Jahrgang 
1868
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In weniger als fünf Minuten hatten wir etwa zwanzig Todte, die alle regungslos auf dem Rücken lagen. Ich weiß nicht, erſtickten die Thiere in den Düten oder machte der Schreck eine ſo betäubende Wirkung auf ſie. Nur einzelne gaben noch Lebenszeichen, als wir ſie von den Düten befreiten. Jedenfalls war dieſer Rabenfang für mich eins der originellſten Schauſpiele. W.

Schiffsſcene.

Es iſt doch etwas Mächtiges um den Handelsgeiſt. Er entführt den Sohn von der Mutter, den Mann von der Frau; er treibt den amerikaniſchen Pedlar unter die wilden Rothhäute, und mehr noch als dieſes, er führt den jüdiſchen Trödler übers Waſſer, trotz ſeiner traditionellen Balkenloſigkeit.

Wir ſehen auf dem vorliegenden, von Webb recht lebendig ent⸗ worfenen Bilde einen ſolchenPionnier des Handels, wie er vor zwei holländiſchenSeebären ſeine Koſtbarkeiten auskramt. Das Ge⸗ ſchäft ſcheint aber ſchlecht zu ſein, denn ſchon hat er faſt ſeinen ganzen Kaſten ausgepckt und vorgezeigt, ohne daß die Herrenanbeißen. Da bringt er zur rechten Zeit eine Uhr. Die Käufer werden auf⸗ merkſam, der Trödler entwickelt den ganzen Schatz ſeiner Beredſam⸗ keit, er preiſt den richtigen Gang, die quatre trous en pierre, kurz, das Geſchäft wird jedenfalls zu ſeiner Zufriedenheit abgeſchloſſen werden. Haben ſie ihn auch vorher gehöhnt und geneckt, was ſchadet's? Er tröſtet ſich mit der alten Redensart ſeiner Glaubens⸗ genoſſen: Laß dich ſchinden, laß dich treten, nur verdiene Geld!

Siegmund Haber.

Verhungert.

Die in London erſcheinende WochenſchriftHermann enthält folgende Schilderung der Noth in London:

Eine neue Scene Londoner Elends wurde in der zweiten Woche des December v. J. bekannt, deren markerſchütternde Einzelheiten an ein Drama erinnern, das vor mehrern Jahren in Berlin wahr⸗ haftes Entſetzen erregte, da fünf oder ſechs Perſonen dort um einen Tiſch herum ſitzend todt gefunden wurden.

Sie hatten den Hungertod gewählt, ihn mit einer wahrhaft ent⸗ ſetzlichen Ruhe erwartet; er kam, umarmte und erlöſte ſie, ſie, die zu ſtolz oder zu verſchämt geweſen, um die bittende Hand aus⸗ zuſtrecken, um als Hülfsbedürftige die Schwelle Beſitzender zu über⸗ ſchreiten. Aehnlich draſtiſch iſt das letzte Londoner Ereigniß.

Wir führen den Leſer in ein elendes Gemach des Hſtendes der Rieſenſtadt, in welchem bereits des Winters Kälte die nackten Ge⸗ ſtalten der Armuth und des Elends in die Straßen, an die Thüren der Mildthätigen oder an die Pforten der Armenhäuſer getrieben hat. Die nackten Wände erhſtalliniſch überzogen von Reif, kein glim mender Funken im Kamin, kein Stuhl, kein Bett und keine Hülle. Hingeſtreckt, mit der kalten Stirn auf dem Boden, liegt der Vater, regungslos zuſammengekrümmt nicht weit von ihm die Mutter, und geſpenſterhaft ſtarren fünf junge Weſen nach ihm, der nicht mehr hören will, nach der Mutter, die nicht mehr helfen kann. Nach Brot rufen die kranken, bleichen Lippen.

Kein Viſſen Brot, winſelt das im Delirium ſich windende jüngere Mädchen.

Wecke den Vater, Ada, bittet der vierzehnjährige Knabe.

Er will nicht mehr hören, wenn ich ihm noch ſo laut ins Ohr rufe, antwortet die Schweſter.

Brot, Brot, ertönt es wieder in markerſchütternder Ein⸗ tönigkeit.

H! hebt den letzten Biſſen für das Bahh auf! ruft das zweite Mädchen.

Doch der letzte Biſſen war ſchon längſt verzehrt, ihn hatte die Mutter noch gekauft, mit ihrem letzten Kleidungsſtücke, mit ihrer letzten Kraftanſtrengung.

