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politiſche Ereigniſſe
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ſcheinen ſeitdem die Stellung Piemonts mehr befeſtigt zu haben, und Sie werden ohne Zweifel einſehen, daß ich in einem ſolchen Augenblick keinen Entſchluß faſſen kann, den nur eine abſolute Nothwendigkeit rechtfertigen dürfte.“ So ver⸗ gingen wieder einige Wochen voll„Schwebe“ und Ungewißheit, und in einem Briefe vom 4. Mai ſagt ſie:„Entſcheidende Schritte ſind in Turin gethan worden, und ſpäteſtens bis zum 15. dieſes Monats müſſen wir eine kategoriſche Antwort erhalten. Sollte dieſe zu Gunſten Ihres Vorhabens ausfallen, ſo dürfte ich am 25. ſchon in London ſein. Ich fühle, wie höchſt ſchwierig und unangenehm Ihre Lage iſt, und würde in der That glücklich ſein, wenn es in meiner Macht ſtünde, dieſe ſchmerzliche Unge⸗ wißheit zu enden; aber Sie werden ohne Zweifel auch einſehen, mit welchen Schwierigkeiten und welcher Delicateſſe wir zu thun haben. Sobald ich wieder Mademoiſelle Sontag bin, ſoll Ihr Intereſſe auch ganz das meinige ſein, ja von ganzem Herzen und von ganzer Seele!“ Der Monat Mai ging indeſſen zu Ende, ohne etwas Definitives herbeigeführt zu haben. Der Graf hatte günſtigere Nachrichten von Turin erhalten, und er ſowol als auch die Gräfin hofften, daß ihre beiderſeitige Geſellſchaftsſtellung die alte bleiben würde. Der einzige Troſt, den Mr. Lumley empfing, war, daß„le dernier mot n'est pas encore it
Endlich kam aber der entſcheidende Augenblick. Der Ge⸗ ſandte hatte ſeinen Poſten verloren; die Geſandtin ihre geſell⸗ ſchaftliche Weltſtellung. Henriette Sontag ward von Neuem geboren. Sie nahm nicht nur einen Contract für 1849, ſondern
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auch für 1850 unter höchſt günſtigen Umſtänden an, und im Juni des Jahres 1849 wurde das artiſtiſche Feldgeſchrei:„die Sontag kommt“, die Tagesfrage in London. Nach einundzwanzig Jahren ſollte ſie wieder erſcheinen, unverändert, eine wahre prima donna assoluta! Vor einundzwanzig Jahren hatte ſie als rei⸗ zendes junges Mädchen im königlichen Opernhauſe eines der ſchlechteſten, gemeinſten, niederträchtigſten Könige der Jetztzeit(man ſchaudert unwillkürlich, wenn man den Namen Georg IV. von England mit dem eines reizenden jungen Mädchens in einem Satze zuſammenbringen muß!) geſungen, der als erſter Gentleman von Europa damals den Ton angab. Dieſer elende alte Sünder war jetzt zu ſeinen Vätern(ein ſchönes vierblätteriges Kleeblatt: The four Georges 1) verſammelt worden, und eine junge liebens⸗ würdige Königin ſaß auf dem Thron der Pefenders of the Faith.*) Eine alte Generation war verſchwunden, wie viel auch vom alten Sauerteig im Denken und Handeln zurückgeblieben. Junge Dandies fragten ſich, was ſie von der angebeteten Prima⸗Donna ihrer diſſoluten Großväter und Väter zu erwarten haben würden. Und überall daſſelbe Gerücht: Sie iſt noch dieſelbe; dieſelbe Stimme, daſſelbe Lächeln, derſelbe Liebreiz, dieſelbe diva, dieſelbe Zerlina, dieſelbe Suſanna, dieſelbe Linda!
*)„Vertheidiger des Glaubens“, ein Titel, den der engliſche Blaubart, Heinrich VIII., als Gegner des Papſtes und der römiſch⸗ katholiſchen Religion, ſich ſelbſt und infolge deſſen allen engliſchen
Königen beilegte. (Schluß folgt.)
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Feuil
Aus aller Welt.
XXXIX. Das Kabelnetz.— Die Marquiſe de Caux.— Die Finanz auf der Menſur.— Der Kaufmann auf dem Thron.— Ein abyſſiniſcher Abenteurer.— Die allerhöchſten
Tabacksfabrikanten.— Zur Emancipation der Frauen.
In meiner letzten Plauderei ſchrieb ich von dem neuen atlan⸗ tiſchen Kabel, das im nächſten Jahre von Breſt nach New⸗York ge⸗ legt werden ſoll. Bei dieſer Gelegenheit erfährt man von den über⸗ haupt beſtehenden unterſeeiſchen Linien, der Zeit ihrer Legung und ihrer Länge nach engliſchen Meilen.
