Jahrgang 
1868
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der Geſchichte menſchlicher Miſere zwar um manches merkwürdige Blatt bereichert, in den meiſten Fällen aber blos dazu beiträgt, das ideale Bild, welches ſich unſere Phantaſie nach den Schöpfungen des Künſtlers, von der Perſönlichkeit deſſelben gemacht, zu zer⸗ ſtören, oder doch ſeines ſchönſten Zaubers zu entkleiden. Dieſe Worte haben Bezug auf eine andere große Künſtlerin, der auf ihrem bewegten Lebensgange viel Schönes, aber auch viel Leides widerfahren, die mit ihrer glühenden Seele überall Liebe ſuchte und die Männer leidenſchaftlich⸗eigennützig und ſelbſtbewußt, nicht

liebend fand: deren erſter Gatte eine ſolch leidenſchaftliche Natur,

deren zweiter ein nichtswürdiger Schurke, deren dritter ein hochherziger tiefgebildeter Mann, ihr erſter Gatte hätte ſein müſſen, um das gewaltige, glühende Herz der großen Frau ſeiner ganzen edeln Anlage nach zu entfalten. Ich ſpreche hier von Wilhelmine Schröder-Devrient. Ich habe ſie früher geiſtreicher, genannt als Henriette Sontag, aber Umſtände hat⸗ ten ihr jenen kindlichen Frohſinn geraubt, der die Sontag auszeichnete. Es lag mehr Heldenmäßiges, Leidenſchaftliches in jener Natur, mehr Ehrgeiz. Die Sontag war einfacher, wie denn auch ihreZerline und ihreSuſanne größere, weit mehr indi⸗ viduelle Leiſtungen waren, als ihreDesdemona und ihre Semiramide. Sie war beſcheidener, ſo zu ſagen, obwol es unentſchieden bleiben muß, ob Mutter⸗Ehrgeiz oder Künſtler⸗Ehr⸗ geiz der Beweggrund war, die Bühne wieder zu betreten. Ihr Gatte beſaß kein Vermögen; die Revolution in Italien(1848 und 1849) hatte ſeine Stellung als Geſandter, alſo auch ſeine Einkünfte, durchaus unſicher gemacht; als Graf und Gräfin mußten ſie ſtandesgemäß leben und ihren Kindern eine ſtandesgemäße Erziehung geben es war alſo jedenfalls hier ein Opfer, daß dieLady brachte. Allein ſie vergötterte ihre Kinder, ſie ver⸗ götterte ihre Kunſt. Ein ſo eigenthümlicher Kenner des Geſanges, der Stimme, wie Großherzog Georg, ihr treuer Freund, konnte ihr ein beſter Rathſchluß ſein. Sie war noch immer, im vollſten Sinne des Wortes, eine prima donna assoluta, nicht nur eine tüchtige Sängerin, die(wie leider augenblicklich z. B. die Griſi gethan hat) mit alten Erinnerungen kokettirt und ſich auf alte Errungenſchaften und Schöpfungen ſtützte. Ihre Stimme hatte noch ganz den Silberklang der Henriette Sontag, der ſelbſt in der Erinnerung die Geſichter aufhellte. Alles an ihr war geſund und tüchtig: ſie hatte nicht nur den Willen, nein, ſie be ſaß die Mittel im höchſten Grade. Ihr Auftreten nach langer Abweſenheit war kein Abenteuer, keine Speculation. Niemand darf dies beſtreiten; wenn wir jedoch Andeutungen hören oder hörten, daß ſie dieſes Wiederauftreten aus geizigen Abſichten über⸗ nehme, ſo müſſen wir das ernſtlich leugnen. Der Grund war die Stellung, das Vermögen ihrer Kinder. Kein anderes Land in Europa hätte ihr für die erſten ſechs Monate einer neuen Carriere 40000 Thaler(6000 Pfd. St.) bieten können. Hier ſei es übrigens noch erwähnt, daß die Koſten, Reiſekoſten, ihre eigeneRenumeration u. dergl. während ihres Aufenthalts in England ſelbſt für dieſes als enorm betrachtet werden müſſen. Sie beliefen ſich auf circa 150,000 Thaler! Allein noch einmal ſei es erwähnt: Sievergab ſich nichts. Sie ſtieg weder von der Stufe, die ſie als große Sängerin, als große Künſtlerin ein⸗ genommen, noch von der, die ihr neuer Stand, ihre Heirath mit dem Grafen Roſſi ihr in der Geſellſchaft geſichert. Sie war viel⸗ leicht beſorgt geweſen, daß ſie in London nicht alsLady be⸗ handelt werden würde. Aber wie alle Welt ſie hier als Künſt⸗ lerin verehrte, pries, vergötterte, ſo war ſie zu gleicher Zeit den oberen Zehntauſend, der créme de la créme der ſtolzeſten Ariſtokratie, eine Ebenbürtige, eine Lady geblieben. In den höchſten Kreiſen wurde ſie als ſolche empfangen. Die muſik liebende Herzogin von Cambridge, eine Schwägerin des Groß⸗ herzogs von Mecklenburg⸗Strelitz, empfing ſie als Freundin, als Lady in ihrem Palais. Der Herzog von Cleveland, der Herzog von Rutland, der ruſſiſche Geſandte, Baron von Brunnow und ſeine liebenswürdige Gemahlin, und andere Notabilitäten öffneten ihre Palais, ihre Salons für ſie als Ebenbürtige. Nicht nur in London allein. Um der großen Künſtlerin eine Erholung nach ihrem neuenFeldzug zu gönnen, wurden ihr und ihrem Ge⸗ mahl(der übrigens nicht, wie ſo oft die Gemahle von Künſt⸗ lerinnen, als Null betrachtet wurde) die mit allem Luxus aus⸗

geſtatteten Landſchlöſſer zur Verfügung geſtellt. So beſuchte ſie unter anderm das romantiſch gelegene Belvoir Caſtle, das Familien⸗ ſchloß des Herzogs von Rutland, und Raby-Caſtle, im Norden Englands, das Stammſchloß der Herzoge von Cleveland. Alles wurde hier, es war zu Anfang des Jahres 1850, aufgewendet, um ihr den Aufenthalt ſo angenehm wie für ihre Geſundheit zu⸗ träglich zu machen.