So fand ein Nachbar dieſe furchtbare, kalte Hütte des Todes und des Elends. Nachdem er längere Zeit vergebens an die Thür geklopft hatte, öffnete er dieſelbe gewaltſam. Da lag der Vater in einem Schlafe, von dem es kein Erwachen gibt. Neben einem Hau⸗

fen von Lumpen krümmte ſich ein Säugling; in der Mitte lag ein

Bündel, auf das er treten wollte, um das Zimmer zu durchſchreiten. Das iſt die Mutter! rief der Knabe. Sie war bewußtlos, erſtartt, obgleich infolge einer gewiſſen Nervenanſpannung jede Berührung einem elektriſchen Schlage gleich wirkte. Sie wußte nicht, daß der Gatte ſeit 24 Stunden im Todes⸗

ſchlaf die Qualen des Lebens vergeſſen hatte; ſie hörte nicht das Wimmern ihrer Kleinen ſie ſelbſt, obgleich noch lebend, hatte auf⸗ gehört zu denken und zu fühlen.

Der Menſchenfreund ſchaffte ſofort Hülfe. Feuer erwärmte den Raum; durch Branntwein wurden die Lippen der dem Verſchmachten Nahen genetzt, um den ſchwindenden Lebensfunken wieder anzufachen. Die Leiche wurde entfernt, die Mutter und die Kinder, mit Aus⸗ nahme der kleinen Ada, die bereits zu ſehr geſchwächt war, dem Armenhauſe übergeben, wo eine ſorgfältige Pflege den Körperzuſtand der Armen wol gebeſſert hat.

Kurz iſt die Erzähluug des älteſten Knaben; doch ſie genügt in ihrer Einfachheit zur Vollendung des ſchauerlichen Bildes, das wir in kurzen Zügen zu entwerfen geſucht haben.

Sehr oft, ſagt er,ſind wir ganz ohne Nahrung geweſen, und häufig mußte die Hälfte eines Brotes morgens, die andere abends genügen. Stück für Stück wurden die Möbel verkauft, bis endlich nichts als die Bekleidung der Mutter übrig blieb, welche ver⸗ ſetzt wurde, um vom Bäcker ein Brot zu erhalten. Als der Vater ſich am Sonntag aufrichten wollte, fiel er, nach verſchiedenen ver⸗ geblichen Verſuchen, auf das Geſicht und blieb ruhig und ſtill liegen. Er lag ganz ſtill; wir dachten, er ſchliefe!

Vor wenigen Jahren war der vom Hungertode aus dem Kreiſe der nach Brot rufenden Kleinen, von der Seite der darbenden Gat⸗ tin entführte Pritchard ein wohlhabender Mann. Hatte er ein Ver⸗ brechen begangen, für das ihn die weiſe Vorſehung verantwortlich ge⸗ macht und für das ihn die gütige Menſchheit zu beſtrafen hatte⸗ Er hatte für den Freund gebürgt, und das iſt in den Augen des kalten Menſchenverſtandes ein Verbrechen, das die Todesſtrafe verdient. Mit 3000 Pf. St. eröffnete er ein Cigarrengeſchäft; die Zahlung für den Freund gab ihm den Bettelſtab in die Hand. Drei Jahre lang kämpfte und rang er gegen die Noth, indem er von Haus zu Haus Putzpulver verkaufte. Mit den Kindern wuchſen und mehrten ſich die Anſprüche, während die Kräfte des Ernährers ſanken und ſich die Menſchen, ja die Freunde von der Schwelle der Armuth zurück⸗ zogen. Nur die Miethe zahlte der Schwager, und das letzte Gold⸗ ſtück erntete der wohlthätige Beſitzer.

Pritchard zog den Tod in der Mitte der Seinen der Galgenfriſt im Arbeitshauſe vor. 5

Andere Zeiten, andere Sitten.

Als der Kurfürſt Auguſt von Sachſen ſein ſiebentes Kind, den Prinzen Auguſt, am 25. October 1569 taufen ließ, bat er den da⸗ maligen Superintendenten, den Pfarrer Daniel Graſer in Dresden, zum Taufpathen. Dem nach altem Stil in rieſig großem Format abgeſandten Gevatterbriefe waren dieſe Worte beigefügt:Uibrigens mache Er ſich keinerley Ungelegenheiten, und binde Er nicht uiber einen Rheiniſchen Gold-Gülden ein. H. U.

Redacti

on. ſn

1

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S. P. in N. Leider nein. Iſt uns zu lang und zu wenig von allgemeinem Intereſſe.

K. A. in B. Der Bewußte iſt ſchon ſeit mehrern Monaten, wenn wir nicht irren, in Amerika.

F. J. Wo K. G. ſich augenblicklich befindet, iſt uns unbekannt. Manuſcript wird ſofort geleſen.

M. K. in B. Eine ſehr geſcheidte Idee. Nichts iſt unſicherer als die litera⸗ riſche Carridre.

R. N. in M. Ob es ſſe heirathen oder nicht heirathen? Schwer zu beant⸗ worten. Der Herausgeber denkt darüber ſchon ſeit zehn Jahren nach.

Fr. G. in E. Wozu dieſe läſtigen Anfragen!

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Verlag der Hausfreund⸗Expedition(E. Graetz) in Berlin, Kronenſtraße Nr. Verantwortlicher Herausgeber: Hans Wachenhuſen.

Haupt⸗Expedition und Druck bei F. A. Brockhaus in Leipzig.

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