Route Datum Meilen
Dover— Calais. 1850 24 Dover— Oſtende.. 1852 76 Holyhead— Flowth 1852 65 England— Holland. 1853 115 Port⸗Patrick— Donaghadéee.. 1853 26 Silien Cörſica 1854 65 Corſica— Sardinien. 1854 10 Dänemark— Großer Belt.. 1854 15 Dänemark— Kleiner Belt. 1854 5 iemart Sind 1855 4 Schottland— Frith of Forth 1855 4 Im Schwarzen Meer.. 1855 400 Solano— Inſel Wight. 1855 3 Meerenge von Meſſina. 1856 5 Golf von Northumberland. 1856 74 Bosporus.. 1856 1 Neüſchottland.. 1856 2 St.⸗Petersburg— Cronſtadt 1856 10 Das atlantiſche Kabel Valencia— Trinith⸗Bay 1858 1950 1866 1852 Daſſelbe, Placentia— Sidney. 1867 300 Malta⸗Alexandrien pr. Tripolis und Benghaſi 1861 1330 Fao— Kurſachw.. Cehlon 1866 35 Cuba Florida— Havanna. 1866 244 5855
leton.
Das unterſeeiſche Netz hätte alſo hiernach gegen 10,000 engliſche Meilen. Die Berechnung erſcheint ſehr fehlerhaft, indeß ſei ſie in Ermangelung einer beſſeren vorläufig hier wiedergegeben.
Die Zeitungen haben die Nachricht von der Hochzeitsfeier Ade⸗ line Patti's gebracht. Ihr Schwager und bisheriger Führer auf dem Lebenswege, Herr Strakoſch, iſt mit blutendem Herzen bei der Hoch⸗ zeit zugegen geweſen und hat ſich in das Unvermeidliche gefunden. Indeß verläßt Gott keinen Muthigen; Strakoſch hat inzwiſchen einen neuen Geſangsſtern gefunden, eine Miß Auck, die in Amerika mit glänzendem Erfolge aufgetreten ſein ſoll und an der Patti Stelle von Strakoſch umher geführt werden wird.
Natürlich iſt auch Ullmann, der die Carlotta Patti wie eine ausgenutzte Goldgrube verlaſſen, für die Zeit bedacht geweſen, wo das Publikum dieſer Clarinette überdrüßig ſein werde. Schon ſeit Jahren läßt er in Wien eine junge Sängerin ausbilden und wird uns wahrſcheinlich demnächſt mit einer furchtbaren Reclame für ſeine „Bertha“ überraſchen.
Adeline Patti geht inzwiſchen im Herbſt nach Petersburg, um dort ihre contractlichen Verpflichtungen zu erfüllen und noch eine halbe Million zu erwerben. Von da geht ſie nach Amerika; ihr Marquis natürlich mit ihr. Da ſich nun aber die Doppelſtellung dieſes Herrn als Kaſſirer einer Sängerin und Stallmeiſter des Kaiſers der Franzoſen nicht verantworten läßt, hat Napoleon den Titel zurückgezogen, dem Marquis aber den Gehalt gelaſſen. Die Kaiſerin Eugenie hat die Genugthuung, zwei Heirathen protegirt zu haben, nämlich die der Herzogin von Mornh mit dem Herzog von Feſto, ihrem einſtigen Liebling, und die des Marquis de Caur mit der diva Adelina. Die letztere ſoll ihr am ſauerſten geworden ſein.
Auch die Finanzen werden kriegeriſch und das Contobuch mar⸗ ſchirt auf die Menſur. Ein Pariſer Journaliſt, Namens H. Barrot, und ein Bankier, Namens Jecker, haben bei Waterloo eine neue Schlacht geſchlagen. Herr Jecker hat in dem Duell als Bankier einen Meiſterſchuß gethan und den Journaliſten gerade ins— Portemon⸗ naie getroffen. den. Welch ein Schuß!
Der Vicekönig von Aeghpten iſt, wie ich ſchon mehrmals er⸗ klärte, einer der freigebigſten Könige; er ſäet das Geld auf allen ſeinen Wegen, ſcheint aber dafür auch keineswegs ſehr ſkrupulös in den Mitteln zu ſein, durch welche er ſich ſeine Einnahmen verſchafft, und ſeine Unterthanen nennen ihn deshalb„Cawadſchi“, d. h. Kauf⸗ mann.
Wie man behauptet, hatte Ismael Paſcha beiſpielsweiſe im
Jahre 1864 eine Summe von 144 Mill. Franken in ſeine königliche
Die Kugel iſt ihm aus der Veſtentaſche gezogen wor⸗
Taſche geſteckt, die er denn auch redlich wieder ausgegeben haben