WMit Bedauern wird Mancher hier der Eindrücke gedenken, die Wilhelmine Schröder⸗Devrient von dem engliſchen Geſellſchafts⸗ leben mit nach Deutſchland zurücknahm. Für die engliſche Geſell⸗ ſchaft war ſie ja nur Künſtlerin, und als ſolche huldigte man ihr hier; aber ſie war nichtLady. Sie entzückte und erregte die créme de la créme als Künſtlerin; ſobald aber der Applaus vorüber war, fiel ſie in den ihr zugewieſenen Geſellſchaftsgrad als bloße Frau zurück. Ihre Talente, ihre geiſtreiche Unterhaltung, ihr Benehmen wurden als nichts gerechnet. Der Frauenwelt gegen⸗ über war ſie etwas kalt, wenn auch freundlich, doch ſeltenzu freierer Hingabe geſtimmt; und der weibliche Zauber ihrer An⸗ ziehungskraft, der ihr die ganze Männerwelt beinahe ſtlaviſch unterordnete, durfte in den engliſchen Salons des engliſchen Anſtandes halber, der in der Geſellſchaft immer den Katechismus in der Hand trägt! natürlich nicht ſtattfinden.In allen Salons, ſagt Alfred von Wolzogen,wurde ſie bewundert; eine Einladung zu muſikaliſchen Soirsen ohne ſie war in den faſhio⸗ nabeln Kreiſen kaum mehr denkbar, und doch fühlte ſich die jeden Zwang verabſcheuende Seele der Künſtlerin in der durch die uner⸗ bittlichſten Umgangsformen feſtgeſchmiedete Ketten tragenden eng⸗ liſchen Geſellſchaft nicht glücklich, ſo hoch ſie auch die Comforts zu ſchätzen wußte, wodurch das praktiſche Volk jenſeit des Kanals ſein häusliches Daſein über Alles behaglich zu machen verſteht.*)

Doch folgen wir der Sontag jetzt nach England. Es ſcheint, daß ſchon gegen Ende des Jahres 1848 der Direc⸗ tor der königlichen Oper in London(das abgebrannte Her Majesty's Theatre), Mr. Benjamin Lumley, ein Gerücht vernommen hatte, daß die Gräfin Roſſi, einſt ſo hoch gefeiert als Henriette Sontag, nicht abgeneigt ſein dürfte, die Bühne wieder zu betreten; Umſtände halber. Her Majesty's Theatre hatte derzeit gerade einen faſt unerſetzlichen Verluſt durch den Abgang der ſchwediſchen Nachtigall erlitten, und Mr. Lumley war daher äußerſt beſorgt, deren Platz durch eine vielleicht noch höhere Kraft zu erſetzen. Sein Hauptgedanke war daher, dieſesGerücht für London, für England zu benutzen; zumal da ihm von glaub⸗ würdiger Seite her noch verſichert wurde, daß die Gräfin Roſſi nicht nur den vollſten Beſitz ihrer Stimme ſich erhalten habe, ſondern daß son physique, sa taille faſt einen Ninon de Enclos Zauber der Erhaltung beſäße, und daß jener Zauber⸗ duft und jener Reiz, der ihr vor mehr als zwanzig Jahren in ſo hohem Grade eigen geweſen, noch derſelbe Zauberduft und der⸗ ſelbe Reiz ſeien. Es ſchien beinahe unglaublich; und doch konnten, als ſie einige Monate darauf wirklich in London auftrat, die am ſchwerſten zu befriedigenden Habitués der Oper, mit den aus⸗ gezeichnetſtenGuckern bewaffnet, ihr dieſen namenloſen, jugend⸗ friſchen Reiz, der ob ihrer ganzen Individualität lag, nicht ab⸗ ſprechen. Alte Herren glaubten ſich wie mit einem Zauberſchlage in die roſige Zeit der neben ihnen ſitzenden Söhne zurückverſetzt. Es ſchien ein Wunder, aber es war Wirklichkeit.

Mr. Lumley war unentſchloſſen, ob ſich an die Gräfin ſelbſt zu wenden. Allein ihr Gemahl war nicht nur Graf, nicht nur Null, er war Diplomat. Die Verhandlungen wurden alſo diplomatiſch eröffnet. Der Director wandte ſich an den da⸗ maligen engliſchen Geſandten in Berlin, Lord Weſtmoreland, deſſen Porträt, ſei es hier beiläufig bemerkt, mich lebhaft an Mendelsſohn erinnerte, als ich es in Lowther-Caſtle ſah. Graf Weſtmoreland war ein großer, ernſter Muſikliebhaber und ein Freund der Gräfin. Allein dieſer Schritt, ſich in dieſer Ange⸗ legenheit an ihn zu wenden, war ein Irrthum. Die Möglichkeit

*) Ich benutze hier die biographiſche Studie, die dieſer treffliche zuerſt inUnſere Zeit(Februar 1862, S. 81 101) veröffentlicht hat, und die, unter dem TitelWilhelmine Schröder⸗ Devrient, eine Vorſtudie zu ſeiner werthvollen Biographie der Künſtlerin iſt, welches geſchätzte Werk mir aber augenblicklich nicht zugängig iſt. H. K.

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