andern Zeiten hielt ich mich auch mehrere Wochen in meiner neuen Heimat auf und führte dann ein bequemes, fröhliches Leben.
„Da ich in kainer Weiſe von den großen Hofbeſitzern ab⸗ hängig war, die auf ihren Reichthum pochten und die ſoge⸗ nannten kleinen Leute über die Achſel anſahen, ſo ließ ich mir nicht das Geringſte von ihnen gefallen und machte mir da⸗ durch manchen Feind.
„Einer meiner Hauptgegner war ein übermüthiger reicher junger Schenkwirth, Namens Reſow, dem ich mehrmals tüch⸗ tig die Wahrheit geſagt und den ich dadurch maßlos erbittert hatte. Er ſuchte bei jeder Gelegenheit mit mir anzubinden, zog aber in der Regel den Kürzern. Rächen wollte er ſich an mir, und ſo erſann er denn einen Plan, durch den er mich aufs tiefſte zu demüthigen und der allgemeinen Verachtung preiszugeben gedachte. In ſeiner blinden Wuth gegen mich ging er ſo unvorſichtig und plump zu Werke, daß er ſelber in ſein Verderben rannte.
„Als mein Nachbar, ein treuherziger, rechtſchaffener alter Invalide, der vor Zeiten in der engliſch⸗deutſchen Legion ge⸗ dient hatte, einſt ſeiner Gichtſchmerzen wegen des Nachts nicht ſchlafen konnte, hörte er draußen ein eigenthümliches Geräuſch, wie wenn ein Sack über den Erdboden hin geſchleift werde.
„Er ſtand auf, trat ans Fenſter und ſah, daß ein Mann einen vollen Sack in meinen Hof ſchleppte und deſſen Inhalt behutſam durch eine offen ſtehende Luke warf. Dies Beginnen kam ihm verdächtig vor; er eilte, ſo ſchnell er vermochte, in ſeinen Garten, ſchlich leiſe an die Planke hinan, die dicht an der Stelle vorüber lief, wo der Mann mit dem Sack beſchäftigt war, ſchaute durch ein Aſtloch und erkannte in ihm meinen Todfeind Reſow.
„Der ehrliche Invalide ſchlich kopfſchüttelnd wieder in ſein Haus— er begriff nicht, wozu der reiche Schenkwirth mir bei Racht ſelber Rüben und Kartoffeln in die Scheune warf, theilte mir aber am andern Morgen mit, was er geſehen. Wachenhuſen's Hausſreund. XI. 16.
„Am nächſten Abend ward die Sache klar. Kurz vor Einbruch der Dämmerung trat Reſow mit drei andern Feinden von mir in mein Zimmer und zeigte mir an, daß in der letzten Zeit verſchiedene Felddiebſtähle in Cheilitz vorgekommen und daß er und ſeine Begleiter von der Gemeinde beauftragt ſeien, Bauernrecht*) zu üben und in meinem Hauſe und Hofe nachzuſehen, ob ſich von den entwendeten Rüben und Kar⸗ toffeln vielleicht auch einige bei mir vorfänden.
„Der Grimm über dieſe bodenloſe Frechheit und Schur⸗ kerei empörte mich über alle Maßen, allein es gelang mir, mich zu beherrſchen. Ich öffnete das Fenſter und bat den alten Legionär, der vor ſeiner Hausthür ſtand, auf einige Minuten herüber zu kommen.
„«Was habt Ihr in der vorigen Nacht geſehen, Jar⸗ neik!“ fragte ich den alten Krieger, als er an ſeinem Stocke herein gehumpelt war.
„«Ich ſah durch ein Aſtloch in der Planke, daß ein Mann einen Sack in den Hof Grambow's ſchleifte und die Rüben und Kartoffeln, die darin waren, durch eine Luke in die Scheune warf», verſetzte der Legionär.
„„Und der Schurke, der es gethan, ſteht hier!» ſchrie ich, plötzlich vor Reſow hintretend und mit dem Finger auf ihn zeigend.(Er ſteckt mir Rüben und Kartoffeln bei Nacht und Nebel in meine Scheune und will mich dann als Dieb anklagen!»
„Der heimtückiſche Menſch ward todtenbleich vor Aerger über das Mislingen ſeines Bubenſtücks und vermochte im erſten Augenblick kein Wort hervorzubringen; er faßte ſich jedoch ſchnell und ſagte mit trotziger Geberde:
„„Wie könnt Ihr Euch unterſtehen, in ſolchem unver⸗ ſchämten Tone mit mir zu ſprechen? Ich werde Euch ſogleich zeigen—
„Ich ließ ihn nicht ausreden, ſondern wandte mich an den alten Krieger und fragte:
„«Könnt Ihr mir bezeugen, daß es Reſow geweſen iſt, der mir in der vorigen Nacht heimlich die Rüben und Kar toffeln in die Scheune geſteckt hat?“
„„Ja, das kann ich“, lautete die Antwort.
„„Nun, dann will ich dieſem Schurken zeigen, was ein
*) Dieſe gegen grundbeſitzloſe oder verdächtige Dorfbewohner ohne Vorwiſſen der Obrigkeit früher in Anwendung gebrachte Haus⸗ ſuchung wurde„Bauernrecht“ genannt.
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